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Die Musik.

Musik spielt eine Rolle in meinem Leben. Keine so große mehr wie früher, aber immer noch eine Rolle. Und mein Musikgeschmack ist sehr breit gefächert. Eigentlich höre ich alles außer Schlager (und mittlerweile wird dieser radiotaugliche Deutschpop auch immer schwieriger, hui, so viel Klischee).

In meiner Kindheit habe ich die Welt über Musik und Bücher entdeckt. (Naja, und über das reale Leben – aber z.B. fast gar nicht übers Fernsehen.) In deutschsprachiger Musik habe ich so viel gelernt! Damals natürlich zu einem Großteil noch die Musik meiner Eltern – aber die mag ich heute noch. Udo Lindenberg brachte mir Dinge über die Liebe und Sexualität bei. Über Reinhard Mey erfuhr ich so viel über Geschichte und Familie und die Liebe eines Vaters zu seinen Kindern. Hannes Wader und Die Toten Hosen brachten mir erste politische Meinungen näher. Fettes Brot hat mir die Liebe zur Sprache vermittelt, zu Wortspielen, zu vollkommen unerwarteten Reimen.

Ich kann mich noch so gut erinnern, wie oft ich zu meiner Mutter bin mit einer Frage, weil ich etwas in einem Lied gehört hatte. „Mama, was heißt ‚eskaliert‘?“ „Mama, was ist denn ‚das höchste Gut‘?“ „Mama, was ist eigentlich ‚Deportation‘?“ „Mama, was bedeutet das, ‚Petting‘?“

Und so oft habe ich mir vorgestellt, diese Lieder (und alle, die ich seither neu kennen gelernt habe) mit meinen Kindern zu hören. Diese Musikliebe weiterzugeben. Dieses grandiose Instrument, zu lernen, ohne es zu merken. (Und plötzlich ist man Mitte 20 und merkt, dass das Lied, was man schon sein Leben lang kennt und auswendig im Schlaf singen könnte, eigentlich ein Gedicht von Bertolt Brecht ist. Man kennt plötzlich schon Jahreszahlen im Geschichtsunterricht und Zusammenhänge, von denen man sich nie erinnert, sie gelernt zu haben. UND man hat für jede Gelegenheit und Stimmung das passende Lied auf den Lippen.)

Eine Zeitlang konnte ich die „Familienlieder“ von Reinhard Mey nicht mal mehr anhören. „Die erste Stunde“?

So lange, wie ich leben mag,
werd‘ ich die Stunde und den Tag,
den Augenblick vor Augen haben
Da sie dich mir, winzig und warm
zum ersten Mal in meinen Arm
und in mein Herz zu schließen gaben.

Für einen Augenblick lang war
mir das Geheimnis offenbar,
warst du Antwort auf alle Fragen.
Vom Sinn und Widersinn der Welt,
der Hoffnung, die uns aufrecht hält
trotz aller Müh’n, die wir ertragen.

„Menschenjunges“ war das erste Lied, das unsere Kinder hätten hören sollen. Und später natürlich breiter gefächert. Solange es nicht auf Helene Fischer hinausliefe. Punk und Rock, von meinem Mann noch Metal dazugemischt, es wäre so schön gewesen! Ich bin so oft allein Auto gefahren und habe mir beim Mitsingen vorgestellt, dass auf der Rückbank jemand im Kindersitz mitsingt. Und ich würde die Welt erklären.

Gestern dann fuhr ich mal wieder mit Musik heim und stellte mir vor, wie absurd-niedlich es wäre, wenn ein Dreijähriger das mitquietschen würde:

 

Und das ist jetzt vermutlich sehr speziell, aber es hat mich schon ein wenig traurig gemacht.

Und weil auf Twitter noch mal die Nachfrage kam, ob wir nicht vielleicht uns doch eine Adoption vorstellen könnten: Klar, habe ich ja oft genug gesagt. Aber ich habe das Gefühl, jetzt durch mit dem Thema zu sein. Ich fange tatsächlich im Februar eine neue Stelle an. Es ist gut so wie es ist. Aber so, wie Mütter manchmal von ihren Kindern genervt sein können, oder Dinge aus der kinderlosen Zeit vermissen, gibt es eben immer noch Momente, in denen ich traurig bin. Das ist okay. Das wird nie ganz weg sein, denke ich. Und man weiß nie, was noch kommt. Ich weiß nur, dass ich mich jetzt nach über 6 Jahren erfolgloser Kinderwunschbehandlung nicht noch auf einen Adoptionsprozess einlassen werde. Da hab ich nicht die Nerven zu. Und das ist okay.

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Was mir entgeht – die Negativ-Edition.

Alle Dinge, die ich nicht erleben muss, wenn ich keine Kinder bekomme. Ein Gegengewicht zum Artikel „Konjunktive„.

Nachts aufstehen. Windeln wechseln. Ein größeres Ungleichgewicht beim Mental Load. Die Suche nach dem Kindergartenplatz. Eingewöhnung. Karriereknick. Rentenlücke. Hausaufgabenbetreuung. Sorge, wenn das Kind woanders ist. Sorge, wenn das Kind sich verspätet. Keine Selbstbestimmung mehr. Ein Baby, das sich nicht beruhigen lässt, ohne dass man den Grund dafür kennt. Pubertät. Tinnitus (Kinder sind so! unglaublich! laut!!!). Dauerhaftes Chaos in der Bude. Mäkelige Esser. Kein durchgängiges Gespräch mehr führen können. Am Wochenende in aller Früh aus dem Bett. Kinder zur Schule bringen. Kindergeburtstage. Kosten in Höhe von ca. 130.000 Euro. Teilzeitarbeit und die Angst, keine neue Stelle zu finden. Ferienbetreuung finden. Im Urlaub an die Ferien gebunden sein. Kinderkrankheiten. Kinderkrankheiten den Kollegen erklären müssen. Keine spontanen Konzertbesuche, Boulder-Verabredungen, Kinobesuche, Spieleabende, Saunatage mehr. Noch viel größere Angst um die Zukunft unseres Planeten. Völlige Erschöpfung über Jahre hinweg. Blitzableiter sein. Die totale Verantwortung für einen anderen Menschen tragen, über Jahre hinweg. Kotze wegwischen. Stillprobleme. Das eigene Zimmer in der Wohnung zum Kinderzimmer umfunktionieren. Immer Vorbild sein. Kindergarteneingewöhnung. Stress mit Lehrerinnen und Lehrern. Frozen. Elternabende. Beziehungsstress. Ein dauerhaft schlechtes Gewissen. Die Angst, etwas falsch zu machen und damit das Kind für immer zu „versauen“. Indoorspielplätze. Unfassbar teure Schulranzen (WTF, Ergobag?!). Eltern-Wettbewerb. Dumme Ratschläge zu Erziehungsthemen. Einem Kind Dinge wie Krieg, AfD, Holocaust erklären müssen. Geldsorgen. Schulfeste. Sportvereine. Fußballturniere samstags früh. Angelüllerte Reste essen. Mein Leben lang mein persönliches Glück vom Glück eines anderen Menschen abhängig machen, obwohl dieser später seine ganz eigenen Entscheidungen trifft. Gewichtszunahme aufgrund der Schwangerschaft. Selber nicht krank sein dürfen, weil Kinder keine Rücksicht nehmen (können). Quengeln im Supermarkt. Postnatale Depression. Mir den Mund fusslig reden über Geschlechterrollen, insbesondere mit der Schwiegerfamilie. Pausenbrote schmieren. Jeden Morgen pünktlich aufstehen. Streit übers Für-die-Schule-Lernen und Mitarbeiten im Haushalt. Geburtsschmerzen und Komplikationen. Einen Abstellplatz fürs Lastenfahrrad (und später Kinderfahrrad) suchen. Ein schlechtes Gewissen, weil wir keinen Garten haben. Und uns kein Haus leisten können (mit Kind erst recht nicht). Raben- oder Helikoptermutter sein. Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen. Immer verantwortlich sein. Paw Patrol. Endlose Diskussionen übers Zubettgehen. Popo abputzen. Mama-Taxi spielen. Influencer*innen und YouTuber. Streit mit dem Partner über Erziehung. Dinge hundert Mal wiederholen. Tausend „Warum?“-Fragen beantworten. Richtig wütend werden und es nicht rauslassen können. Kinderzähne putzen. Kinderspiele spielen. Übermüdete Kinder bei Laune halten. Kinderwünsche nicht erfüllen können. Die doofe Mama sein, die Dinge verbietet (anstelle der coolen Tante, bei der man das meiste darf). Alle Sachen, die sich in den unteren Regalfächern befinden, als Kleinkind-Freiwild aufgeben. Nicht mehr vor dem Fernseher essen. Ordentlich sitzen (Vorbildfunktion und so). Klassenfahrten bezahlen. Putzmittel und Medikamente wegschließen. Meinem Kind den sinnvollen Umgang mit sozialen Medien, Smartphones, Fake News, Internetmobbing beibringen. Brüste als Milchtankstelle. Haustierwünsche. Nachts ein Kind im Bett. Keine körperliche Selbstbestimmtheit mehr. Nicht mehr allein aufs Klo gehen. Selten seine Ruhe haben. Weinerlichkeit. Rückenschmerzen vom Kind tragen. Mein Kind enttäuschen. Mit einem Menschen zusammenleben, um den sich alles dreht und der sich selbst in aller Regel in den Vordergrund stellt. Einschlafbegleitung. Plastikgeschirr. Ninjago. Karneval. Trotzanfälle. Hobbys, mit denen ich nichts anfangen kann, bei denen ich aber trotzdem dabei sein muss. Merkwürdige Modetrends bei Teenagern. Studien- oder Ausbildungsplatzsuche. Mich mit Kindergeldanträgen etc. herumschlagen. Mit Kind zur Notaufnahme fahren. Konsequent sein. Schnoddernasen putzen (bei sich wehrenden Kindern!). Leiden, wenn das Kind leidet. Eifersüchtig sein, weil das Kind den Papa/die Oma/die Erzieherin (Liste bitte beliebig erweitern) vorzieht. Ein schlechtes Gewissen haben, wenn man nicht beim Kind ist. Stundenlang das Kind auf und ab tragen. Unsere Regale an der Wand befestigen müssen. Getränke mit reingespuckten Stückchen drin teilen. Mama Mama Mama Mama Mama Mama Mama Mama Mama hören. Klebrige Hände saubermachen. Überall Sand finden. Hässliches Plastikspielzeug im Haus haben.

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Das Leben geht weiter.

Trinklernbecher, Erziehungsratgeber, Bilderbücher, Tragetücher, Schwangerschaftsbücher und eine Baby-Nagelschere: Ich habe heute meine (private, also für andere sowieso unsichtbare) Baby-Wunschliste auf Amazon gelöscht.

In dem Buch „Living the life unexpected„, in dem es um das Leben mit dem unerfüllten Kinderwunsch geht, bin ich nicht über Kapitel 3 hinausgekommen.

Von der letzten, erfolglosen Behandlung und dem voraussichtlich dauerhaft kinderlosen Leben habe ich noch niemandem in der Familie oder im Freundeskreis erzählt.

All das nicht, weil es mir zu sehr wehtut oder nicht erträglich ist. Sondern, weil es mich derzeit absolut null beschäftigt. Ich denke nicht darüber nach.

Worüber ich nachdenke: Ich habe mich auf eine Umschulung beworben und bin im Bewerbungsprozess, hatte schon einen Einstellungstest und hoffe, dass ich nun zum Vorstellungsgespräch eingeladen werde. Ich jongliere mit zu vielen Hobbys in zu wenig Freizeit. Ich gehe endlich wieder Bouldern, spiele wunderbar viele Brettspiele mit sehr vielen sehr tollen Lieblingsmenschen, habe das Ukulelespielen angefangen, die Sommerpause vom Chor ist fast vorbei.

Mein Gespräch mit der Therapeutin? Es begann damit, dass ich mich in den Sessel setzte und losheulte, einfach, weil ich wieder dort war. In wenigen Sitzungen habe ich so sehr geweint wie in dieser. Dabei habe ich für mich festgestellt, dass aktuell wirklich meine größte Sorge ist, meine Eltern zu enttäuschen mit der Kinderlosigkeit. Dass für MICH die Entscheidung, nicht zu adoptieren, die richtige ist, aber dass meine Mutter das sicherlich schwer verstehen wird.

Die beste Therapeutin der Welt hat noch beigesteuert, dass es jetzt bei mir eben ein Trauerprozess sein wird, der nicht einfach so zu Ende ist und dass diese Trauer immer mal wieder auftauchen wird. Also – mein Leben lang. Aber so ist es eben mit der Trauer. Aktuell ist sie sehr still und ich sehe noch immer in erster Linie, was mir alles erspart bleibt. Vom Schlafmangel über die Kindergartenplatz-Suche über die Vereinbarkeit von Kind und Beruf bis hin zur Pubertät. Ich gehe aber davon aus, dass sich das auch noch wieder ändern wird.

Das Leben geht aber tatsächlich weiter. Momentan ist alles gut so, wie es ist. Und was kommt, darauf haben wir eben nur minimalen Einfluss. Lassen wir es auf uns zukommen.

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Die Angst vor der Bequemlichkeit.

Heute Nachmittag werde ich den letzten Termin mit meiner Therapeutin haben. Und irgendwie muss ich jetzt mal aufschreiben, worüber ich eigentlich reden möchte! Denn als ich den Termin ausgemacht habe, ging es mir noch recht schlecht. Und jetzt geht es mir schon so viel besser!

Wir waren auf einem Kurztrip in Stockholm und alle Kinder, die wir dort getroffen haben, haben sich wie abgesprochen von ihrer schlechtesten Seite gezeigt. Nervig, anstrengend, laut, wild, egoistisch… Es war dann tatsächlich ein bisschen witzig, wie mein Mann und ich uns dann immer anschauten, wenn gerade wieder ein rabaukiges Kind fast ins Hafenbecken gefallen wäre, und seufzten „Gut, dass wir keine Kinder haben!“ Natürlich leise (niemand würde es ja verstehen, wieso wir das so sagen – es hatte fast etwas therapeutisches). Eigentlich stört mich solches typische Kinderverhalten nicht, es gehört eben dazu und ich mag doch Kinder sehr. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, die Welt will uns zeigen, dass es durchaus auch Vorteile hat, KEINE Kinder zu haben! 😉

„Gut, dass wir keine Kinder haben“ – ist das so? Irgendwie schon. Ich will jetzt nicht noch einmal die ganzen Nachteile aufzählen, die Kinder so mit sich bringen. Kommt noch jemandem dieses ständige Aufzählen vor, als müsse ich mich selbst überzeugen? Aber neben den offensichtlichen Nachteilen wie Zeiteinteilung, Geld, Freiheit hier noch ein zwei Punkte, die mir durch den Kopf spuken:

Vielleicht ist es besser, keine Kinder in diese aktuelle Welt zu setzen. Klimakrise, hässliche politische Entwicklungen… Wer weiß, ob es dir ein Kind in 20 Jahren nicht zum Vorwurf macht, in diese Welt geworfen zu sein. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie unsere persönliche Lage aufgrund der Klimaveränderungen in den nächsten Jahrzehnten aussehen wird.

Wir sind nicht mehr die jüngsten. Gut, wir sind auch noch nicht die ältesten, aber mein Mann wäre bei der Geburt eines potenziellen Kindes 40 Jahre alt. Ich wäre mindestens 36. Klar geht das. Aber junge Eltern können wir nicht mehr werden.

So, und somit bin ich kopfmäßig mit der Entscheidung, es jetzt dabei zu belassen, eigentlich mit mir im Reinen.

Eigentlich.

Ihr kennt dieses Wort, das so vieles relativiert.

Auf der anderen Seite kommt es mir auch irgendwie wie Feigheit, Egoismus, Bequemlichkeit vor. Es hat zu viele Nachteile? Ja meine Güte, das haben ja schon ganz andere gemeistert als wir. Leute mit weniger Geld, Zeit, Freizeit. Es wäre eine zu große Umstellung? Stell dich nicht so an, das Leben ist kein Ponyhof, das ist es doch Wert, sei nicht so bequem. Willst du wirklich in 20 Jahren bereuen, weil zu heute zu faul bist, dich um eine Adoption zu bemühen, es mit deinem Mann auszudiskutieren, noch ein bisschen zu warten? Weil du zu bequem bist, dein Leben komplett auf den Kopf zu stellen? Denk doch mal darüber nach, was dir alles entgeht. Die tollen Dinge. Die Familienzeit. Das Kinderlächeln. Das „Mama“ und die ganz ganz große Liebe. Und weshalb? Weil du alles lieber so lässt, wie es schon immer war? Willst du in 30 Jahren wieder die einzige im Freundeskreis sein, die keine kleinen Babys im Arm hält, weil eben niemand da ist, der Enkelkinder hervorbringen könnte? Bist du wirklich zu feige, deinen Eltern Enkelkinder zu gönnen?!

Alles wird gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

Ja, meine latente innere Stimme ist nicht gerade freundlich und nachsichtig. Herr im Himmel, wenn ich es so lese, gruselt es mich selbst ein bisschen. Wo kommt das her? Vermutlich teilweise aus dem bei uns so überhöhten Konzept der Mutterschaft, die das Leben einer Frau erst vollständig macht. Wo Kinder zum Leben eben dazugehören. Und wer keine hat, ist faul, karrieregeil (haha, wer sich meine Karriere anschaut, dürfte vor Lachen vom Stuhl fallen) und egoistisch. (Über die Tatsache, dass der Kinderwunsch an sich genauso egoistisch ist, sehen wir an dieser Stelle einmal hinweg.) Dann aus der in unserer Gesellschaft fest verankerten Überzeugung, dass man nie aufgeben darf. Und natürlich fühlt es sich wie Aufgeben an. Dass sich Träume, Wünsche und Überzeugungen mit der Zeit ändern können, wird ignoriert. Ich fand dieses ewige Festhalten schon immer schwierig, denn letzten Endes ist ja gerade die Kinderwunschgeschichte eine, auf die wir mäßigen Einfluss haben.

Tja, da kommt es wohl raus, ich habe schlichtweg ein schlechtes Gewissen und Angst vor zukünftiger Reue. Da hab ich wohl mein Thema für die Therapiestunde am Nachmittag…

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You never, NEVER know.

Es ist doch wirklich so: Mit jedem Tag komme ich besser klar. Verrückt! Kürzlich waren wir abends bei Schwägerin und Schwager, und da es der erste Abend der Sommerferien war, durften meine Nichte und mein Neffe lang aufbleiben und HOLLA die Waldfee, war ich erleichtert, als die Nichte endlich auf dem Sessel eingeschlafen war! 😉

Ein Nebensatz in einem Podcast, in dem es um völlig andere Dinge ging, hat mich ebenfalls weitergebracht. Sinngemäß wurde gesagt, dass Entscheidungen im Leben ja eigentlich immer zu etwas führen, von dem man nicht weiß, wie es wird. Nehme ich den Job meines Lebens an und ziehe um, und werde in der neuen Stadt sofort von einem Auto überfahren? In welche der beiden Wohnungen, die mir gefallen, soll ich ziehen – vielleicht finde ich in den Nachbarn von Wohnung A meine besten Freunde fürs Leben, und vielleicht finde ich in Wohnung B plötzlich die Liebe meines Lebens in der Nachbarschaft. Vielleicht kommt es auch ganz anders. You never, NEVER know. Vielleicht wäre ich schwanger geworden, wir hätten ein gesundes Kind bekommen, ich wäre mit dem Schlafmangel nicht zurecht gekommen und dem Mental Load und mein Mann und ich hätten uns getrennt. You never, NEVER know.

Momentan treibt mich mal wieder die Jobfrage um, ich will ja nun nicht ewig machen, was ich aktuell mache. Aber was ich stattdessen machen will, GOTT IM HIMMEL, ich habe nicht den Hauch einer Ahnung. Ich denke über die Dinge nach und die Antwort ist NICHTS, ich will NICHTS davon machen, was mir einfällt. Und ich muss noch mindestens 32 Jahre arbeiten (obwohl… you never, NEVER know)!!! Aktuell ist eine Umschulung ausgeschrieben, die mich VIELLEICHT interessieren könnte, aber die geht dann direkt 2 Jahre, ich müsste meinen Job kündigen, und weniger verdienen (okay, für zwei Jahre) und danach wäre die Zielausrichtung auch nicht so 100% meins. Aber da offenkundig NICHTS 100% meins ist… Argghhhh!!!

Ihr seht, andere Dinge treiben mich gerade um. In anderthalb Wochen habe ich tatsächlich noch mal einen Termin bei der Therapeutin. Sie rief mich zurück und bestätigte, dass meine verbliebenen Termine verfallen seien, aber sie würde das schon irgendwie abgerechnet kriegen. Yay! Da der nächste Termin allerdings halt erst vom Anruf aus gesehen in drei Wochen war, habe ich jetzt ein bisschen „Angst“, dass ich schon alles von selbst verarbeitet habe bis dahin. 😉 Aber das ist glaube ich zum einen unrealistisch und zum anderen wäre es ja auch ein Erfolg, eigentlich.

Ich habe immer noch niemandem in der Familie gesagt, dass wir aller Wahrscheinlichkeit nach nun kinderlos bleiben möchten. Zu Beginn war es mir sehr wichtig, das meinen Eltern und Schwiegereltern zu erzählen. Jetzt denke ich, ich möchte mir erst selbst völlig im Klaren darüber sein, wie ich dazu stehe und wie es weitergeht. Gut, dass ich da keinen Schnellschuss getätigt habe.

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Ich komme nicht klar.

Alles wird gut, hab ich getönt. Es ist schon ok, egal wie es ausgeht, habe ich erzählt. Ich komme klar, hab ich gesagt.

All das habe ich auch geglaubt, und wie ist es nun, da es tatsächlich so weit ist? Ich komme nicht klar.

Also, natürlich komme ich schon klar. Ich weine nicht den ganzen Tag oder verzweifle völlig. Mir geht es nur nicht so gut, wie ich es erwartet hätte. Ich denke so oft daran, dass ich nun niemals Kinder haben soll. Niemals. NIE-MALS. Das ist eine lange Zeit. Und ich dachte, ich wäre darauf eingestellt, hätte eine realistische Sicht der Dinge, aber offensichtlich ist das nicht so.

Ich denke, das ist temporär. Es ist wieder so wie zu Hochzeiten des Kinderwunsches. Jeder Kinderwagen, jede schwangere Frau, jedes Kleinkind ruft „Niemals, niemals, NIEMALS!!!“ Es tut weh und lässt Tränen in den Augen stehen. Ich kenne das. Das geht vorbei.

Mit meinem Mann habe ich dann doch noch mal das Thema Adoption angesprochen – ganz vorsichtig. Er war überrascht und, wie erwartet, negativ eingestellt. Nicht wegen des Adoptionsthemas an sich, sondern – wie schon oft erwähnt hier – weil sein Wunsch nicht so dringend ist, weil er dachte, es sei jetzt endlich vorbei. Weil er, wie ich nun realisiert habe, vor anderen Dingen Angst hat als ich.

Was seinen Kinderwunsch am meisten dämpft: Der Verlust der Freiheit.
Was meinen Kinderwunsch am meisten dämpft: Die organisatorischen Schwierigkeiten.

Ich habe ihm all meine Konjunktive erzählt, er war etwas baff. So weit wie ich hätte er sich das offenbar noch nie vorgestellt, meinte er. Ich hab ihm dann aber auch noch meinen bislang noch nicht aufgeschriebenen Teil erzählt, mit allem, worüber wir uns nun KEINE Sorgen machen müssten und HOLY-MOLY damit hab ich mich innerhalb von Sekunden sowas von meinem Kinderwunsch geheilt, dass es schon nicht mehr feierlich war, und mich dezent selbst in Panik versetzt. Ich sollte es also wirklich mal aufschreiben, alles von Kita-Suche über Arbeitszeitschwierigkeiten bis hin zu Rentenlücken. Vielleicht wirkt das nachhaltiger.

Ich habe meiner Therapeutin eine Email geschrieben. Eigentlich hatte ich noch 2 oder 3 Termine offen, aber die habe ich nie wahrgenommen. Allerdings war ich zuletzt vor über einem Jahr dort und laut einer kurzen Internetrecherche darf man die Therapie nicht für länger als 6 Monate unterbrechen. Mal sehen, ob es da noch eine Möglichkeit gibt, denn ich denke, noch ein-zwei Gespräche würden mir wirklich helfen. Vielleicht kann ich sie ja auch selbst bezahlen im Zweifel (keine Ahnung, was das kostet).

Ich weiß nicht, was ich tun soll. Eigentlich möchte ich glaube ich nicht adoptieren. Mehr Wartezeit, man wird nicht jünger in der Zwischenzeit (mein Mann findet sich jetzt schon zu alt – er wird bald 40), und wieder so viel Ungewissheit. Eigentlich möchte ich gern abschließen. Aber es ist schwer.

Ich schätze mal, es ist jetzt einfach eine Zeit der Trauer. Das Ergebnis ist schließlich noch nicht einmal 2 Wochen her (das tatsächliche Ergebnis sogar noch nicht mal eine Woche), ich erwarte vermutlich zu viel von mir. Zeit! Es braucht Zeit. Und hey, die habe ich ja wohl. Ich hab ja schließlich keine Kinder.

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Die Kryo: Nicht mehr nachweisbar.

Gestern durfte ich dann zum zweiten Test in die Klinik. Und so saß ich ein letztes Mal im Wartezimmer und musste erstaunlich lange warten. Das war mir glücklicherweise recht egal, denn ich habe Urlaub. Das Blutabnehmen klappte so gar nicht, ich wurde doch tatsächlich 3x gepiekst und dann wurde noch gestochert. Also, da hab ich noch mal richtig was davon gehabt für mein Geld… Beim Ultraschall erwähnte die Ärztin so oft das Wort „Eileiterschwangerschaft“, dass ich doch noch ganz nervös wurde. Obwohl da eigentlich gar nichts für sprach, außer, dass die Blutung noch nicht eingesetzt hat.

Mittags dann der Anruf: Keine Eileiter-, aber auch keine sonstige Schwangerschaft. Also keine Überraschungen.

Morgen ruft mich dann noch einmal die Lieblingsärztin Dr. C. an. „Um zu besprechen, wie es weitergeht“. Ich habe zwar schon gesagt, dass es nicht weitergeht, aber die Ärztin gestern (nicht Dr. C.) meinte, es sei doch auch schon gut, einen Abschluss zu haben, und ich könnte auch gern vorbeikommen. Ja nee, das muss ja dann wirklich nicht sein, aber ein Telefonat, klar, wieso nicht. Mal sehen, was gesagt wird.

Wie geht es mir? Ich bin noch unsicher. Es fällt mir schwer, das Thema ganz loszulassen. Ich weiß nicht, ob mein Mann merkt, wie sehr es in mir steckt. Ich denke, es braucht einfach Zeit.