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Abstand

Ich habe so viel Abstand, dass ich die aufgeregten Hibbel-Tweets anderer mit einem milde amüsierten Kopfschütteln wahrnehme. Das ist ein bisschen niedlich von mir selbst, denn: Wenn ich in der Situation bin, bin ich kaum anders.

Obwohl, ein bisschen anders bin ich inzwischen vielleicht schon. Hoffnung? Ja, bitte. Verzweiflung? Nein, danke.

Kürzlich war ich zum Hautscreening bei einer Hautärztin. Es war meine allererste Hautkrebsvorsorge – irgendwie dachte ich, mit 33 wäre es jetzt ja doch langsam mal an der Zeit. Also füllte ich brav das Formular für Erstpatienten aus, konnte mir wieder mal nicht merken, ob ich eine Schilddrüsenüber- oder unterfunktion habe (Google sagt UNTER und ich grüble noch mal ein bisschen über eine Eselsbrücke nach), und kam dann auch relativ schnell dran.

Im allgemeinen Gespräch zeigte sich die Hautärztin erst mal entsetzt, dass ich schon mal einen schweren Sonnenbrand hatte – sogar mehrere! Das wäre ja bei Kindern aus den 70ern Usus gewesen, aber in meinem Alter hätte sie in der Regel Patientinnen und Patienten, die NOCH NIE einen Sonnebrand hatten, das Bewusstsein sei da einfach gestiegen. Ähm. Echt jetzt? Noch NIE einen Sonnenbrand? Lügen die alle? Die Vorstellung kommt mir völlig absurd vor.

Wie dem auch sei, jedenfalls fragte sie mich dann, ob ich Hormone einnehme und ich berichtete wahrheitsgemäß von der Kinderwunschbehandlung. Ach ja, sagte sie, sie habe ja auch mit 38 Jahren noch ein IVF-Baby bekommen. Wir plauderten ein wenig über das Thema, wie man das eben so tut (Wo sind Sie denn in Behandlung, was wurde schon gemacht etc.) und wie ich es auch eigentlich ganz angenehm finde, wenn man mal auf jemanden trifft, der sich selbst schon mal damit befasst hat und man nicht jede Kleinigkeit erklären muss. Sie hätten jedenfalls alles selbst zahlen müssen, 15.000 Euro hätten sie ausgegeben, aber das wäre es ja jetzt im Nachhinein alles Wert gewesen.

Mehrfach hat sie dann zu mir gesagt: Da müssen Sie echt hinterher sein. Da müssen Sie sich selbst kümmern. Ein Jahr ist da so schnell vergangen. Natürlich haben Sie mit 33 da noch etwas mehr Zeit, aber die Zeit vergeht so schnell. Seien Sie da hinterher!

Es stimmt: Die Zeit vergeht schnell. Und man muss sich selbst kümmern, um so vieles. (Während ich diesen Artikel schreibe, habe ich schnell noch mal einen Termin bei der Hausärztin ausgemacht, um meinen Schilddrüsenwert zu überprüfen, der momentan zu hoch ist.) Eine Kinderwunschbehandlung ist wahrlich nichts, wo man nur den ersten Stein ins Rollen bringen muss und dann läuft es von selbst.

Weil das ganze bei mir aber gerade so surreal weit weg ist, sagte ich dann irgendwas von „Ja mal sehen, was noch so kommt“. Und das war ihr nicht konkret genug. „Nein wirklich, Sie müssen da ECHT hinterher sein, damit es weitergeht, da muss man sich echt kümmern!!!“ und ich sagte dann, dass ich mich auch mit einem Leben ohne Kind im Zweifelsfall „abfinden“ könne, um mich dann selbst zu korrigieren und das Wort in „mich damit arrangieren“ änderte. Was sie dazu brachte, den Kopf zu schütteln und grob zitiert „Nein, sagen Sie so etwas doch nicht, da muss man sich halt einfach kümmern und wenn es dann am Ende 15.000 Euro kostet, war es das doch wert“ zu sagen.

Hmm.

Erstens. Ich gebe zu, dass mein „ich könnte mich damit abfinden“ nicht positiv klang. Es war die Ermangelung eines besseren Worts, „ich könnte mich damit arrangieren“ klingt schon besser, aber ich muss da wohl wirklich mal über eine positive Wortwahl nachdenken.

Zweitens. Fünfzehntausend Euro sind eine Menge Geld. Eine MENGE. Sie ist Ärztin, ich weiß natürlich nicht, was ihr Mann macht. Aber fünfzehntausend Euro. Alter. Muss man dann halt mal in die Hand nehmen. Unser Auto hat übrigens 8.000 Euro gekostet. Das haben wir 3 Jahre lang abgezahlt.

Die letzte ICSI rückt näher, und ich bin ambivalent. Dabei habe ich keine neuen Argumente, es ist alles noch genau wie die letzten Male, so innerlich. Der Gedanke der Ungerechtigkeit kommt dazu, und der Verschwendung, wenn man es so sagen kann. Ich glaube, es wäre verschwendet, wenn ich KEINE Kinder hätte, denn ich wäre glaube ich eine gute Mutter. Naja, wer glaubt das nicht von sich. Jedenfalls, Gedanken an Fairness und Verschwendung sind irgendwie absurd, da so völlig irrelevant.

Wenn ich 15.000 Euro bezahlen müsste, um garantiert ein Kind zu bekommen – würde ich es tun? Vermutlich. Hier geht es aber immer nur um die Möglichkeit, eventuell schwanger zu werden, um dann eventuell ein gesundes Kind auf die Welt zu bringen. Würde ich dafür 15.000 Euro bezahlen? Es ist halt wie Lotto. Ich spiele übrigens kein Lotto. Aber bei Gewinnspielen, da gewinne ich recht häufig…

Wie dem auch sei, bald geht es (wenn der Schilddrüsenwert Ende der Woche okay aussieht) weiter mit ICSI Nummer Zwo, mit ICSI Nummer LAST, und das ist für mich so weit weg und das ist okay. Aber damit endgültig abzuschließen, wenn ICSI Nummer NIXGEHTMEHR erfolglos bleiben sollte, das ist sicherlich noch ein Kapitel für sich. Zum Glück haben die beste Therapeutin von allen und ich uns noch ein paar Termine aufgehoben.

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Arztgespräch in der Klinik

Gestern um 22:30 packe ich meine Tasche für den Montag. Portmonee, Krankenkassenkarte, ein Buch, weil ich in der Klinik eine längere Wartezeit haben werde. Überweisung……… ACH VERFLUCHTER KACKMIST, eine Überweisung habe ich natürlich mal wieder vergessen zu besorgen. Ist ja auch erst der siebenunddrölfzigste Besuch in der Klinik, bei der ich eine brauche. Vor lauter Wut auf mich selbst und vor Wut darauf, dass ich mir immer so einen Scheiß merken muss, breche ich umgehend und ohne Umwege in Tränen aus. Meiner Meinung nach ist ja der organisatorische Kram die Seite des Kinderwunschs, die am ehesten übersehen wird und die mich persönlich dennoch ganz schön belastet.

Nun ja, Sonntag Abend konnte ich ja doch recht wenig daran ändern und so saß ich am Montag um viertel vor acht in der Klinik und entschuldigte mich. Und es war gar kein Problem. Nach dem Ultraschall (bei dem alles völlig unauffällig war) schwang ich mich dennoch wieder aufs Fahrrad und radelte durch den strömenden Regen zu meinem Frauenarzt, um mir die Überweisung zu besorgen (vor dem Klinikbesuch dort vorbeizufahren war keine Option, da hatte der Frauenarzt noch nicht geöffnet). Eine gute halbe Stunde war ich dann, durchgefroren und klatschnass, wieder in der Klinik. Was tut man nicht alles.

Aber nun ja, das war ja alles nur Vorgeplänkel, um 10 Uhr hatte ich das Gespräch mit der ❤ -Ärztin. Frau Dr. C. for president! Naja, zumindest vielleicht for president of Kinderwunschklinik.

Wir haben folgendes besprochen und entschieden (in der Laienvariante von mir nacherzählt, natürlich):

  • Eizellenreifung: Bei der ICSI waren ja von 15 Eizellen nur 5 reif. Bei der IVF hatten wir 14 Eizellen entnommen, und nur eine ließ sich befruchten. Bei der IVF kann man aber offenbar tatsächlich nicht sehen, ob die Eizellen reif sind. Auch vor der Entnahme kann man dies nicht sehen, da muss man sich rein nach den Größen im Ultraschall richten und die waren gut. Es kann sein, dass es auch bisher ein Problem war. Entscheidung: Bei der nächsten ICSI wird nicht mehr nur mit Puregon (FSH), sondern zusätzlich mit Menogon (LH) stimuliert. So sollten hoffentlich mehr reife Eizellen enstehen. (Das heißt auch: mehr Spritzen, yaay! Statt einer täglich dann zwei. Aber immerhin kann ich die zeitgleich nehmen. Auch wenn das Menogon etwas umständlicher zu „bedienen“ sein wird.)
  • Gerinnung: Die „normale“ Gerinnung ist in Ordnung. Man könnte noch weitere Gerinnungstests von Gerinnungsspezialisten machen lassen. Da ich aber sowieso schon nach dem Transfer Clexane spritze, nehme ich einfach zusätzlich ASS und dann ist es auch egal, ob ein Gerinnungsproblem da ist oder nicht. Das war im übrigen mein Vorschlag, da ich keine Lust hatte, weitere Tests zu machen und auf die Termine zu warten. 😉 Das ASS sollte auch so nicht schaden. Das Clexane wird ersetzt durch Frexiparin, da ich mich über die dicken Nadeln beim Clexane beschwert habe.
  • Immunologische Sterilität bzw. Inkompabilität: Kommt selten vor. Bedeutet, laut Erklärung der Ärztin: Die Zellstrukturen von Mann und Frau sind sich zu ähnlich und daher wird das Embryo nicht als solches erkannt, und kann sich auch nicht einnisten. Ich soll (wenn ich möchte) bei einer Klinik in Göttingen anrufen und fragen, ob sie dafür bei uns schon eine Indikation sehen. Wir hatten ja „erst“ eine Fehlgeburt und eine biochemische Schwangerschaft. Das wird wohl normalerweise erst nach drei solcher Vorfälle gemacht. Aber die nächste ICSI wird ja unsere letzte sein (und danach eventuelle Kryo-Behandlungen). Wenn die Klinik eine Indikation sieht, dann muss man meines Wissens mal wieder einen Antrag an die Kasse stellen und wenn der bewilligt wird, gibt es in der besagten Göttinger Klinik gar nicht erst eine Untersuchung, sondern direkt eine Immunisierung. Grund: Die Diagnosen wären nicht sicher genug und schaden kann es eh nicht. I don’t know! Jedenfalls, die Immunisierung ist dann sozusagen eine Impfung, die ich bekomme, mit seinem Blut. Dazu müssten wir nach Göttingen fahren. Das ist von hier aus etwa 2:45h Fahrt, das geht ja noch so gerade (toll ist es natürlich nicht).

Angesprochen habe ich auch noch:

  • PICSI: Ist beim Spermiogramm meines Mannes nicht notwendig, wir sind noch mal alle Spermiogramme seit 2014 durchgegangen.
  • Assisted Hatching: Ist umstritten, ob es nach den deutschen Gesetzen überhaupt erlaubt ist. Unsere Klinik macht es nicht, weil es wohl unterschiedlich strenge Ärztekammern in Deutschland gibt, die das Gesetz unterschiedlich auslegen, und „unsere“ zu den strengeren gehört. So oder so wäre es für uns bisher ohnehin nichts gewesen, weil wir dafür nicht genügend Embryonen rausgekriegt habe.
  • Gebärmutter-Scratching: Bei uns auch nicht relevant, da wir ja offenbar kein Problem mit der Einnistung hätten. Wird in der Klinik aber durchaus gemacht, es sei zwar umstritten, aber die Studien würden immer nur ergeben, dass es entweder was bringt oder halt auch nicht schadet.

Ansonsten muss ich noch den PAP-Abstrich einreichen (FA-Termin Ende Januar), und mein TSH-Wert ist plötzlich zu hoch, daran arbeite ich aber schon (nehme jetzt 75 statt 50 L-Thyroxin). Und den Genetik-Befund soll ich noch mal nachreichen, den hat sie in unserer (wirklich ziemlich dicken) Akte nicht wiedergefunden. Ich weiß auch nicht, ob wir den jemals eingereicht hatten. Der war ja in erster Linie für den MDK.

Tja, Frau Dr. C. war wieder super sympathisch und toll. ❤ Die würde ich am liebsten mitnehmen. Naja, mein neuer Frauenarzt ist ja auch sehr nett. Wir sprachen noch über das anstehende Behandlungsende. Sie konnte es verstehen, aus ihrer Sicht würden sie aber noch mindestens eine weitere Behandlung machen. Ich weiß nicht, ob ich das beim Gatten durchbekomme. Eigentlich will ich es auch nicht. Glaube ich. Es ist alles immer so unsicher… Wenn man doch nur vorher wüsste, wie es ausgeht.


So, jetzt ist es drei Stunden her, seit ich diesen Beitrag geschrieben habe und der festen Überzeugung war, ich hätte ihn veröffentlicht. Aber neuerdings muss man bei WordPress ja immer bestätigen, dass man WIRKLICH veröffentlichen will, und das vergesse ich dauernd. 😉 Also veröffentliche ich jetzt erst (aber WIRKLICH!!!), aber kann direkt ein Update anhängen:

Die Klinik in Göttingen habe ich angerufen, und sie geben keine Indikation. Voraussetzung seien bei ihnen 3 erfolglose ICSIs oder Kryos. Ob die IVF mitzählt, habe ich mir jetzt irgendwie gar nicht so recht gemerkt, aber selbst mit IVF haben wir ja erst zwei Versuche. Wenn die ICSI schiefgehen SOLLTE (*klopf auf Holz*) und wir noch Kryos HÄTTEN (*klopf auf Holz*), kann ich ja immer noch anrufen. Das zumindest ging nämlich sehr unkompliziert, ohne große Wartezeit, und mit sofortiger Nachfrage und Schilderung meines Falls beim Oberarzt (!). Und zumindest müssen wir uns jetzt keine Gedanken mehr darüber machen, ob wir das wollen, und keinen Antrag mehr stellen.

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Neues Jahr, neues Glück

In den letzten zwei Jahren habe ich hier einen Jahresrückblick veröffentlicht (2016, 2015). Dieses Jahr fand ich das irgendwie witzlos. Was ist passiert 2017? Wir haben einen Antrag für die ICSI bei der Krankenkasse gestellt, dann haben wir neun Monate gewartet, hatten dann eine ICSI und das Jahr war vorbei.

Natürlich ist zwischendurch auch noch was geschehen. Die genetische Untersuchung war aber das einzige erwähnenswerte im Kinderwunschbereich, denke ich. Dennoch möchte ich eine kleine Bestandsaufnahme machen: Wo stehen wir? Wo geht es hin?

Generell habe ich einigen Menschen mittlerweile davon erzählt, dass auch die ICSI negativ ausgegangen ist. Und dass wir eine biochemische Schwangerschaft hatten – also einen positiven Test und dann doch keine Schwangerschaft. Und ich bin wirklich erstaunt von den Reaktionen. So wenig „Das tut mir Leid“ und so viel „Dann halt beim nächsten Mal“ habe ich noch nicht gehört. Was ist da los? Gewöhnungseffekt? „Das sind halt die mit den Kinderwunschbehandlungen, die machen weiter bis es klappt“? Mein Umfeld reagierte jedenfalls erstaunlich entspannt bis gelangweilt. Selbst die Schwiegermutter, die sonst SEHR emotional ist.

Für uns war die ICSI eine große Sache. Für MICH war sie das. Für alle anderen ist es glaube ich nur ein weiterer Begriff, mit dem sie trotz Erklärung nicht viel anfangen können. Für Menschen, die nicht im Thema drin sind, ist eine ICSI jetzt auch nicht spektakulär anders als eine IUI. Naja, das soll mich nicht weiter tangieren. Es ist wie es ist. Und Mitleid will ich ja eigentlich eh nicht. Dann kriege ich keins und beschwere mich auch wieder. Ist auch nicht leicht mit mir… 😉

Ich warte derweil auf den ersten Zyklustag. Nach dem Progesteron ist mein Zyklus immer recht durcheinander, ich hatte nach der ICSI gar keine richtige Menstruation, sondern nur wieder ewige Schmierblutungen – hatte ich nach der IVF aber auch schon, daher war ich nicht weiter beunruhigt. Nur macht es die Zyklusberechnung ziemlich schwer bis unmöglich. Wenn man nach meinem heutigen Körpergefühl gehen kann, steht der erste Zyklustag des nächsten Zyklus aber kurz bevor. Dann darf ich wieder in der Klinik anrufen, einen Termin für die Zyklusmitte vereinbaren, wo noch mal geschallt wird. Außerdem habe ich ja den Gesprächstermin am 22. Januar mit der Lieblingsärztin. Ich möchte mir da noch mal genau erklären lassen, was jetzt eigentlich lost ist, was los war, wieso so viele Eizellen unreif waren, und was beim nächsten Mal anders gemacht wird. Ob mein Mann dabei sein kann, ist noch fraglich. Der Termin ist nämlich um 10 Uhr. Ich habe gesagt, im Zweifel gehe ich halt allein. Ich bin eh tiefer im Thema drin. (Kleine Anekdote am Rande, ich wurde angeschaut, als wäre ich bescheuert, als ich nach einem Nachmittagstermin fragte, den um 13:45 Uhr ablehnte und fragte, ob nicht vielleicht so 16 Uhr ginge. Absurd, offensichtlich.)

Präventiv vereinbare ich dann schon mal einen Frauenarzttermin, sicherlich braucht es ein neues Abstrichergebnis, und rufe auch noch mal beim Hausarzt an, wie lange mein letztes Schilddrüsenergebnis her ist. Beides darf ja nur ein halbes (oder doch ganzes?!) Jahr alt sein. Zumindest bei HIV sollte ich dieses Mal aber abgesichert sein, das war ja erst im Oktober.

Das ist also das Vorgehen. In mir drin, wie sieht’s da aus? Ich habe neulich so gedacht: Es ist schon erstaunlich. Mir geht es ausgezeichnet. Alles ist super. Bis auf die Sache mit dem Kinderwunsch. Und der ist überhaupt nicht mehr so beherrschend. Da hat die Therapie wohl geholfen. Und die Zeit sicherlich auch. Aber irgendwie ist es inzwischen so wie zwei abgekoppelte Bereiche, einer in dem es mir gut geht und in dem anderen läuft es eben total mies, aber das ist ja ein anderes Thema, das kann ich gut ausschalten in meinem Kopf. Ansonsten läuft es echt mega. Ehe gut, Familie gut, Job okay, Innenleben top, Freizeitleben gut, Freundeskreis gut. Ich hab nicht mal gute Vorsätze gefasst, was ich sonst immer mache, weil ich mit mir selbst momentan einfach sehr zufrieden bin. Ich mag, wer ich bin und wie ich bin. Zum ersten Mal. Ich habe sogar an Weihnachten Fotos von mir gesehen und gedacht „Oh, wie hübsch ich aussehe!“ – das ist mir glaube ich noch nie passiert. Wow!

Ein erfüllter Kinderwunsch wäre also das Sahnehäubchen. The cherry on top. Das i-Tüpfelchen. Ich bin gespannt, was das Jahr bringen wird.

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Glühwein, 30 Prozent, Weihnachten.

Es ist Weihnachten. Fast. Oder doch schon ganz, wie man es nimmt. Es ist halb eins, also ist im Prinzip schon der 24. Dezember. Mein Mann ist bei einem Freund, ich habe den Abend damit verbracht, Geschenke Wfür ihn einzupacken, das Roastbeef für morgen sanft mit Gewürzen einzureiben, am Advents-Fotoalbum zu basteln, zwei Serienfolgen anzusehen und Glühwein zu trinken. Eine Tasse hatte ich schon gestern Abend, den Rest habe ich heute vernichtet.

Seit dem Ende unseres ICSI-Abenteuers trinke ich wieder Alkohol – gern auch mal zu viel Alkohl – und denke dabei: Wer, wenn nicht ich. Wann, wenn nicht jetzt.

Ich habe keine aufgeregten Kinder, die heute Abend nicht einschlafen können. Ich habe: einen Berg von Geschenken unter dem Baum, für Nichten, Neffen, Schwiegereltern, Eltern, Schwägerinnen, Schwäger (Schwager?). Geschenke für meinen Mann. Einen wun-der-schönen Baum. Zeit für mich. Ich habe Glühwein und Serienzeit. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich zu viele Geschenke für die Kinder habe.

Ich weiß nicht genau, weshalb ich diesen Beitrag angefangen habe, denn nun muss ich weinen.

Ich habe: ein weiteres Jahr im Status Quo. Es nutzt nicht mal was, einen Kinderwunsch-Jahresrückblick zu schreiben, weil so wenig passiert ist. Danke, MdK. Aber nächstes Jahr wird nun definitiv unser letztes Kinderwunsch-Jahr. Eine ICSI noch. Ich weiß gerade wirklich nicht, wie es mir damit geht. Kryo-Behandlungen? Ich glaube nicht mehr dran.

Immer der Gedanke an Dr. M., der mir beim letzten Ultraschall sagte: „Nach einer biochemischen Schwangerschaft ist die Wahrscheinlichkeit, bei einer weiteren ICSI schwanger zu werden, stark gestiegen. Sie liegt dann bei 30 Prozent.“ DREISSIG PROZENT are you fucking kidding me? Das habe ich nicht mal meinem Mann erzählt, weil es mich SO entmutigt hat. Die Zahlen von der zweiten, dritten ICSI habe ich mir nicht gemerkt, weil mein Kopf die 30% noch nicht verarbeitet hatte und wir keine ICSIs nach der nächsten haben werden. Und ja, das ist ein Schlussstrich, den wir uns selbst gezogen haben. Aber er macht ja Sinn. Das weiß ich sicher morgen früh wieder. Wenn der Glühweinnebel, das Selbstmitleid und die überemotionale Stimmung sich verzogen haben.

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Die ICSI in GIFs: It’s all over now, baby blue.

Den Mini-Schmierblutungen hatte ich noch nicht viel Gewicht beigemessen. Aber natürlich war mir klar, dass der niedrige hCG-Wert in Kombination mit den Schmierblutungen nicht unbedingt das beste Zeichen war. Tatsächlich wurden diese auch immer stärker. Und Montag Abend bekam ich Kopfschmerzen aus der Hölle, die sich genauso anfühlten wie beim Abgang, damals, vor 3 Jahren.

Am Dienstag schmierte es weiter vor sich hin, und dann war plötzlich auch etwas frisches Blut dabei. Nur einmal, aber das war der Moment, in dem ich beschloss, schon am Mittwoch statt Freitag in die Klinik zu fahren. Kombiniert mit den üblichen Mens-Bauchkrämpfen verabschiedete ich mich innerlich also schon gestern Abend vom Karligundchen…

Mein Mann und ich hatten noch ein gutes Gespräch auf dem Sofa. Über Gefühle und so. Worüber Männer halt nicht so gerne sprechen. Das will ich hier auch nicht auswalzen. Aber es war gut.

Heute früh dann noch mal zur Blutabnahme, und ein Ultraschall wurde gemacht. Ich musste  mich ganz schön aus meinen Winterklamotten schälen… Wieso bin ich eigentlich immer im Winter dort?! Jedenfalls sah man noch eine gut aufgebaute Schleimhaut und die Ärztin, meine Lieblingsärztin Dr. C., sagte, es wäre zwar sehr unwahrscheinlich, aber es könnte immer noch eine intakte Schwangerschaft sein. Oder eine Eileiterschwangerschaft. Aber am wahrscheinlichsten sei halt, dass es vorbei sei. Dies entsprach genau so meinen Erwartungen in dem Moment und war dann auch irgendwie okay…

Und der Anruf am Mittag bestätigte das auch, der hCG-Wert ist gesunken. Den genauen Wert habe ich nicht erfragt, aber wenn er vorher schon 27 war, kann man sich ja ausrechnen, dass er nicht mehr wirklich relevant sein kann. Mach’s gut, Karligundchen.

Aussichten: Eine letzte Kontrolle am Freitag. Ein Konzert mit viel Alkohol am Freitagabend. Dinge zum Drauffreuen: Konzert-Wochenende, Spieleabend, Weihnachten, Urlaub, Weihnachtsfeier von der Arbeit (traditionell erst nach Weihnachten), Spiele-Wochenende im Januar. Star Wars im Kino sehen. Mal sehen, was wir Silvester machen…

Wie es in Sachen Kinderwunsch weitergeht: Tja, wohl eine weitere ICSI. Eine LETZTE ICSI. Eine ALLERLETZTE. Das klingt sehr gruselig… Letzte Chance und so. Vielleicht noch eine Kryo. Was wir ja bisher nie hinbekommen haben. Die Ärztin sagte, wir würden beim nächsten Mal etwas anders stimulieren. Mit noch einem zweiten Medikament dazu. Genaueres weiß ich nicht, aber ich habe darum gebeten, zwischendurch mal einen Gesprächstermin einzuschieben. Ich habe immer das Gefühl, es läuft immer alles so weiter und keiner REDET mit mir. Das war ihr sehr unangenehm und wir werden wohl einen Termin vereinbaren, bevor die nächste ICSI losgeht. Ich darf sogar den Arzt auswählen. Also entweder Dr. C. oder Chefarzt Dr. S., die sind beide super, aber Dr. C. noch etwas mehr. ❤ Lieblingsärztin ever.

Tja. Also beende ich diese Serie der ICSI in GIFs, denn die ICSI ist vorbei. Bei der Kontrolle am Freitag wird hoffentlich nichts spektakuläres rauskommen. Und ich bin wieder einen Schritt weiter in Richtung eines Lebens ohne Kinder. Ich weiß ja mittlerweile, dass ich das akzeptieren könnte, aber in diesem Moment ist es dennoch sehr hart und traurig. (Während ich übrigens in den Momenten, in denen ich „ein bisschen schwanger“ war, Panik bekam – das wird alles ganz fürchterlich, was wenn wir es bereuen, wir werden uns ganz furchtbar streiten und nie wieder schlafen. Beide „Ergebnisse“ sind halt nicht leicht. Entweder es wird alles anders oder es wird nichts anders. Erst einmal.) Ich brauche etwas Abstand, und endgültig werde ich das ohnehin erst nach der letzten Behandlung angehen können, gedanklich und emotional. Wie stehen die Chancen, dass das nötig sein wird? 70:30? Ich weiß, dass es unwahrscheinlicher ist, ein Kind zu bekommen als keins zu bekommen. Egal, wie feste ich glaube, wie doll ich Daumen drücke, wie viele Kerzen ich anzünde. Darauf muss ich vorbereitet sein. Andererseits darf ich auch hoffnungsvoll sein, denn ich bin ein optimistischer Mensch und so weiter.

Letzten Endes kommt es doch, wie es kommt. Und es wird weitergehen.

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Die ICSI in GIFs: Siebenundzwanzig.

Den ganzen Vormittag nach der Blutabnahme am Morgen kaute ich an den Nägeln. Metaphorisch gesprochen natürlich nur. Ich war froh über die Ablenkung durch den Blogpost, und durch die Arbeit, aber ich konnte mich nur schwer konzentrieren.

Je näher die Anrufzeit rückte, desto mehr schlug mein Bauch Purzelbäume. Vorher musste ich noch die Mittagspause mit meinen Kollegen überstehen und auch noch etwas essen, obwohl mir schlecht vor Aufregung war. Naja, ich habe die Zeit rumgekriegt…

Dann war es soweit. Ich ging dieses Mal nach draußen zum Telefonieren, unter der Entschuldigung, ich müsse kurz zum Supermarkt. Da stand ich nun im tiefsten Schneetreiben… Erst mal war besetzt. Beim zweiten Versuch kam ich zum Glück aber schon durch.

Das Ergebnis, zusammengefasst: Der hCG-Wert liegt bei 27. „Da hat sich definitiv etwas getan bei Ihnen, aber wir wissen nicht genau, was.“ Der Wert ist sehr niedrig. SEHR niedrig. Es kann alles oder nichts bedeuten… Daher soll ich jetzt meine Medikamente (Utrogest und Clexane) weiternehmen und am Freitag wieder zur Blutabnahme kommen. Am FREITAG!

Normalerweise müsste ich sogar erst in einer Woche wiederkommen, aber da haben sie schon geschlossen für die Weihnachtszeit. D.h., ich sollte direkt noch einen Termin für die nächste Woche bei meinem Frauenarzt vereinbaren. Da werde ich nachher noch anrufen, da die über Mittag geschlossen haben. Was genau die tun sollen, hängt dann wahrscheinlich vom Ergebnis am Freitag ab. Außerdem soll ich eher reinkommen, sollte ich eine Blutung bekommen.

Tja, und nun? Weiß ich genau so viel wie vorher. Da ist eine Linie, aber sie ist sehr schwach. Da ist ein hCG-Wert, aber er liegt bei siebenundzwanzig.  Was nun? Mehr Tests machen? Geduldig abwarten (hahahaha)? Wie wild im Internet recherchieren? Was ich nicht tun sollte, aber vermutlich gleich nach dem Absenden dieses Beitrags meine Reaktion sein wird. Nicht, dass es helfen würde. Aber es ignorieren schaffe ich vermutlich auch nicht.

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Die ICSI in GIFs: Der erste Test

Gestern war es soweit. Nach euren zahlreichen Kommentaren habe ich dem Frühtesten erfolgreich widerstanden, auch wenn ich wahnsinnig neugierig und optimistisch war. Letzten Endes war es wahrscheinlich besser so, ich hätte mich nur verrückt gemacht. Aber jede hat wohl mal so Anfälle. 😉

Nun war es aber nicht mehr abzuwenden, der Bluttest stand für Montagmorgen an, also war Sonntagabend Test-Zeit. Als ich Sonntag aufstand, stellte ich fest: Schmierblutungen. Oh nein! Natürlich rechnete ich gleich mit dem schlimmsten. Andererseits WEISS ich natürlich, dass Schmierblutungen gar nichts heißen müssen. Aber trotzdem. Anders als sonst allerdings: Ich habe noch NIE Blut unter der Einnahme von Utrogest gesehen, und das ist immerhin mein *rechne* 8. Mal mit Utrogest? Oh Mann, ich habe tatsächlich den Überblick über die Behandlungen verloren.

Ich war also hin- und hergerissen, mein Optimismus war aber gleichzeitig wie weggeblasen. Twitter hat mich dann wieder etwas beruhigen können. Vorher hatte ich SO ein gutes Gefühl, und das ist ja eher selten bei mir. Die letzten Male hatte ich in der Regel einfach überhaupt kein Gefühl. Aber natürlich weiß ich, dass ich mir alle Anzeichen auch eingebildet haben kann.

Der Sonntag war dann ein vollgepackter Tag. Morgens war ich noch bei meinen Eltern, dann musste ich rund 100 Kilometer über die verschneiten und ungeräumten Autobahnen heimfahren (immerhin war hier höchste Konzentration gefordert und ich hatte keine Zeit, mir Gedanken zu machen. Nachmittags war ich mit einer Freundin verabredet, wir wollten über den Weihnachtsmarkt schlendern und später war dort auch noch großes Adventsliedersingen in der Stadt.

Auf dem Weg kamen wir an einer Kirche vorbei, in der eine Art Kunstinstallation stattfand. Da es stark schneite, haben wir uns diese Möglichkeit zum Aufwärmen nicht nehmen lassen. Und dann habe ich nicht nur eine, sondern gleich zwei Kerzen angezündet. Eine für Karlheinz, und eine für Kunigunde.

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Als ich dann durchgefroren später wieder zu Hause war, konnte ich es nicht länger vor mir herschieben. Der Test. Uaaaah. Ich wollte gar nicht mehr. Der Moment vor dem Test ist immer echt schlimm, finde ich. Solange ich nichts weiß, kann ich hoffen. Die Wahrheit? Pfff. „Ich warte einfach neun Monate ab und guck was passiert“, schlug ich meinem Mann vor. Der war dagegen.

Es nützt ja alles nichts. Also los. Einen Geratherm habe ich verwendet. Und nach drei Minuten, die mein Mann und ich nervös auf dem Sofa saßen, schauten wir drauf. Und sahen: Nichts. Auch bei besserem Licht in der Küche nicht.

„Wie überraschend“, verfiel ich in meinen üblichen Zynismus bei solcher Gelegenheit. Mein Mann nahm mich in den Arm, ich weinte ein bisschen… Was man so macht, wenn man schon etwas Übung mit solchen Ergebnissen hat. Dann beschloss ich, duschen zu gehen (man erinnere sich, durchgefroren und so), und warf noch mal einen Blick auf den Test. UND DA WAR WAS.

Ich rief den Mann zurück, der unsicher war. Wir waren jetzt beide unsicher… Aber definitiv war da ein STRICH auf dem Test und er wurde immer stärker. Insgesamt immer noch nicht STARK, aber stärker als halt „gar nicht“. Natürlich habe ich fotografiert! 😉 Nach fünf Minuten:

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Und nach ungefähr zehn Minuten:

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Ähm. Und jetzt? Uaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!!!!!!! Wir haben also einen Test, der spät anschlägt und ziemlich schwach ist, aber wie ich ja gelernt habe, eine Linie ist eine Linie ist eine Linie und DA IST EINE LINIE.

Ich kann es nicht glauben, und ich kann auch nicht wirklich positiv sein, weil ich viel zu viel Angst habe. Heute früh war ich dann beim Bluttest, und jetzt muss ich mal wiiiieder abwarten. In diesem Fall darf ich zwischen 13 und 14 Uhr anrufen. Wie soll ich das aushalten?

Und JETZT SCHON mache ich mir Sorgen um alles mögliche, um die berühmten ersten 12 Wochen, ich denke an meine erste Schwangerschaft, was mache ich falsch, neulich hatte ich den Fuß vom Neffen im Bauch, war das gefährlich, was muss ich beachten, was kann alles passieren, alles kann passieren, OH MEIN GOTT BIN ICH SCHWANGER ODER WAS?!?!?!?!?

Oh Gott. Und das, bevor ich ein definitives Ergebnis habe. Diese Zeit wird nicht leicht, ich merke es jetzt schon. Du liebes bisschen. Oh mein Gott. ICH BIN VIELLEICHT SCHWANGER!!!!!!! Naja. Vielleicht. Noch vier Stunden. Dann weiß ich mehr.