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Kinderwunschbehandlung. Wo sie dich trifft. 

Sie trifft dich im Bauch. Wortwörtlich, denn der Bauch ist der Ort, an dem du dir Spritzen gibst. Täglich. Rund um den Nabel. Das gibt manchmal kleine blaue Flecken, auf jeden Fall sorgt es dafür, dass deine Eizellen wachsen (was sie ja auch sollen) – du bekommst einen dicken Bauch, siehst fast schon schwanger aus, es zieht und tut weh und drückt. Du weißt oft nicht: Muss sich das jetzt so anfühlen? Ist alles in Ordnung? Du darfst zeitweise keinen Sport machen und musst dich schonen. Du nimmst Spritzen und Tabletten und, nun ja, quasi Zäpfchen. Dein medizinisches Arsenal ist beachtlich und es fällt schwer, sich bei dieser Ausstattung normal, fit und gesund zu fühlen.

Sie trifft dich im Herzen. Klingt kitschig, aber emotional ist so eine Behandlung eine reine Achterbahnfahrt. Rauf, runter und ab und an ein Looping. Man lebt mit Hoffnung und Enttäuschungen, mit Neid und Angst und Selbstzweifel. Jede Schwangerschaft einer anderen ist ein Stich ins Herz. Und jedes Gefühl von Neid macht dir wiederum ein schlechtes Gewissen, weil die anderen ja auch nichts dafür können. Du bist wütend und traurig und machst dir so viele Gedanken über deinen Kinderwunsch, wie es ein Paar, bei dem es „einfach so“ klappt, niemals gemacht hat. Wie du sie dir zu Beginn auch nicht gemacht hast. Du zweifelst und versuchst, dir ein Leben ohne Kinder vorzustellen. Du heulst bei Geburtsankündigungen oder willst ein Baby im Freundeskreis lieber nicht auf den Arm nehmen. Sie belastet deine Beziehungen, wenn du nicht offen darüber redest. Und das kannst du oft nicht. Oder du willst es auch manchmal einfach nicht.

Sie trifft dich im Geldbeutel. So eine Behandlung kostet Geld. Die Anzahl der Behandlungen ist gedeckelt, der gesetzlich garantierte Anteil ebenfalls. Du überlegst: Kann ich mir diese Sache leisten oder lieber noch eine Behandlung? Fahre ich in den Urlaub oder bekomme ich (eventuell) ein Kind? Zahlt das die Kasse? Wieviel zahlt sie? Und es ist so ungerecht. Und dann ist da immer noch das Damokles-Schwert einer weiteren Behandlung, die notwendig sein könnte, das über dir baumelt. Und das Gefühl, das dich trifft, wenn du eine Rechnung bekommst, Monate nach dem negativen Ergebnis. Und 2.000 Euro für nichts überweisen musst. Oder halt auch mal 4.000 Euro. Für die Erkenntnis, dass es wieder nicht geklappt hat.

Sie trifft dich im Terminkalender. Und ich glaube, das ist einer der meist unterschätzten Aspekte, gern auch, wenn das Thema am Rande in Büchern oder Filmen vorkommt. So eine Behandlung kostet einfach unglaublich viel Zeit und braucht Organisation. Also – insbesondere für die Frau. Während eines Behandlungszyklus bin ich ungefähr sechs bis acht Mal in der Praxis, davon der größte Teil auf einen Zeitraum von 14 Tagen verteilt. Diese Zeitpunkte sind fix und nicht verhandelbar, sie hängen von meinem Körper ab und von den Abläufen in der Praxis, nicht von meinen persönlichen Plänen. Meinem Körper ist das schnurzpiepegal, ob ich einen wichtigen Termin bei der Arbeit habe oder auf eine Party möchte oder sonst was. Neben den Terminen in der Praxis gibt es da noch die Spritzen, um die ich meinen Tag planen muss. Die müssen im Kühlschrank lagern und täglich zur gleichen Zeit gegeben werden. In der Behandlung jongliere ich daher meist ganz schön rum, was Verabredungen nach der Arbeit betrifft. Lege ich meine Spritzen auf eine späte Uhrzeit und muss dann immer früh daheim sein? Allerdings darf der Zeitraum nur von 18 bis 22 Uhr sein, das ist für einen Stammtisch oder ähnliches schon früh. Oder lege ich die Spritzenzeit früher? Dann muss ich immer pünktlich Feierabend machen, darf nach der Arbeit nicht mehr einkaufen gehen und so weiter. Und ja, ich habe mir auch schon Spritzen auf dem Klo oder im Auto gesetzt, aber es stresst halt enorm. Dann gibt es auch noch VzO. Verkehr zum optimalen Zeitpunkt oder Ovulationszeitpunkt. Dann hast du also auch noch den Sex im Terminkalender, und du bekommst nachmittags einen Anruf, in dem dir eine freundliche Klinikdame sagt, um wieviel Uhr ihr bitte verkehren sollt. Awkward.

Sie betrifft deinen Kopf. Woran du alles denken musst! Und womit du dich herumschlagen musst! Angefangen bei der Krankenkasse über gesetzliche Regelungen über einfache Dinge wie Überweisungen und Behandlungspläne, die du besorgen musst (und damit immer im Hinterkopf hast). Wie funktioniert das? Wer ist zuständig? Du kannst niemanden fragen, denn niemand ist zuständig. Die Krankenkasse – eher Gegner als Verbündeter. Die Klinik – medizinisch top, aber bei sowas aufgeschmissen. Klar, es gibt zigtausend Einzelfälle, alle mit unterschiedlichen Konstellationen, Versicherungen, Gründen. Es gibt Richtlinien für Ärzte, die den Richtlinien der Krankenkassen widersprechen (Bundesärztekammer vs. „Regelungen des Gemeinsamen Bundesausschusses“) – das weiß vorher kein Mensch, und niemand sagt es dir. Du musst alles zusammengoogeln und hast dann das Gefühl, nur ein gefährliches Halbwissen zu besitzen, da sich die Webseiten widersprechen und es keine offizielle Informationsstelle gibt. Welche Frist hat beispielsweise die Krankenkasse, auf meinen Widerspruch zu reagieren? Ich weiß es bis heute nicht.

Und dann stellt dir eine Freundin eine naive Frage („Kannst du nicht einfach…“) und du weißt nicht, ob du lachen oder weinen sollst, weil Kinderwunschbehandlung ist so ungefähr alles, aber eben nicht einfach.

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Hoppla-hopp, die genetische Untersuchung steht vor der Tür

Huch! Das ging jetzt schnell.

Am Freitag bekam ich die Info, dass der MdK die genetische Untersuchung haben möchte. Am Montag rief mich die Kinderwunschklinik zurück, erklärte mir, was das eigentlich genau ist (wir müssen Stammbäume ausfüllen, ein Gespräch über uns ergehen lassen und dann wird unser Blut untersucht) und hat mir die Telefonnummern von zwei Praxen durchgegeben.

Und während ihr noch unter meinem letzten Beitrag diskutiert, ob Reichel-Fentz doof oder toll ist (ich tendiere nach einigen Berichten übrigens zu doof, aber das ist rein subjektiv), habe ich einfach die beiden Praxen in unserer Heimatstadt angerufen. Man muss es ja nicht unnötig kompliziert machen und wir haben das Glück, in einer Stadt zu wohnen, in der es mehrere Möglichkeiten gibt (es gibt laut Google sogar noch eine weitere Praxis, aber diese beiden hatte mir nun einmal die Kinderwunschklinik empfohlen).

Ich hatte es eilig, denn bekanntermaßen sind die Wartezeiten für solche Termine lang. Bei der einen Praxis war dann schon Feierabend (wenn man irgendwo nur bis 12 Uhr anrufen kann, bin ich ja schon genervt), bei der anderen ging es dafür ganz schnell. „Ich könnte Ihnen einen Termin am 14. Juli anbieten. Oooder… Wie spontan sind Sie? Wie wäre es mit Donnerstag?“ Tja, und nun haben wir den Termin eben übermorgen. Huch!

Es gab noch ein bisschen Hin und Her mit meinem Mann, der dafür ja früher Feierabend machen muss. Also, ich muss das auch, aber ich habe da weniger Schwierigkeiten. Bei meinem Mann gibt es den Bereitschaftsdienst bis 17 Uhr und sein Kollege ist im Urlaub. Ich finde ja, bei seltenen und wichtigen Terminen sollten Kollegen und Vorgesetzte Verständnis haben und als Arbeitnehmer sollte man sich auch trauen, das durchzuboxen. Ich denke mir immer: Wenn man morgens aufwacht und krank ist, geht die Firma auch nicht direkt pleite. So hat man immerhin ja auch noch 3 Tage Zeit, etwas vorzubereiten und zu organisieren. Glücklicherweise klappt das jetzt, aber wenn die Chefs sich bei so was querstellen, braucht man sich nicht zu wundern, wenn man sich spontan morgens „eine Krankheit einfängt“. Ich meine, es ist das erste Mal in diesem Jahr, das mein Mann einen Kinderwunschtermin hat und auch das erste Mal, dass er so etwas anfragt. Und man hat ein Recht auf Arzttermine in der Arbeitszeit, wenn es nicht anders geht.

So, Exkurs/Rant beendet. 😉

Nach Absprache mit der Kinderwunschklinik habe ich mir eine Überweisung von meinem Frauenarzt ausstellen lassen, nicht von der Kinderwunschklinik selbst. Darauf steht: „Zustand nach Abort – genetische Ursache?“ Die Hoffnung ist, dass die Krankenkasse dann die Kosten der Untersuchung übernimmt. Und es ist ja auch die Wahrheit, denn der MdK will die Untersuchung ja aufgrund der Fehlgeburt. Die Ärztin hat mir mehr oder weniger durch die Blume zu verstehen gegeben, dass sie die Untersuchung für überflüssig hält („Der Wert dieser Untersuchungen ist umstritten“), und wir waren uns einig, dass eine Fehlgeburt in der 7. Woche zwar scheiße ist, aber nicht unbedingt ausgesprochen ungewöhnlich. Nun ja, durch die kurze Wartezeit bin ich nun fast versöhnt mit dem ganzen Kladderadatsch und wer weiß, vielleicht kommt ja wirklich was hilfreiches raus.

Ich bin aufgeregt und vorfreudig. Dabei weiß ich natürlich selbst, dass es nach dem Gesprächstermin noch Wochen dauern kann, bis es tatsächlich Ergebnisse gibt. Aber hey. Es passiert was. Nach einem halben Jahr. Das ich das noch erleben darf!

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Genetische Untersuchung?

 

Herr D. von der AOK hat heute angerufen, nachdem ich am Dienstag eine Nachfrage gestellt hatte, wie der Stand unseres Widerspruchs sei. Am Mittwoch rief er schon zurück – entschuldigte sich, dass er es nicht Dienstagabend noch geschafft hatte, erzählte, dass das Gutachten beim MdK sei, die Kollegin habe schon am Montag dort nachgehakt, aber er am Mittwoch auch noch einmal, das sei noch nicht in Bearbeitung. Er würde jetzt aber jeden Montag dort anrufen und „die ein bisschen nerven“. Auch er fand die Wartezeit – mittlerweile 2,5 Monate – nämlich unsäglich. Heute rief er dann erneut an: Das Gutachten sei fertig.

Huch! Das ging plötzlich schnell. Ich denke mal, sein persönlicher Anruf als Leiter der Leistungsabteilung könnte geholfen haben. Wie dem auch sei, es ist natürlich eine Absage.

ABER!

Offenkundig hat der MdK die neuen Richtlinien mit einbezogen. Der ursprüngliche Antrag wurde ja mit den Spermiogramm-Werten meines Mannes abgelehnt, die zu gut waren. Das war im März. Zum 1. Juni wurden die Richtlinien geändert, nun gibt es keine festen Werte mehr, unter die der Mann fallen muss, es muss nun einfach nachgewiesen werden, dass die Werte schlecht sind. Und das sind sie ja, sie sind halt nicht mehr katastrophal, aber auch nicht gut.

NUN schreibt der MdK folgendes (übrigens ja, dieses teils schlechte Deutsch zitiere ich wörtlich):

In den vorliegenden Spermiogrammen sind jeweils nur wenige Normalformen nachweisbar gewesen als auch denkbare Ursache des bisherigen unerfüllten Kinderwunsches. Wie im Bericht der (…) Klinik aufgeführt, kann die Chance für den Eintritt einer Schwangerschaft durch eine ICSI-Behandlung erhöht werden. Jedoch ist erneut anzumerken, das, wie bereits in meinem Vorgutachten aufgeführt, zuvor eine genetische Untersuchung erfolgen sollte bei bereits einmalig aufgetretenem Abortus inkompletus im Jahr 2014 unklarer Genese. Fruchtbarkeitsstörungen und Aborte können auch genetische Ursachen haben mit auch erhöhtem Risiko bzgl. angeborener Krankheiten und Behinderungen.

Zusammenfassend ist festzuhalten, das ohne vorherige genetische Untersuchung/Beratung die Kostenübernahme einer ICSI-Behandlung zu Lasten der Krankenkasse aus sozialmedizinischer Sicht nicht befürwortet wird.

Oha! Das ist eine andere Begründung als beim ersten Mal.

Natürlich weiß ich immer noch nicht genau, was nun mit genetischer Untersuchung gemeint ist, und finde es auch nicht unbedingt logisch, die Fehlgeburt in der 7. Woche (!) da so groß rauszuhängen, denn wieviel Prozent der Schwangerschaften gehen in den ersten 8 Wochen noch gleich verloren? 30%? Jedenfalls eine Menge, so viel weiß ich. Dennoch klingt das doch erst mal recht positiv, sofern man diese Untersuchung nachreicht. Ich habe meine Klinik direkt mal um Rückruf gebeten, um zu klären, was wir jetzt tun müssen.

Herr D. von der AOK war übrigens super. Freundlich, engagiert, verständnisvoll. Naja, kann er ja auch sein, er kann den schwarzen Peter ja dem MdK zuschieben. Aber er wirkte auf mich sehr ehrlich und positiv. Er sagte auch, er könne natürlich nicht garantieren, dass der MdK den Antrag nach Einreichen der geforderten Untersuchung genehmige. Dennoch war er ähnlich optimistisch wie ich. Natürlich immer vorausgesetzt, bei dieser ominösen Untersuchung – weiß jemand, was gemeint sein könnte?! – kommt nichts überraschendes raus!

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Gedanken zu meinem 33. Geburtstag

Was ich mag:

Kleine Kinderärmchen, die sich um meinen Hals schlingen. Meinen Mann mit den Kindern interagieren sehen. Meinen Namen aus Kinderkehlen gerufen hören, weil ich dringend mitspielen soll. Oder neben ihnen sitzen. Oder einfach nur schauen, was sie tolles kreiert haben. Selbst gemalte Bilder geschenkt bekommen. Ein brabbelndes Baby auf dem Fußboden. Ein Baby, das lacht, wenn ich Grimassen schneide. Die Verkleidungsideen meiner Nichte. Meinen Neffen mit dem Lego spielen sehen, das unser Wohnzimmer bevölkert (ganz ohne Kinder). Sätze wie „Wenn ich bei euch bin, ist es NIIIIE langweilig!“ hören. Das Gewicht eines vierjährigen auf dem Schoß. Meinen Stiefvater sehen, wie er mit der Babynichte herumalbert und mit der großen Nichte spielt (beides nicht seine Enkel, da ich Einzelkind bin). Kinder, die lustige, altkluge, falsch verstandene Dinge sagen und alle zum Lachen bringen.

Was ich mag:

Ruhe. Die Tür hinter dem Besuch schließen und erst einmal durchatmen. Abends auf dem Sofa sitzen, ein Glas Wein in der Hand, den Mann neben mir, Pizza futtern und eine Folge Serie schauen. Durchschlafen. Ausschlafen. Freiheiten haben, spontan sein. Sagen „Frag deine Mama“ und nicht „Schuld“ sein, wenn die Antwort Nein ist. Verwöhnen dürfen. Geld für überflüssigen Kram ausgeben – für mich. Nicht an Schulzeiten gebunden sein. Keine „Kind-krank-Tage“ auf der Arbeit durchboxen müssen.

Was ich mich frage:

Will ich Eltern sein, will ich Mutter sein? Oder will ich niedliche Kinder um mich herum haben? Will ich keine kinderlose Frau sein, weil es irgendwie dazugehört im Leben, weil man sich sonst rechtfertigen muss, weil es in meinem Lebensplan einfach immer mit drin war, ohne groß darüber nachzudenken? Ist es unsere Gesellschaft und unser Bild von der perfekten Biografie, die mich automatisch zum jetzigen Punkt in meinem Leben geführt hat? Hat sich mein Kinderwunsch ganz einfach überlebt, wenn ich jetzt sage, ich könnte es mir auch ohne Kinder vorstellen? Oder rede ich mir im Gegenteil genau das ein?

Niedliche Kinder sind gar nicht immer niedlich. Niedliche Kinder schreien und übergeben sich und lassen dich nicht schlafen, sie fordern und fordern und fordern. Gibt das Kinderlächeln tatsächlich so viel zurück, oder ist das eine Lebenslüge, die Mütter (und Väter) sich selbst vorgaukeln, weil es ja nun mal irgendwie gehen muss?* Kann ich – möchte ich – mein Leben über Jahrzehnte hinweg so stark verändern? Ist mal als Mutter wirklich so sehr fremdbestimmt, wie es meine Filterbubble derzeit darstellt? Aktionen wie #Muttertagswunsch machen mir in erster Linie wahnsinnig Angst vor dem Eltern werden, lassen meinen Kinderwunsch lächerlich und vollkommen hirnrissig wirken. Wenn es nach Twitter geht, wird man von Kindern die ganze Nacht über wachgehalten, weil sie ins Bett brechen, tagsüber lebt man im Chaos, hat kein Geld, keine Energie, keine Zeit, die Kinder haben wahlweise keine Kontrolle über ihre Körperfunktionen oder ihre Buntstifte und machen alle Dinge kaputt, die dir lieb sind. Wenn sie in die Schule kommen, schlägt man sich mit Lehrern rum, mit Hausaufgaben, mit Elternabenden. Man hat niemals seine Ruhe und niemals frei. Und irgendwann – irgendwann werden niedliche Kinder dann Teenager, finden dich als Mutter einfach nur total doof. Und Teenager sind außerdem gruselig. Und treten im Rudel auf. Oh Gott. Gefühlsmäßig darf man bei dem ganzen übrigens wählen: Sorge, Schuldgefühle, Angst, Wut, Schuldgefühle wegen der Wut, noch mehr Sorge, oh und natürlich Erschöpfung. Wobei, die ist immer da.

Ich bekomme Kinderliebe. Es gibt Kinder in meinem Leben, die mich liebhaben und bei mir sein wollen und mich feste drücken und küssen. Und hinter denen ich die Tür zumachen kann, und mich mit dem Mann anschauen und erleichtert aufatmen kann, und dann essen wir Pizza, trinken Wein und haben Sex. Mit offener Schlafzimmertür. Reicht das nicht? Will ich das verändern? WIESO will ich das verändern?

Die Frage nach der Zukunft. Wenn ich keine Kinder habe, werde ich auch keine Enkelkinder haben. Das täte sicherlich weh, noch einmal der Schmerz, den ich heute schon erlebt habe, als um mich herum alle schwanger wurden. In dreißig Jahren noch einmal? Wäre das genauso? Würde ich bereuen? Tatsächlich sage ich oft, ich will die ICSIs noch machen, um mir hinterher nichts vorwerfen zu können. Um sagen zu können, dass ich alles versucht habe und es nun einmal nicht sein sollte. Aber wenn ich es nur noch so sehe und nicht mehr verzweifelt darauf hoffe, endlich schwanger zu werden – sollten wir dann vielleicht nicht das Geld einfach sparen? Denn ja, zwei ICSIs wären unser gesamtes Erspartes. Auch wenn meine Eltern etwas zuschießen wollen.

Ich denke, vieles hat damit zu tun, dass wir in unserem Leben immer auf die nächste „Stufe“ zuarbeiten. Irgendwas muss ja als nächstes kommen. Kleine Dinge wie der nächste Urlaub, Weihnachten oder ein Geburtstag; und natürlich die großen Meilensteine. Das fängt doch an, wenn man ein Kind ist. Man arbeitet auf ein Ziel hin. In meinem Falle: Abitur. Studium und ausziehen von zuhause. Der erste Job. Die erste eigene Wohnung. Der erste unbefristete Job. Zusammenziehen. Das Ende der Fernbeziehung. Der Antrag. Die Hochzeit. Und dann kommen Kinder. So ist es halt. Ich überlege jetzt schon, das ich denn „stattdessen“ machen werde, wenn keine Kinder kommen. Dabei lebe ich doch gut vor mich hin. Was soll mein nächstes Ziel sein, wenn ich keine Kinder bekomme? Die Rente? Ein Hund? Ein Jobwechsel? Brauche ich ein Ziel? Wie lebt man ohne Ziel? Geht es nicht ohne?

 

 

* Und wenn es eine Lebenslüge ist, möchte ich die jeder Mutter und jedem Vater von Herzen gönnen und gar nichts, aber auch wirklich gar nichts verurteilen oder schlechtmachen. Man kann das nun einmal unmöglich objektiv beurteilen.

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Relaxed bis zum Anschlag.

6 Wochen – die Hälfte der Wartezeit auf die Krankenkassen-Reaktion bezüglich des Widerspruchs ist geschafft. Drei Monate haben sie ja Zeit. Wobei ich hier auch unterschiedliche (quasi widersprüchliche, höhö) Informationen zu gefunden habe. Ich denke, in ca. 2 Wochen werde ich mal nachhaken… Seufz.

Erstaunlicherweise ist das Thema Kinderwunsch bei mir derzeit ganz weit weg. Ich denke kaum daran, und wenn doch, ohne große Gefühlsregungen (WTF?!), sondern eher geschäftlich (Fristen, Anträge, Finanzen…), wenn das das richtige Wort ist. Neulich hat ein Kind im Park etwas niedliches gemacht, da musste ich lächeln. So wie früher. Ganz ohne das Pieksen, was sonst immer dazukam. Einfach nur der Gedanke „Oh wie süß“, nicht „Oh wie süß, ich will auch“. Wann und wie ist das passiert? Ich weiß es nicht.

Tatsächlich wünsche ich mir hauptsächlich, die Sache wäre endlich durch. So oder so. Ich stehe dem Kinderwunsch Tag für Tag etwas ambivalenter entgegen – zum einen tun Eltern mir oft Leid (derzeit ist ja mit der Aktion #Muttertagswunsch zumindest auf Twitter in aller Munde, was so schiefläuft), andererseits gehen sie mir auch gerne mal auf den Keks, weil sie sich doch teilweise manchmal sehr wichtig zu nehmen scheinen. Da will ich gar niemandem auf den Schlips treten, aber auch hier gerade wieder zum Muttertag: Wenn ich noch einmal „Nur eine Mutter weiß, was es bedeutet…“ lese, platzt mir die Hutschnur. (Was ist eine Hutschnur überhaupt, und wieso kann die platzen?)

Ich fürchte, hier bin ich etwas überempfindlich, denn natürlich leisten Mütter viel und haben eine anstrengende Aufgabe (Väter sollten im übrigen allerdings genau die gleichen Aufgaben haben, aber das nur am Rande, ist ein anderes Thema). Aber einfach dieses „Nur Mütter“-Mimimi. Mutter werden ist keine Leistung, sondern beruht halt zu großen Teilen auf Zufällen, die man schwer beeinflussen kann. Und dass es dann jede so gut macht, wie sie kann, sollte selbstverständlich sein. Ach ich weiß nicht. Wahrscheinlich spricht hier einfach doch wieder der unterschwellige Neid aus mir.

Wie dem auch sei, ich kann mir mittlerweile beide Varianten gut vorstellen, und die Variante MIT Kind macht mir mindestens genauso viel Angst wie die ohne, vielleicht sogar noch mehr. Dann würde schließlich alles anders! Aber ich würde es gern abschließen, im Falle des Falles, dass es nicht klappt, möchte ich nämlich Dinge tun, die jetzt gerade warten. Den Beruf wechseln zum Beispiel. Einen Hund anschaffen. Mir ein abschließendes Tattoo-Motiv überlegen, um das Thema abzuschließen.

Naja, ansonsten ist wie gesagt nicht viel los. Aber wir haben die Rechnung für die erste IVF jetzt bekommen (die war im November!!). Rund 2.000 Euro stehen drauf, davon müsste die Krankenkasse noch die Hälfte übernehmen (die übernimmt ja 75%). Also tausend Euro für nüschts. Kann ich mit leben. Die Rechnung kann ich hier ja vielleicht noch mal teilen. Zum Vergleich und als Recherchemöglichkeit für andere. Ich hätte mich gefreut, so was mal zu finden, bevor es bei uns losging.

Aber Mann, ich bin so relaxed momentan! Die Therapeutin hat mir das auch bestätigt. Ich darf erst in zwei Monaten wiederkommen. 😉 Mich bringt wenig aus der Ruhe und ich hatte schon lange keinen „schlechten Tag“ mehr. Tatsächlich fühle ich mich „in mir ruhender“ als lange zuvor. Verrückt. Aber sehr angenehm.

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Mai.

Das erste Quartal des Jahres 2017 ist abgehakt. In meinem Plan für dieses Jahr hätten wir jetzt die erste ICSI schon längst hinter uns, die zweite wäre – sofern notwendig – in Arbeit oder stünde zumindest kurz davor.

Stattdessen haben wir am Wochenende endlich die Rechnung für unsere erste IVF bekommen – die im November stattfand. Rund 2.000 Euro stehen darauf, die Hälfte davon sollte unsere Krankenkasse übernehmen (da sie ja insgesamt 75% übernehmen). Bei Interesse kann ich die Rechnung mal hochladen für alle, denen die erste IVF noch bevorsteht? 🙂

Tja, aber zurück zur ICSI. Wie Sie wissen, wissen wir nichts. Ich finde es unglaublich, dass wirklich schon vier Monate vergangen sind mit diesem ganzen Kladderadatsch. In diesen vier Monaten habe ich zwei Emails an die Klinik und zwei Briefe an die Krankenkasse geschrieben – der Rest bestand aus Warten. Wir werden wirklich Weltmeister im Warten. Zwischen dem Warten kamen noch ein paar Anrufe, um nachzufragen, ob es schon ein Ergebnis gibt. Beim Widerspruch spare ich mir das. Den sollen sie mal lieber in aller Ruhe bearbeiten, statt in einer genervten Stimmung, weil Frau Wundersache schon wieder angerufen hat. 😉 Ich hoffe nur so sehr, dass sie ihre Wartezeit von drei Monaten nicht völlig ausschöpfen. Es ist nämlich erst ein Monat rum. Das kann ich mir ganz gut merken, da wir den Widerspruch am 1. April verfasst haben und ich dann im Anschreiben lieber den 2. April draus gemacht habe, damit es nicht komisch wirkt. 😀

Die drei Monate wären somit Anfang Juli vorbei. ANFANG JULI! LEUTE!!!! Das geht gar nicht. Dann hat es echt ein halbes Jahr gedauert, in dem ü-ber-haupt nichts passiert ist, und zu 95% kriegen wir ja sowieso eine Absage der Kasse. Pfff! Aber ich weiß auch nicht so richtig, was wir in der Zwischenzeit machen können. Vielleicht frage ich noch mal bei der Klinik nach, ob sie einen Vorschlag haben, wie wir die Wartezeit sinnig nutzen können – andererseits denke ich mir ja auch, wenn es noch Untersuchungen/Behandlungen/Whatever gäbe, die die Klinik als notwendig ansieht, hätten sie die ja schon längst gemacht.

Also. Abwarten, Tee trinken, Ablenken.

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Der Mensch ist schlecht, aber immerhin lebt er nicht so lang.

Ich musste 32 Jahre alt werden, um meinen Glauben an das grundsätzlich Gute im Menschen zu verlieren.

Natürlich war mir auch vorher klar, dass nicht alles rosig ist. Dass es Menschen waren, die so viele Jahrhunderte Kriege geführt, Menschen unterdrückt, die Umwelt zerstört haben. Aber das war in der Regel Geschichte. Hier bei uns ging es voran, vielleicht langsamer, als ich mir das wünschte, aber immerhin.

Dann kam 2016, und es wurde ein Mensch zum US-Präsidenten gewählt, den ich spätestens seit „Grab them by the pussy“ für unwählbar hielt. Und dabei bin ich nicht einmal so entsetzt von Donald Trump. Es gibt Arschlöcher, es gab sie immer, es wird sie immer geben. Ich bin entsetzt von den Menschen, die hingehen und ihn wählen.

Dann kam 2017, und ein kleiner Junge wurde in Herne getötet, und wieder einmal sprachen alle von 4chan. Von dieser Plattform hatte ich auch schon im Zusammenhang mit der US-Wahl gehört: 4chan-User rühmten sich, sie wären für die Wahl Trumps verantwortlich. Schließlich hätten sie gezielt mit Memes, die sich dann im ganzen Internet verbreiteten, Clinton „zerstört“ und Trump hochgepusht. Mit Lügen, mit gezielten Falschinformationen, mit perfekt auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnittenen Ideen.

Ich dachte mir, man müsse sich ja eigentlich mal ein eigenes Bild machen. Von diesem 4chan. Also hab ich es tatsächlich gewagt und diese Seite besucht. Mein erster Eindruck: Es ist unübersichtlich. Und es ist hässlich. Es ist keine High-End-Website, die alle paar Monate den neuesten technischen Trends angepasst wird.

Aber hässlich hin, unübersichtlich her – da bin ich natürlich auch nicht der Maßstab aller Dinge, persönlich finde ich schon Tumblr oder erst Recht Reddit unübersichtlich, man wird ja auch nicht jünger. Bei 4chan gibt es verschiedene Unterkategorien. Ich habe die allgemeine gewählt, in der den Nachrichten zufolge auch der Herner Kindermörder unterwegs war. Und? Es ist eklig, es ist unangenehm. Die Themen sind buntgemischt. Sexfantasien, Gewaltfantasien spielen die Hauptrolle. Gern mit Fotos von jungen Frauen, die sicher nichts von dem wissen, was hier passiert, mit der Frage „Was würdest du mit ihr machen?“ Die widerlichen Ideen folgen auf dem Fuße.

Lange halte ich nicht durch. Ich fühle mich, als bräuchte ich dringend eine Dusche. Ich fühle mich dreckig und angewidert, noch Tage danach fühle ich mich irgendwie beschmutzt. Als läge da Dreck auf meiner Seele. Und das war nur die „private“ Seite. Gerade heute habe ich auf Twitter einen Screenshot gesehen, auf dem diskutiert wurde, wie man die Frankreich-Wahl beeinflussen könnte, damit Le Pen gewinne. Und so wurde vorgeschlagen, man sollte Macron, dem Gegenkandidaten, eine Affäre mit der Tochter seiner Ehefrau anhängen.

Es ist widerlich und ich habe tatsächlich den Glauben an die Menschheit als solche verloren. Es macht mich traurig und desillusioniert.

Es hilft mir aber auch, damit  zu leben, eventuell keine Kinder in diese Welt zu setzen. Oder ist es andersherum – die Kinderlosigkeit lässt mich besser mit der schlechten Welt leben?

Ich werde diese Welt nicht verbessern können. Das muss ich mir heute eingestehen. Und so denke ich mir mittlerweile oft: Dann macht doch alle, was ihr wollt. Macht sie doch kaputt, unsere Welt. Es nützt ja alles nichts, ich kann ja doch nichts daran ändern, was soll ich meine Gedankenwelt damit beschweren. Irgendwann bin ich weg und dann ist es mir auch egal. Im Gesamtbild betrachtet ist meine Existenz auf diesem Planeten nur der Bruchteil einer Sekunde, und was ich hier erreiche, hat ähnlich viel Bedeutung für das große ganze wie das Leben einer Eintagsfliege.

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Happy Anniversary, Kinderwunsch!

„Besondere Fähigkeiten: Warten.“ Das kann ich wohl bei meiner nächsten Bewerbung in den Lebenslauf schreiben. Oder fällt das unter Hobbys? Lesen, Nähen, Warten. Kann ich.

Der Widerspruch ist seit Anfang April bei der Krankenkasse. Wir haben bisher nichts gehört. Naja, doch, eine Empfangsbestätigung hatten wir im Briefkasten. Ich habe mich nicht getraut, den Brief zu öffnen – mein Mann musste das machen, als er von der Arbeit heimkam. Heute habe ich gegoogelt, welche Fristen für Widersprüche gelten. Siehe da: Die Krankenkasse hat hochoffiziell drei Monate Zeit, auf den Widerspruch zu reagieren. Puh. Nur gut, dass wir den ersten Monat schon fast geschafft haben. Wenn ich auf den Kalender schaue, sind es auch eigentlich erst zweieinhalb Wochen. Mir kommt es vor wie eine kleine Ewigkeit.

Aber das ist momentan sowieso egal, denn: Ich warte. Dieses Mal auf meine Periode. Nach dem zweiten Pillenzyklus hatte ich recht heftige Schmierblutungen, fast eine Woche lang, aber keine richtige Blutung. Laut meiner App bin ich jetzt somit bei Zyklustag 55. Oder, wie sie es ausrechnet: Kurz vor meiner Periode, wenn ich die Zwischenblutung als Mens betrachte. Gucken wir mal. Ungewöhnlich ist es allemal, aber ich will mir nicht übermäßig Sorgen machen. (Dass ich schwanger sein könnte, halte ich übrigens für ausgeschlossen – das wäre der Witz des Jahrhunderts, wenn ich ausgerechnet in einem Pillenzyklus schwanger geworden wäre!) Ich hoffe nur, dass es bald mal soweit ist und ich darüber nicht weiter nachdenken muss.

Morgen ist unser vierter Hochzeitstag. Die gefürchteten vier Jahre sind somit erreicht. Vier Jahre, so lang hat meine Mutter gebraucht, um schwanger zu werden. Das weiß ich schon lang. Zu Beginn kam es mir absurd vor. Später wurde es mein Schreckgespenst – um Himmels willen, VIER JAHRE! Jetzt ist es soweit. Die Zeit vergeht einfach. Das ist traurig, und in diesen vier Jahren ist viel passiert, was mich traurig macht. Andererseits ist es eben das Leben. Wir versuchen, das beste draus zu machen, und wurschteln uns so durch. Ich glaube, so geht es jedem. Die vielen „Was wäre gewesen, wenn…“ spiele ich nicht mehr im Kopf durch. Ich liege nachts nicht mehr im Bett und stelle mir vor, wie es wäre, wenn ein Baby da ist. Dann würde ich wohl auch verrückt werden.

Vier Jahre also. Nichts, womit ich jemals gerechnet hätte. Mal sehen, ob uns das fünfte Jahr mehr Glück bringt.