Kinderwunschbehandlung. Wo sie dich trifft. 

Sie trifft dich im Bauch. Wortwörtlich, denn der Bauch ist der Ort, an dem du dir Spritzen gibst. Täglich. Rund um den Nabel. Das gibt manchmal kleine blaue Flecken, auf jeden Fall sorgt es dafür, dass deine Eizellen wachsen (was sie ja auch sollen) – du bekommst einen dicken Bauch, siehst fast schon schwanger aus, es zieht und tut weh und drückt. Du weißt oft nicht: Muss sich das jetzt so anfühlen? Ist alles in Ordnung? Du darfst zeitweise keinen Sport machen und musst dich schonen. Du nimmst Spritzen und Tabletten und, nun ja, quasi Zäpfchen. Dein medizinisches Arsenal ist beachtlich und es fällt schwer, sich bei dieser Ausstattung normal, fit und gesund zu fühlen.

Sie trifft dich im Herzen. Klingt kitschig, aber emotional ist so eine Behandlung eine reine Achterbahnfahrt. Rauf, runter und ab und an ein Looping. Man lebt mit Hoffnung und Enttäuschungen, mit Neid und Angst und Selbstzweifel. Jede Schwangerschaft einer anderen ist ein Stich ins Herz. Und jedes Gefühl von Neid macht dir wiederum ein schlechtes Gewissen, weil die anderen ja auch nichts dafür können. Du bist wütend und traurig und machst dir so viele Gedanken über deinen Kinderwunsch, wie es ein Paar, bei dem es „einfach so“ klappt, niemals gemacht hat. Wie du sie dir zu Beginn auch nicht gemacht hast. Du zweifelst und versuchst, dir ein Leben ohne Kinder vorzustellen. Du heulst bei Geburtsankündigungen oder willst ein Baby im Freundeskreis lieber nicht auf den Arm nehmen. Sie belastet deine Beziehungen, wenn du nicht offen darüber redest. Und das kannst du oft nicht. Oder du willst es auch manchmal einfach nicht.

Sie trifft dich im Geldbeutel. So eine Behandlung kostet Geld. Die Anzahl der Behandlungen ist gedeckelt, der gesetzlich garantierte Anteil ebenfalls. Du überlegst: Kann ich mir diese Sache leisten oder lieber noch eine Behandlung? Fahre ich in den Urlaub oder bekomme ich (eventuell) ein Kind? Zahlt das die Kasse? Wieviel zahlt sie? Und es ist so ungerecht. Und dann ist da immer noch das Damokles-Schwert einer weiteren Behandlung, die notwendig sein könnte, das über dir baumelt. Und das Gefühl, das dich trifft, wenn du eine Rechnung bekommst, Monate nach dem negativen Ergebnis. Und 2.000 Euro für nichts überweisen musst. Oder halt auch mal 4.000 Euro. Für die Erkenntnis, dass es wieder nicht geklappt hat.

Sie trifft dich im Terminkalender. Und ich glaube, das ist einer der meist unterschätzten Aspekte, gern auch, wenn das Thema am Rande in Büchern oder Filmen vorkommt. So eine Behandlung kostet einfach unglaublich viel Zeit und braucht Organisation. Also – insbesondere für die Frau. Während eines Behandlungszyklus bin ich ungefähr sechs bis acht Mal in der Praxis, davon der größte Teil auf einen Zeitraum von 14 Tagen verteilt. Diese Zeitpunkte sind fix und nicht verhandelbar, sie hängen von meinem Körper ab und von den Abläufen in der Praxis, nicht von meinen persönlichen Plänen. Meinem Körper ist das schnurzpiepegal, ob ich einen wichtigen Termin bei der Arbeit habe oder auf eine Party möchte oder sonst was. Neben den Terminen in der Praxis gibt es da noch die Spritzen, um die ich meinen Tag planen muss. Die müssen im Kühlschrank lagern und täglich zur gleichen Zeit gegeben werden. In der Behandlung jongliere ich daher meist ganz schön rum, was Verabredungen nach der Arbeit betrifft. Lege ich meine Spritzen auf eine späte Uhrzeit und muss dann immer früh daheim sein? Allerdings darf der Zeitraum nur von 18 bis 22 Uhr sein, das ist für einen Stammtisch oder ähnliches schon früh. Oder lege ich die Spritzenzeit früher? Dann muss ich immer pünktlich Feierabend machen, darf nach der Arbeit nicht mehr einkaufen gehen und so weiter. Und ja, ich habe mir auch schon Spritzen auf dem Klo oder im Auto gesetzt, aber es stresst halt enorm. Dann gibt es auch noch VzO. Verkehr zum optimalen Zeitpunkt oder Ovulationszeitpunkt. Dann hast du also auch noch den Sex im Terminkalender, und du bekommst nachmittags einen Anruf, in dem dir eine freundliche Klinikdame sagt, um wieviel Uhr ihr bitte verkehren sollt. Awkward.

Sie betrifft deinen Kopf. Woran du alles denken musst! Und womit du dich herumschlagen musst! Angefangen bei der Krankenkasse über gesetzliche Regelungen über einfache Dinge wie Überweisungen und Behandlungspläne, die du besorgen musst (und damit immer im Hinterkopf hast). Wie funktioniert das? Wer ist zuständig? Du kannst niemanden fragen, denn niemand ist zuständig. Die Krankenkasse – eher Gegner als Verbündeter. Die Klinik – medizinisch top, aber bei sowas aufgeschmissen. Klar, es gibt zigtausend Einzelfälle, alle mit unterschiedlichen Konstellationen, Versicherungen, Gründen. Es gibt Richtlinien für Ärzte, die den Richtlinien der Krankenkassen widersprechen (Bundesärztekammer vs. „Regelungen des Gemeinsamen Bundesausschusses“) – das weiß vorher kein Mensch, und niemand sagt es dir. Du musst alles zusammengoogeln und hast dann das Gefühl, nur ein gefährliches Halbwissen zu besitzen, da sich die Webseiten widersprechen und es keine offizielle Informationsstelle gibt. Welche Frist hat beispielsweise die Krankenkasse, auf meinen Widerspruch zu reagieren? Ich weiß es bis heute nicht.

Und dann stellt dir eine Freundin eine naive Frage („Kannst du nicht einfach…“) und du weißt nicht, ob du lachen oder weinen sollst, weil Kinderwunschbehandlung ist so ungefähr alles, aber eben nicht einfach.

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5 Gedanken zu “Kinderwunschbehandlung. Wo sie dich trifft. 

  1. Hallo Frau Wundersache,
    genau so und nicht anders! Und wenn dir all diese Situationen und Erkenntnisse bewusst werden, wünscht du dir das es doch „einfach“ wäre. So „naiv“ und „einfach“ wie es bei anderen erscheint….

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  2. Genau so ist es. Du hast es einfach passend beschrieben. Auch wenn ich Glück hatte, so weiß ich doch noch ganz genau, wie und wo einen die Kinderwunschbehandlung trifft.
    Ich vermisse dich bei Insta ;-).
    VG dn_sng

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  3. Genau so ist es! So eine Kiwu-Behandlung ist so einschneidend und lebensverändernd. Wenn ich es nicht selbst erleben würde – seit so gefühlt unendlich langer Zeit – ich würde es selbst nicht glauben.
    Alles Liebe dir! Ich lese deinen Blog regelmäßig, kommentiere aber nur seltenst. Möchte aber, dass du weißt, dass du einen regelmäßigen Leser hast :-*

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    • Oh, vielen lieben Dank! Ja, man kann es schlecht nachvollziehen, wie sehr es das ganze Leben beeinflusst. Irgendwann muss man sich das langsam, aber sicher zurückerobern, wenn es nicht klappt.

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  4. Hallo meine Liebe, ich schaue hier immer mal wieder rein (stehen auch kurz vor der 1.IVF nach unzähligen VZOs) und frage mich, wie es Dir geht. Es wäre schön, mal wieder von Dir zu lesen. Ich lasse mal viele liebe Grüße da 🙂

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