Gedanken zu meinem 33. Geburtstag

Was ich mag:

Kleine Kinderärmchen, die sich um meinen Hals schlingen. Meinen Mann mit den Kindern interagieren sehen. Meinen Namen aus Kinderkehlen gerufen hören, weil ich dringend mitspielen soll. Oder neben ihnen sitzen. Oder einfach nur schauen, was sie tolles kreiert haben. Selbst gemalte Bilder geschenkt bekommen. Ein brabbelndes Baby auf dem Fußboden. Ein Baby, das lacht, wenn ich Grimassen schneide. Die Verkleidungsideen meiner Nichte. Meinen Neffen mit dem Lego spielen sehen, das unser Wohnzimmer bevölkert (ganz ohne Kinder). Sätze wie „Wenn ich bei euch bin, ist es NIIIIE langweilig!“ hören. Das Gewicht eines vierjährigen auf dem Schoß. Meinen Stiefvater sehen, wie er mit der Babynichte herumalbert und mit der großen Nichte spielt (beides nicht seine Enkel, da ich Einzelkind bin). Kinder, die lustige, altkluge, falsch verstandene Dinge sagen und alle zum Lachen bringen.

Was ich mag:

Ruhe. Die Tür hinter dem Besuch schließen und erst einmal durchatmen. Abends auf dem Sofa sitzen, ein Glas Wein in der Hand, den Mann neben mir, Pizza futtern und eine Folge Serie schauen. Durchschlafen. Ausschlafen. Freiheiten haben, spontan sein. Sagen „Frag deine Mama“ und nicht „Schuld“ sein, wenn die Antwort Nein ist. Verwöhnen dürfen. Geld für überflüssigen Kram ausgeben – für mich. Nicht an Schulzeiten gebunden sein. Keine „Kind-krank-Tage“ auf der Arbeit durchboxen müssen.

Was ich mich frage:

Will ich Eltern sein, will ich Mutter sein? Oder will ich niedliche Kinder um mich herum haben? Will ich keine kinderlose Frau sein, weil es irgendwie dazugehört im Leben, weil man sich sonst rechtfertigen muss, weil es in meinem Lebensplan einfach immer mit drin war, ohne groß darüber nachzudenken? Ist es unsere Gesellschaft und unser Bild von der perfekten Biografie, die mich automatisch zum jetzigen Punkt in meinem Leben geführt hat? Hat sich mein Kinderwunsch ganz einfach überlebt, wenn ich jetzt sage, ich könnte es mir auch ohne Kinder vorstellen? Oder rede ich mir im Gegenteil genau das ein?

Niedliche Kinder sind gar nicht immer niedlich. Niedliche Kinder schreien und übergeben sich und lassen dich nicht schlafen, sie fordern und fordern und fordern. Gibt das Kinderlächeln tatsächlich so viel zurück, oder ist das eine Lebenslüge, die Mütter (und Väter) sich selbst vorgaukeln, weil es ja nun mal irgendwie gehen muss?* Kann ich – möchte ich – mein Leben über Jahrzehnte hinweg so stark verändern? Ist mal als Mutter wirklich so sehr fremdbestimmt, wie es meine Filterbubble derzeit darstellt? Aktionen wie #Muttertagswunsch machen mir in erster Linie wahnsinnig Angst vor dem Eltern werden, lassen meinen Kinderwunsch lächerlich und vollkommen hirnrissig wirken. Wenn es nach Twitter geht, wird man von Kindern die ganze Nacht über wachgehalten, weil sie ins Bett brechen, tagsüber lebt man im Chaos, hat kein Geld, keine Energie, keine Zeit, die Kinder haben wahlweise keine Kontrolle über ihre Körperfunktionen oder ihre Buntstifte und machen alle Dinge kaputt, die dir lieb sind. Wenn sie in die Schule kommen, schlägt man sich mit Lehrern rum, mit Hausaufgaben, mit Elternabenden. Man hat niemals seine Ruhe und niemals frei. Und irgendwann – irgendwann werden niedliche Kinder dann Teenager, finden dich als Mutter einfach nur total doof. Und Teenager sind außerdem gruselig. Und treten im Rudel auf. Oh Gott. Gefühlsmäßig darf man bei dem ganzen übrigens wählen: Sorge, Schuldgefühle, Angst, Wut, Schuldgefühle wegen der Wut, noch mehr Sorge, oh und natürlich Erschöpfung. Wobei, die ist immer da.

Ich bekomme Kinderliebe. Es gibt Kinder in meinem Leben, die mich liebhaben und bei mir sein wollen und mich feste drücken und küssen. Und hinter denen ich die Tür zumachen kann, und mich mit dem Mann anschauen und erleichtert aufatmen kann, und dann essen wir Pizza, trinken Wein und haben Sex. Mit offener Schlafzimmertür. Reicht das nicht? Will ich das verändern? WIESO will ich das verändern?

Die Frage nach der Zukunft. Wenn ich keine Kinder habe, werde ich auch keine Enkelkinder haben. Das täte sicherlich weh, noch einmal der Schmerz, den ich heute schon erlebt habe, als um mich herum alle schwanger wurden. In dreißig Jahren noch einmal? Wäre das genauso? Würde ich bereuen? Tatsächlich sage ich oft, ich will die ICSIs noch machen, um mir hinterher nichts vorwerfen zu können. Um sagen zu können, dass ich alles versucht habe und es nun einmal nicht sein sollte. Aber wenn ich es nur noch so sehe und nicht mehr verzweifelt darauf hoffe, endlich schwanger zu werden – sollten wir dann vielleicht nicht das Geld einfach sparen? Denn ja, zwei ICSIs wären unser gesamtes Erspartes. Auch wenn meine Eltern etwas zuschießen wollen.

Ich denke, vieles hat damit zu tun, dass wir in unserem Leben immer auf die nächste „Stufe“ zuarbeiten. Irgendwas muss ja als nächstes kommen. Kleine Dinge wie der nächste Urlaub, Weihnachten oder ein Geburtstag; und natürlich die großen Meilensteine. Das fängt doch an, wenn man ein Kind ist. Man arbeitet auf ein Ziel hin. In meinem Falle: Abitur. Studium und ausziehen von zuhause. Der erste Job. Die erste eigene Wohnung. Der erste unbefristete Job. Zusammenziehen. Das Ende der Fernbeziehung. Der Antrag. Die Hochzeit. Und dann kommen Kinder. So ist es halt. Ich überlege jetzt schon, das ich denn „stattdessen“ machen werde, wenn keine Kinder kommen. Dabei lebe ich doch gut vor mich hin. Was soll mein nächstes Ziel sein, wenn ich keine Kinder bekomme? Die Rente? Ein Hund? Ein Jobwechsel? Brauche ich ein Ziel? Wie lebt man ohne Ziel? Geht es nicht ohne?

 

 

* Und wenn es eine Lebenslüge ist, möchte ich die jeder Mutter und jedem Vater von Herzen gönnen und gar nichts, aber auch wirklich gar nichts verurteilen oder schlechtmachen. Man kann das nun einmal unmöglich objektiv beurteilen.

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14 Gedanken zu “Gedanken zu meinem 33. Geburtstag

  1. So viele Fragen. Die ich so unfassbar gut nachvollziehen kann. Auf die meine eigenen Antworten sich (mehrmals) täglich ändern… es gibt einfach keine passende Antwort. 😞 Sorry, das hilft jetzt irgendwie auch nicht.

    Zwecks des Geldes: hast du das PDF aus meinem letzten Beitrag mal angesehen?

    Ich wünsche dir alles Liebe und ein glückliches Leben. So oder anders 😘

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    • Ja, es ändert sich bei mir auch dauernd und Antworten gibt es nicht so wirklich. Aber es hilft mir, das beim Aufschreiben mal zu ordnen und so verarbeite ich es selbst ein bisschen.

      Ich habe das PDF gesehen, aber wofür gilt das denn nun? Denn wie ich ja lernen durfte, haben Ärzte und Krankenkassen da ja verschiedene Richtlinien, nach denen sie gehen. Sind das die Richtlinien für die Ärzte oder für die Kassen? *blickt nicht richtig durch* 😉

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  2. Alles Liebe zu Deinem 33. Geburtstag 🥂
    Deine Gedanken sind mir noch so vertraut, und es gibt auch jetzt manchmal Momente in denen ich meine Unabhängigkeit vermisse. Die Frage ob man Mutter werden möchte, koste es was es wolle (in jeder Hinsicht), kann man nur sich selber beantworten.. und diese Entscheidung muss man immer wieder fällen. Ich wünsche dir, dass du für dich gut entscheiden kannst ob der Kinderwunschweg mit den ICSIs weiter geht 🍀

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  3. Auch von mir herzliche Glückwünsche zu deinem Geburtstag!
    Deine Fragen haben mich sehr nachdenklich gemacht. Ich finde, es sind sehr mutige Fragen und ich weiß selbst nicht, ob ich sie für mich beantworten kann.
    Ich hoffe, dass ich den richtigen Weg für euch findet.

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  4. Genau so geht es mir auch, ich kann das genau verstehen, und auch bei mir ändern sich die Antworten täglich und sobald es einem besser geht, kommt die Blutung und das ist immer wieder ein Fall, Fall in die tiefe Trauer und Geheule und jeden Monat beginnt es aufs Neue, von Trauer bis glücklich so leben und dann wieder der Einbruch….ein verdammter Teufelskreis, wie kommt man da nur raus….

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  5. Hallo Frau Wundersache,
    jetzt bin ich echt ergriffen wie sehr sich deine Gedanken und die momentanen Umstände mit meinen decken.
    Seid 3 Monaten muss ich mich ständig selbst quälen mit der Frage: Will ich ein Kind um jeden Preis? Auch bei weniger als 20% Erfolgsrate?
    Mein Preis bedeutet neben all den Umständen der Behandlung auch den Monetären Preis. Wie oft bin ich bereit pro Versuch 7.000,00€ zu zahlen? Einmal? Zweimal? Und dann?
    Diese Fragen treiben mich umher und dann die Gegenfragen: Kein Kind, was ist dann dein Lebensziel? Haus? Ausbrechen und die Welt umrunden?

    Und am Ende die Erkenntnis: du befindest dich im Gedankenkarussel und Antworten kannst weder du dir geben noch Jemand anderes…..

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      • Man schämt sich dafür das Geld tatsächlich eine der Hauptsäulen für Entscheidungen in der Kinderwunschbehandlung ist. Und andererseits, gibt es Menschen die 30.000€ für ein Auto ausgeben! Man selber aber Angst hat diese Summe für die Erfüllung seiner Träume einzusetzen…
        Ich werde dieses Jahr im Oktober übrigens ebenfalls 33 ^_^ Bis dahin steht Einiges in Sachen KW-Behandlung an. Mal sehen was meine Gedanken dann seien werden….
        Egal was passiert, ich habe für mich beschlossen mich selbst zu feiern. 🙂
        Du solltest es auch tun, man ist nämlich als Frau grundsätzlich mit sich selbst zu bescheiden.
        LG Vicky

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      • Dafür sollte man sich nicht schämen, ich finde es nur so unfair, aber so ist unsere Gesellschaft eben manchmal.
        Ich drücke dir die Daumen, dass du an deinem Geburtstag einen anderen Beitrag schreiben kannst! 🙂

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  6. Pingback: Der Kinderwunsch und die Zeit. | Die Sache mit den Wundern

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