Der Kinderwunsch und die Zeit.

Eine Sache, die so eine Kinderwunschbehandlung so mit sich bringt, ist ja: Zeit. Wir alle wissen, wie man wartet, wir sind geübt darin. Womit ich nicht gerechnet habe, sind die Entwicklungen, die man in dieser Zeit durchmacht. Und natürlich ist es eigentlich gut, dass ich nicht mehr die gleiche Person wie vor vier Jahren bin, und es ist auch völlig einleuchtend, dass die Zeit, die Behandlung, die Sorgen und die Gedanken mich verändern.

Und vermutlich ist es eigentlich wünschens- und lobenswert, dass ich meinen Kinderwunsch regelmäßig überdenke und neu bewerte. Hätte mich jemand vor vier Jahren gefragt, wie stark er ist, hätte ich gesagt: Unmessbar. Ich war bereit, mich von meinem Mann zu trennen, der Gedanke an ein kinderloses Leben stürzte mich in die allertiefste Verzweiflung. Ich durfte mir das Leben ohne Kinder nicht allzu genau vorstellen, denn dieser Gedanke war der einzige, der in meinem Leben wirklich und wahrhaftig kurzzeitig Suizidgedanken weckte, und das hat mich so unfassbar erschreckt, dass ich den Gedanken weit, weit, weit fort von mir geschoben habe.

Mit der Zeit wurde der Gedanke erträglicher. Vermutlich ist das gesund. Nur bin ich jetzt, kurz vor den letzten Behandlungen, an dem Punkt angelangt, an dem mir ein Leben ohne Kinder fast genauso erstrebenswert wie eines mit Kindern erscheint. Weil ich die vielen negativen Aspekte, die das Leben mit Kindern mit sich bringt, sehe. Weil ich auf Twitter und im Familien- und Freundeskreis sehe, welche Anstrengungen, Einschränkungen das Familienleben mit Kindern so bringt. Weil ich zu schätzen weiß, was wir haben.

Mir war immer klar, mein ganzes Leben lang, dass ich einmal Kinder haben würde. Ob nun leibliche oder adoptierte. Mittlerweile denke ich beim Thema Adoption, auf das man ja doch öfter mal angesprochen wird: Och nö. So eine Anstrengung. So ein Aufwand. So viel Bürokratie und keine Garantie auf Erfolg, mal wieder.

Ich denke bei der Vorstellung eines Lebens mit Kindern: Und wie machen wir das mit der Arbeit. Was ist mit meiner Rente, wenn ich Teilzeit arbeite. Würde mein Mann so mitziehen, wie ich mir das vorstelle. Würde unsere Ehe das aushalten, die ständige Übermüdung und den Stress im Alltag. Würde ich meinen Job wechseln? Ich überlege, meinen Job zu wechseln, und bleibe derweil der Sicherheit wegen (und weil ich nicht weiß, was ich tun möchte, hüstel). Man sollte vermutlich auch den Job wechseln, wenn man unglücklich dort ist, wenn man ein Kind hat. Mutter zu sein ist nicht mehr meine Berufung. Zuvor dachte ich „Ich halte das aus, ist ja nur zum Geldverdienen.“ Mein Job ist nicht schlimm, aber halt auch nicht erfüllend. Meine Theorie war immer, dass der Job nicht erfüllen muss – das macht das restliche Leben. Ich weiß nicht, ob ich das noch so sehe.

Es wäre so einfach gewesen, vor vier Jahren einfach schwanger zu werden. Ich wäre so glücklich gewesen, die meisten der letzten vier Jahre. Es war alles, was ich wollte. Alles wäre nach Plan gelaufen. Ob ich es bereut hätte, Stichwort „Regretting Motherhood“? Über die negativen Seiten habe ich mir damals noch keine Gedanken gemacht. Jetzt? Ich bin so unsicher. Natürlich werden wir trotzdem weitermachen. Aufhören ist einfach keine Option, bis wir nicht wenigstens eine ICSI probiert haben. Mein Argument ist dabei gern „Hinterher würden wir es bereuen, es nicht wenigstens versucht zu haben.“ Aber der Gedanke an eine Schwangerschaft löst in mir mittlerweile eine Heidenangst aus.

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8 Gedanken zu “Der Kinderwunsch und die Zeit.

  1. Liebe Wundersache,
    danke für deinen Beitrag. Deine Worte könnten stellenweise von mir kommen, denn manchmal macht mir der Gedanke an ein eigenes Baby auch sehr viel Angst. „Schaffen wir das?“, „Wie würden wir Situation XY jetzt mit Baby meistern?“ – solche Gedanken habe ich öfters mal. Andererseits halte ich mit immer wieder vor Augen, dass es schon so wahnsinnig viele Paare geschafft haben und in ihre neue Rolle und die Aufgaben hineinwachsen. Mit seinen Aufgaben wächst man, und diese Erfahrung habe ich im beruflichen Kontext schon oft gemacht.

    Von daher: Versuche dir und euch zu vertrauen. So wie es kommt, wird es richtig sein.

    🍀💖🍀

    Alles Liebe,
    Leni

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  2. Ich kenne diese Veränderung nur zu gut. Und jetzt -kurz vor dem letzten Versuch- weiß ich nicht, ob ich mir ein Leben ohne Kind nur schön rede oder ob ich es wirklich weniger will… daher versuche ich es jetzt einfach dem Schicksal zu überlassen. Eine andere Wahl haben wir eh nicht. 🤔 LG Frau Einstrich

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    • Jaaa, genau das frage ich mich auch oft. Aber halt auch andersrum, dass man sich das Leben MIT Kind schönredet… Ich sollte vielleicht auch weniger nachdenken. 😉 Vielleicht konzentriere ich mich mal ein bisschen auf die Jobgeschichte…

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      • Ich glaube man versucht, vernünftiger Weise, seine Situation bzw. Wunschsituation immer positiv zu sehen… nur so kann man ein Ziel ja auch ernsthaft verfolgen. Schau einfach mal, welcher Job dich reizt und welche Chancen du da hättest.. ganz unabhängig vom Kinderwunsch. Lg

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  3. Hallo liebe „Wundersache“, ich lese Deinen Blog so gerne, weil Du mir stellenweise echt aus der Seele sprichst. Viele Deiner Gedanken kenne ich soooo gut. Auch diese Ambivalenz zwischen dem Kinderwunsch und der Angst davor. Ich werde es ähnlich wie Frau Einstrich halten und das Schicksal entscheiden lassen…
    Davon unabhängig ist es sicher sinnvoll, sich im eigenen Leben mal grundsätzlich umzuschauen, was es dort für Baustellen gibt. Meine Erfahrung ist, dass die Konzentration auf den Kinderwunsch doch vieles in den Hintergrund treten lässt (z. B. Unzufriedenheit im Job oder mit der Wohnsituation), was eigentlich gut wäre mal anzugehen.

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  4. Ich habe heute deinen Blog entdeckt und durchgelesen. Du hast einen tollen Schreibstil und jetzt, am Ende der Lektüre, drücke ich euch noch mehr die Daumen, dass es endlich klappt. Alles Gute für den Krankenkassenantrag und natürlich für die 2. ICSI 🙂

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  5. Hallo,

    Gestern habe ich mich durch deinen kompletten Blog geschrieben. Du könntest ein Buch daraus machen, weil du einfach gut schreibst!!!
    In vielen Sachen erkenne ich mich wieder.
    Je länger die Wartezeit ist, desto mehr zweifel ich an dem Kinderwunsch. Darum beneide ich die Spontaneltern, mit solchen Zweifeln müssen sie sich nicht rumplagen. Aber ich will es wenigstens probiert haben, in der Hoffnung ich kann besser damit zurechtkommen, wenn es trotz allem nicht klappt.
    Und je länger die Wartezeit ist, je “kostbarer” wird das Kind. Kann ich es überhaupt noch normal gross werden lassen oder werde ich zwangsweise zur Klammermutter? Und wenn das Kind, auf das wir solange gewartet haben, dann vor uns stirbt, wäre es dann nicht besser gewesen, es nicht der “Natur abgetrotzt” zu haben?
    Im Moment bin ich gerade wieder voller Zweifel, auch dass sich alles um den Zyklus dreht, man alles darum herumplanen muss nervt. Dabei sollte ich mich nicht aufregen. Kein Kind zu bekommen ist im Prinzip auch nur ein Luxusproblem, schlimmer wäre Krebs oder einen schlimmen Unfall zu haben.

    Liebe Grüsse und alles Gute für die Zukunft

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    • Hallo Resa,
      vielen Dank für deinen tollen, langen Kommentar! 🙂 (Ich hab auch schon mal darüber nachgedacht, ein Buch zu schreiben. Aber meine Geschichte ist ja noch nicht zu Ende und ich weiß auch nicht so genau, was für ein Buch das sein sollte. Ratgeber? Biographie? Roman?)
      Ja, solche Ängste habe ich auch. Ich frage mich auch, ob ich nach so langer Zeit wohl große „Ansprüche“ an das Kind und vor allem an meine Mutterrolle stellen würde? So nach dem Motto „Jetzt wird alles gut“. Das kann ja nur schiefgehen.
      Alles wäre so viel einfacher, wenn man einfach von vornherein wüsste, wie es ausgeht…
      Dir auch alles Gute – lass dich nicht so einwickeln vom Kinderwunsch. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass kleinere Projekte, die nichts mit dem Thema zu tun haben, wahnsinnig hilfreich sind, weil man seine Energie darauf fokussieren kann!

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