Die Angst vor der Bequemlichkeit.

Heute Nachmittag werde ich den letzten Termin mit meiner Therapeutin haben. Und irgendwie muss ich jetzt mal aufschreiben, worüber ich eigentlich reden möchte! Denn als ich den Termin ausgemacht habe, ging es mir noch recht schlecht. Und jetzt geht es mir schon so viel besser!

Wir waren auf einem Kurztrip in Stockholm und alle Kinder, die wir dort getroffen haben, haben sich wie abgesprochen von ihrer schlechtesten Seite gezeigt. Nervig, anstrengend, laut, wild, egoistisch… Es war dann tatsächlich ein bisschen witzig, wie mein Mann und ich uns dann immer anschauten, wenn gerade wieder ein rabaukiges Kind fast ins Hafenbecken gefallen wäre, und seufzten „Gut, dass wir keine Kinder haben!“ Natürlich leise (niemand würde es ja verstehen, wieso wir das so sagen – es hatte fast etwas therapeutisches). Eigentlich stört mich solches typische Kinderverhalten nicht, es gehört eben dazu und ich mag doch Kinder sehr. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, die Welt will uns zeigen, dass es durchaus auch Vorteile hat, KEINE Kinder zu haben! 😉

„Gut, dass wir keine Kinder haben“ – ist das so? Irgendwie schon. Ich will jetzt nicht noch einmal die ganzen Nachteile aufzählen, die Kinder so mit sich bringen. Kommt noch jemandem dieses ständige Aufzählen vor, als müsse ich mich selbst überzeugen? Aber neben den offensichtlichen Nachteilen wie Zeiteinteilung, Geld, Freiheit hier noch ein zwei Punkte, die mir durch den Kopf spuken:

Vielleicht ist es besser, keine Kinder in diese aktuelle Welt zu setzen. Klimakrise, hässliche politische Entwicklungen… Wer weiß, ob es dir ein Kind in 20 Jahren nicht zum Vorwurf macht, in diese Welt geworfen zu sein. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie unsere persönliche Lage aufgrund der Klimaveränderungen in den nächsten Jahrzehnten aussehen wird.

Wir sind nicht mehr die jüngsten. Gut, wir sind auch noch nicht die ältesten, aber mein Mann wäre bei der Geburt eines potenziellen Kindes 40 Jahre alt. Ich wäre mindestens 36. Klar geht das. Aber junge Eltern können wir nicht mehr werden.

So, und somit bin ich kopfmäßig mit der Entscheidung, es jetzt dabei zu belassen, eigentlich mit mir im Reinen.

Eigentlich.

Ihr kennt dieses Wort, das so vieles relativiert.

Auf der anderen Seite kommt es mir auch irgendwie wie Feigheit, Egoismus, Bequemlichkeit vor. Es hat zu viele Nachteile? Ja meine Güte, das haben ja schon ganz andere gemeistert als wir. Leute mit weniger Geld, Zeit, Freizeit. Es wäre eine zu große Umstellung? Stell dich nicht so an, das Leben ist kein Ponyhof, das ist es doch Wert, sei nicht so bequem. Willst du wirklich in 20 Jahren bereuen, weil zu heute zu faul bist, dich um eine Adoption zu bemühen, es mit deinem Mann auszudiskutieren, noch ein bisschen zu warten? Weil du zu bequem bist, dein Leben komplett auf den Kopf zu stellen? Denk doch mal darüber nach, was dir alles entgeht. Die tollen Dinge. Die Familienzeit. Das Kinderlächeln. Das „Mama“ und die ganz ganz große Liebe. Und weshalb? Weil du alles lieber so lässt, wie es schon immer war? Willst du in 30 Jahren wieder die einzige im Freundeskreis sein, die keine kleinen Babys im Arm hält, weil eben niemand da ist, der Enkelkinder hervorbringen könnte? Bist du wirklich zu feige, deinen Eltern Enkelkinder zu gönnen?!

Alles wird gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

Ja, meine latente innere Stimme ist nicht gerade freundlich und nachsichtig. Herr im Himmel, wenn ich es so lese, gruselt es mich selbst ein bisschen. Wo kommt das her? Vermutlich teilweise aus dem bei uns so überhöhten Konzept der Mutterschaft, die das Leben einer Frau erst vollständig macht. Wo Kinder zum Leben eben dazugehören. Und wer keine hat, ist faul, karrieregeil (haha, wer sich meine Karriere anschaut, dürfte vor Lachen vom Stuhl fallen) und egoistisch. (Über die Tatsache, dass der Kinderwunsch an sich genauso egoistisch ist, sehen wir an dieser Stelle einmal hinweg.) Dann aus der in unserer Gesellschaft fest verankerten Überzeugung, dass man nie aufgeben darf. Und natürlich fühlt es sich wie Aufgeben an. Dass sich Träume, Wünsche und Überzeugungen mit der Zeit ändern können, wird ignoriert. Ich fand dieses ewige Festhalten schon immer schwierig, denn letzten Endes ist ja gerade die Kinderwunschgeschichte eine, auf die wir mäßigen Einfluss haben.

Tja, da kommt es wohl raus, ich habe schlichtweg ein schlechtes Gewissen und Angst vor zukünftiger Reue. Da hab ich wohl mein Thema für die Therapiestunde am Nachmittag…

4 Gedanken zu “Die Angst vor der Bequemlichkeit.

  1. Wir haben mehrere IVs aber nur eine ICSI hinter uns, da alle Embryonen schlechter Qualität waren machen wir nicht weiter mit der Reproduktionsmedizin. Am meisten hilft uns der Gedanke, dass es letztendlich nicht in unserer Macht/Kontrolle liegtein Kind zu bekommen oder nicht. Es ist ein Schicksal. Manche bekommen viele Kinder, machen nur eines und andere wie wir leider keines, manche bekommen auch kranke Kinder, oder sie sterben jung. Mit der Reproduktinosmedizin haben wir versucht dem Schicksal eine Tür zu öffen, es ihm leichter zu machen. Aber es will nicht. Wir sind wie wir sind. So wie ich mein Aussehen annehme, statt  an mir herumzuoperieren, nehme ich nun auch an, dass es mit dem Kind leider nicht klappt. Ich denke die Wehmut wird immer wieder hochkommen, wir werden keine Grosseltern sein, weder Geburtsagsfeste  oder andere Feste  feiern… Aber das Schicksal lässt sich nicht erzwingen oder bestimmen. So hilft es uns am meisten, das Schicksal einfach anzunehmen. Statt zu denken, dass wir uns aktiv für oder gegen Kinder entscheiden, oder froh oder nicht froh sind, das wir (keine) Kinder haben, versuchen wir uns mitden Tatsachen unseres Schicksals abzufinden und trotzdem das beste aus unseremLeben zu machen. Viele Partnerschaften gehen am unerfüllten Kinderwunsch kaputt.Ihr seid noch zusammen, das ist doch auch was schönes! Vielleicht helfen dir diese Gedanken weiter.

    Gefällt 6 Personen

  2. Danke, dass Du diese Gedanken mit uns hier teilst.
    Es tut mir unheimlich gut zu sehen, dass diese vielen, teilweise auch gegensätzlichen und bösen / selbstverletzenden Gedanken wohl zum Loslassen dazu gehören..
    Es ist toll, wie Ihr das meistert. Und es ist toll, dass Du das hier teilst und somit diesem Tabuthema ein wenig den Schrecken nimmst.
    Ich wünsche Dir und Deinem Mann noch ganz, ganz, ganz viel Kraft.

    Gefällt 1 Person

    • Danke du Liebe! Ja, meine Therapeutin sagte gestern, ich sei halt in der Trauerphase. Und dass es ganz normal sei, da nicht völlig konsistent zu sein und sich zu 100% in allem sicher zu sein.

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