Was mir entgeht – die Negativ-Edition.

Alle Dinge, die ich nicht erleben muss, wenn ich keine Kinder bekomme. Ein Gegengewicht zum Artikel „Konjunktive„.

Nachts aufstehen. Windeln wechseln. Ein größeres Ungleichgewicht beim Mental Load. Die Suche nach dem Kindergartenplatz. Eingewöhnung. Karriereknick. Rentenlücke. Hausaufgabenbetreuung. Sorge, wenn das Kind woanders ist. Sorge, wenn das Kind sich verspätet. Keine Selbstbestimmung mehr. Ein Baby, das sich nicht beruhigen lässt, ohne dass man den Grund dafür kennt. Pubertät. Tinnitus (Kinder sind so! unglaublich! laut!!!). Dauerhaftes Chaos in der Bude. Mäkelige Esser. Kein durchgängiges Gespräch mehr führen können. Am Wochenende in aller Früh aus dem Bett. Kinder zur Schule bringen. Kindergeburtstage. Kosten in Höhe von ca. 130.000 Euro. Teilzeitarbeit und die Angst, keine neue Stelle zu finden. Ferienbetreuung finden. Im Urlaub an die Ferien gebunden sein. Kinderkrankheiten. Kinderkrankheiten den Kollegen erklären müssen. Keine spontanen Konzertbesuche, Boulder-Verabredungen, Kinobesuche, Spieleabende, Saunatage mehr. Noch viel größere Angst um die Zukunft unseres Planeten. Völlige Erschöpfung über Jahre hinweg. Blitzableiter sein. Die totale Verantwortung für einen anderen Menschen tragen, über Jahre hinweg. Kotze wegwischen. Stillprobleme. Das eigene Zimmer in der Wohnung zum Kinderzimmer umfunktionieren. Immer Vorbild sein. Kindergarteneingewöhnung. Stress mit Lehrerinnen und Lehrern. Frozen. Elternabende. Beziehungsstress. Ein dauerhaft schlechtes Gewissen. Die Angst, etwas falsch zu machen und damit das Kind für immer zu „versauen“. Indoorspielplätze. Unfassbar teure Schulranzen (WTF, Ergobag?!). Eltern-Wettbewerb. Dumme Ratschläge zu Erziehungsthemen. Einem Kind Dinge wie Krieg, AfD, Holocaust erklären müssen. Geldsorgen. Schulfeste. Sportvereine. Fußballturniere samstags früh. Angelüllerte Reste essen. Mein Leben lang mein persönliches Glück vom Glück eines anderen Menschen abhängig machen, obwohl dieser später seine ganz eigenen Entscheidungen trifft. Gewichtszunahme aufgrund der Schwangerschaft. Selber nicht krank sein dürfen, weil Kinder keine Rücksicht nehmen (können). Quengeln im Supermarkt. Postnatale Depression. Mir den Mund fusslig reden über Geschlechterrollen, insbesondere mit der Schwiegerfamilie. Pausenbrote schmieren. Jeden Morgen pünktlich aufstehen. Streit übers Für-die-Schule-Lernen und Mitarbeiten im Haushalt. Geburtsschmerzen und Komplikationen. Einen Abstellplatz fürs Lastenfahrrad (und später Kinderfahrrad) suchen. Ein schlechtes Gewissen, weil wir keinen Garten haben. Und uns kein Haus leisten können (mit Kind erst recht nicht). Raben- oder Helikoptermutter sein. Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen. Immer verantwortlich sein. Paw Patrol. Endlose Diskussionen übers Zubettgehen. Popo abputzen. Mama-Taxi spielen. Influencer*innen und YouTuber. Streit mit dem Partner über Erziehung. Dinge hundert Mal wiederholen. Tausend „Warum?“-Fragen beantworten. Richtig wütend werden und es nicht rauslassen können. Kinderzähne putzen. Kinderspiele spielen. Übermüdete Kinder bei Laune halten. Kinderwünsche nicht erfüllen können. Die doofe Mama sein, die Dinge verbietet (anstelle der coolen Tante, bei der man das meiste darf). Alle Sachen, die sich in den unteren Regalfächern befinden, als Kleinkind-Freiwild aufgeben. Nicht mehr vor dem Fernseher essen. Ordentlich sitzen (Vorbildfunktion und so). Klassenfahrten bezahlen. Putzmittel und Medikamente wegschließen. Meinem Kind den sinnvollen Umgang mit sozialen Medien, Smartphones, Fake News, Internetmobbing beibringen. Brüste als Milchtankstelle. Haustierwünsche. Nachts ein Kind im Bett. Keine körperliche Selbstbestimmtheit mehr. Nicht mehr allein aufs Klo gehen. Selten seine Ruhe haben. Weinerlichkeit. Rückenschmerzen vom Kind tragen. Mein Kind enttäuschen. Mit einem Menschen zusammenleben, um den sich alles dreht und der sich selbst in aller Regel in den Vordergrund stellt. Einschlafbegleitung. Plastikgeschirr. Ninjago. Karneval. Trotzanfälle. Hobbys, mit denen ich nichts anfangen kann, bei denen ich aber trotzdem dabei sein muss. Merkwürdige Modetrends bei Teenagern. Studien- oder Ausbildungsplatzsuche. Mich mit Kindergeldanträgen etc. herumschlagen. Mit Kind zur Notaufnahme fahren. Konsequent sein. Schnoddernasen putzen (bei sich wehrenden Kindern!). Leiden, wenn das Kind leidet. Eifersüchtig sein, weil das Kind den Papa/die Oma/die Erzieherin (Liste bitte beliebig erweitern) vorzieht. Ein schlechtes Gewissen haben, wenn man nicht beim Kind ist. Stundenlang das Kind auf und ab tragen. Unsere Regale an der Wand befestigen müssen. Getränke mit reingespuckten Stückchen drin teilen. Mama Mama Mama Mama Mama Mama Mama Mama Mama hören. Klebrige Hände saubermachen. Überall Sand finden. Hässliches Plastikspielzeug im Haus haben.

14 Gedanken zu “Was mir entgeht – die Negativ-Edition.

  1. “Getränke mit reingespuckten Stückchen drin teilen“ – die Stückchen heißen bei uns “Fische“ und hier ist meine persönliche Grenze – lieber verdurste ich 😂 Ich bin erstaunt wie vollständig deine Liste ist, ohne dass du es erlebt hast 👍 Ich ergänze um: “nachts aufstehen und das Bett neu beziehen müssen, aus Gründen“, “Pipiunfälle, zuhause und in der Öffentlichkeit“, “auf gedankenlos verstreutem Spielzeug ausrutschen und sich das Genick brechen“, “gegen den akuten Hunger der Kinder ankochen“, “gegen den akuten Hunger der Kinder ankochen und anschließend das Essen alleine essen müssen weil sie es eklig finden“, “15 Kilo zunehmen weil man immer dreifache Portionen essen muss“, “Schulbrote, die kurz davor sind das Laufen zu lernen, nachdem sie 6 Wochen lang in der Schultasche lagen“… hach ja 😁 Aber Langeweile hatte ich keine mehr, seit die Kinder auf der Welt sind

    Liken

      • Haha, ob du die wohl bekommst? Ich liebe meine Kinder wirklich über alles und würde sie nicht missen wollen – aber Tatsache ist, das Leben mit ihnen ist stressiger, anstrengender, fordernder, erschöpfender und beinahe komplett fremdbestimmt (im Moment zumindest noch). Das heißt nicht, dass es ein schlechtes Leben ist. Man verliert viel, aber man bekommt natürlich auch viel zurück (“Fische“ zum Beispiel 😂). Mal überwiegt das eine, mal das andere – genau wie es im Leben ohne Kinder auch ist. Jetzt gerade bin ich zum Beispiel ziemlich genervt, weil ich erst stundenlang nerven musste, dass sie zum Essen kommen sollen, und sie dann nach einer halben Scheibe Brot/einem Stück Käse und einer Scheibe Wurst wieder abgehauen sind um zu spielen – und nachher wenn sie schlafen sollen kommt dann der Hunger. Ich bin seit 6 Uhr auf den Beinen, habe in dieser Zeit nonstop mich nur um andere gekümmert und den Haushalt gemacht, hätte jetzt gerne Feierabend, aber die Kavallerie (d.h.: der Mann) ist noch nicht in Sichtweite.. also ja: es ist anstrengend 😉

        Gefällt 1 Person

  2. Liebe Wundersache,
    mich macht deine Liste sehr traurig, weil das doch eigentlich haargenau die Dinge sind, weswegen ich die ganzen Kinderwunschbehandlungen auf mich nehme.
    Ich freue mich dennoch für dich, weil du auf deinem Weg für dich weitergekommen bist. Und nur das zählt. Denn das Positive im Negativen zu sehen erfordert viel Stärke.
    LG

    Liken

    • Du nimmst die Behandlung auf dich für all die negativen Seiten der Elternschaft? Also ok, durchwachte Nächte kann man vielleicht noch verklären, aber Kotze wegwischen, Rentenlücke und Kindergartenplatzsuche klingt für mich wirklich wenig reizvoll.
      Ich will niemanden traurig machen, tut mir Leid. Und ich drücke dir die Daumen für die Behandlung und dann kannst du für mich gern die Getränke mit reingesabberten Keksstückchen trinken. 😌

      Gefällt 1 Person

      • So war das nicht gemeint. 🙂 Ich wollte damit sagen, dass ich um diese „Schattenseiten“ weiß und trotzdem die Behandlung auf mich nehme (so wie viele andere auch). Anders wäre es, wenn man mit dem Kopf abwägt und nicht mit dem Herzen entscheidet. Es ist traurig, dass euer Weg am Ende nicht belohnt wurde. Ich wollte dich mit meinem Kommentar keinesfalls angreifen. Falls das so rübergekommen ist, tut mir das leid. Ich mag deinem Blog sehr und schätze es, wie du offen und ehrlich schreibst und dabei auch in schwierigen Zeiten positiv bleibst. DANKE dafür. Liebe Grüße

        Liken

      • Ich kann dich ja sogar verstehen. Ich hätte die Schattenseiten ja ebenfalls in Kauf genommen, ist doch klar! Sechs Jahre Kinderwunschbehandlung macht man ja auch nicht völlig blauäugig. Nur jetzt gerade hilft es mir sehr, diese Punkte auch als das wahrzunehmen, was sie sind. Belastungen, die ich nicht haben werde! 😉
        Ich habe mich nicht angegriffen gefühlt – du hoffentlich auch nicht. Es war nur deine Formulierung, die in diesem Zusammenhang etwas irritierend wirkte. Aber ich weiß, wie es gemeint ist. Ich hoffe, du musst eine solche Liste nie als „Entschädigung“ aufschreiben, sondern darfst jeden einzelnen Punkt davon durchleiden! 😉

        Liken

      • Irgendwie kann ich auf deinen letzten Kommentar nicht direkt antworten, daher so: HERZLICHEN DANK für deine Antwort und die lieben Worte. Und alles Liebe für dich!

        Gefällt 1 Person

    • Kennst Du Das Buch „Das-alternative-Kinderwunschbuch“ von Margret-Madejsky? Ich habe nur kurz in Deinem Blog gelesen und wollte Dir das nicht vorenthalten. Das Buch war mein treuer Begleiter über 2 Jahre und nach großer Trauer nach dem Verlust meiner Tochter in der 16. SSW.
      Das war 2012. 2014 wurde dann unser Sohn ganz spontan empfangen und kam gesund zur Welt. In dem Buch habe ich viel gelernt…gibt noch andere Methoden ausser IUI oder IVF… Alles Gute für Dich!

      Liken

      • Ich bevorzuge meine Medizin evidenzbasiert, sorry.
        Darüber hinaus ist es sicher nett gemeint, aber ich finde bei so einem Thema Ratschläge zu geben mit dem Hinweis, den Blog nur kurz gelesen zu haben, ist höchstwahrscheinlich nur selten für irgendjemanden hilfreich.

        Liken

  3. Mega Liste und ehrlich gesagt, hat man als Mama den Großteil locker in einer Woche durch und dann wiederholt es sich… immerundimmerwieder🙄
    „Rotze aus Babynasen saugen“ „Kindern Zähneputzen“ „wütende & kreischende Kleinkinder von der Straße wegtragen, dabei aus Wut gebissen werden“ „in Kinderarztwartezimmern aka Vorhof zur Virenhölle sitzen“

    Gefällt 1 Person

  4. Ja, ja und noch mal ja! Wirklich erstaunlich wie zutreffend du alles beschreibst. Ich habe zwei Kinder 16 Jahre und 5 Jahre, und bei allen Punkten musste ich nicken, alles trifft zu.

    Gefällt 1 Person

  5. Pingback: Abschied vom Kinderwunsch | Die Sache mit den Wundern

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s