Die Musik.

Musik spielt eine Rolle in meinem Leben. Keine so große mehr wie früher, aber immer noch eine Rolle. Und mein Musikgeschmack ist sehr breit gefächert. Eigentlich höre ich alles außer Schlager (und mittlerweile wird dieser radiotaugliche Deutschpop auch immer schwieriger, hui, so viel Klischee).

In meiner Kindheit habe ich die Welt über Musik und Bücher entdeckt. (Naja, und über das reale Leben – aber z.B. fast gar nicht übers Fernsehen.) In deutschsprachiger Musik habe ich so viel gelernt! Damals natürlich zu einem Großteil noch die Musik meiner Eltern – aber die mag ich heute noch. Udo Lindenberg brachte mir Dinge über die Liebe und Sexualität bei. Über Reinhard Mey erfuhr ich so viel über Geschichte und Familie und die Liebe eines Vaters zu seinen Kindern. Hannes Wader und Die Toten Hosen brachten mir erste politische Meinungen näher. Fettes Brot hat mir die Liebe zur Sprache vermittelt, zu Wortspielen, zu vollkommen unerwarteten Reimen.

Ich kann mich noch so gut erinnern, wie oft ich zu meiner Mutter bin mit einer Frage, weil ich etwas in einem Lied gehört hatte. „Mama, was heißt ‚eskaliert‘?“ „Mama, was ist denn ‚das höchste Gut‘?“ „Mama, was ist eigentlich ‚Deportation‘?“ „Mama, was bedeutet das, ‚Petting‘?“

Und so oft habe ich mir vorgestellt, diese Lieder (und alle, die ich seither neu kennen gelernt habe) mit meinen Kindern zu hören. Diese Musikliebe weiterzugeben. Dieses grandiose Instrument, zu lernen, ohne es zu merken. (Und plötzlich ist man Mitte 20 und merkt, dass das Lied, was man schon sein Leben lang kennt und auswendig im Schlaf singen könnte, eigentlich ein Gedicht von Bertolt Brecht ist. Man kennt plötzlich schon Jahreszahlen im Geschichtsunterricht und Zusammenhänge, von denen man sich nie erinnert, sie gelernt zu haben. UND man hat für jede Gelegenheit und Stimmung das passende Lied auf den Lippen.)

Eine Zeitlang konnte ich die „Familienlieder“ von Reinhard Mey nicht mal mehr anhören. „Die erste Stunde“?

So lange, wie ich leben mag,
werd‘ ich die Stunde und den Tag,
den Augenblick vor Augen haben
Da sie dich mir, winzig und warm
zum ersten Mal in meinen Arm
und in mein Herz zu schließen gaben.

Für einen Augenblick lang war
mir das Geheimnis offenbar,
warst du Antwort auf alle Fragen.
Vom Sinn und Widersinn der Welt,
der Hoffnung, die uns aufrecht hält
trotz aller Müh’n, die wir ertragen.

„Menschenjunges“ war das erste Lied, das unsere Kinder hätten hören sollen. Und später natürlich breiter gefächert. Solange es nicht auf Helene Fischer hinausliefe. Punk und Rock, von meinem Mann noch Metal dazugemischt, es wäre so schön gewesen! Ich bin so oft allein Auto gefahren und habe mir beim Mitsingen vorgestellt, dass auf der Rückbank jemand im Kindersitz mitsingt. Und ich würde die Welt erklären.

Gestern dann fuhr ich mal wieder mit Musik heim und stellte mir vor, wie absurd-niedlich es wäre, wenn ein Dreijähriger das mitquietschen würde:

 

Und das ist jetzt vermutlich sehr speziell, aber es hat mich schon ein wenig traurig gemacht.

Und weil auf Twitter noch mal die Nachfrage kam, ob wir nicht vielleicht uns doch eine Adoption vorstellen könnten: Klar, habe ich ja oft genug gesagt. Aber ich habe das Gefühl, jetzt durch mit dem Thema zu sein. Ich fange tatsächlich im Februar eine neue Stelle an. Es ist gut so wie es ist. Aber so, wie Mütter manchmal von ihren Kindern genervt sein können, oder Dinge aus der kinderlosen Zeit vermissen, gibt es eben immer noch Momente, in denen ich traurig bin. Das ist okay. Das wird nie ganz weg sein, denke ich. Und man weiß nie, was noch kommt. Ich weiß nur, dass ich mich jetzt nach über 6 Jahren erfolgloser Kinderwunschbehandlung nicht noch auf einen Adoptionsprozess einlassen werde. Da hab ich nicht die Nerven zu. Und das ist okay.

3 Gedanken zu “Die Musik.

  1. Liebe Wundersache,

    danke, dass du uns an diesen Gedanken teilhaben lässt. Deine Worte gehen mitten in mein Herz, weil Musik etwas ist, dass auch mich tief berührt. Es ist schön zu lesen, welche Bedeutung die Lieder aus deiner Kindheit und Jugend für dich haben. Und so verständlich, dass sie zu hören, nach so vielen Jahren des Kinderwunschs, auch schmerzhaft ist. Du bist nicht allein.
    Ich habe immer davon geträumt und tue es noch, dass unser kleiner Mensch Mal mit uns Musik hören, Instrumente raten und freudig „Peter und der Wolf“ (einem meiner liebsten Stücke als Kitakind) lauschen würde. Nach deinem Post fühle ich mich weniger allein, und weniger Banane. Danke dafür!

    LG

    Gefällt 1 Person

      • Wie schön, dass es anderen auch so geht. (Nicht das mit den Kindern… Aber das mit der Musik.)
        Natürlich ist es auch so z.B. mit Büchern, Filmen… Aber Kinderbücher oder -filme schaut man sich halt auch nicht so oft im Alltag an und bei der Musik ist es ja dann doch auch „Erwachsenenmusik“, die man so oder so hört.

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