4

Abschied vom Kinderwunsch

Im letzten Post versprach ich „Tipps und Strategien“ für den Abschied vom Kinderwunsch. Ich hätte zwei Hinweise vorab.

Erster Hinweis: BITTE schreibt mir nichts über Adoptionen, Alternativmedizin, Wunder oder sonstigen Kram. ICH BIN DURCH MIT DEM THEMA! Alle Kommentare, die ich als Werbung empfinde, alle Kommentare von Leuten, die sich OFFENSICHTLICH nur drei Sekunden mit dem Blog befasst haben, werden von mir nicht veröffentlicht. (Ich freue mich über Kommentare von Leuten, die den Blog jetzt erst gefunden haben! Aber wer mir schreibt „Hast du schon mal das Buch XYZ über alternative Wege zum Kind gelesen?“, hat offensichtlich kein Interesse, sondern hört sich nur selbst gern reden.)

Zweiter Hinweis: Ich schreibe hier einen ganz persönlichen Post aus ganz persönlicher Perspektive. Ich bin kein Profi, ich habe keinerlei Ausbildung oder ähnliches in der Richtung, ich habe nur mein Erleben und sicher nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen. Dennoch schreibe ich es aus rein sprachlichen Gründen ein bisschen wie eine „Anleitung“, weil es einfach furchtbar umständlich wäre, jedes Mal dazuzuschreiben, dass es so sein könnte, dass es bei mir so war/ist, etc. pp.

So! Sorry, ein kleines Vorwort, bin schon fertig damit.

Also. Es gibt Menschen, die müssen sich von ihrem Kinderwunsch irgendwann und irgendwie verabschieden. Ich zum Beispiel. Und vielleicht auch du. Da ist es dann eigentlich auch egal, wie stark der Wunsch gewesen sein mag, oder aus welchem Grund man sich verabschieden muss, oder ob man glaubt, man kann das nicht: Man kann. Man kann, weil man muss. Aber es ist anstrengend, und es ist hart, und manchmal glaubt man, dass man es eben doch nicht kann. Und das ist okay. Denn was der Abschied ganz sicher braucht, ist Zeit.

Ich behaupte, es braucht sogar drei Dinge: Zeit, Ablenkung und Selbstreflektion. Und, ganz wichtig, es braucht die Kombination aus diesen dreien. Jedenfalls, damit es möglichst wenig schmerzhaft wird. Wenn du einfach nur abwartest und die Zeit verstreichen lässt, wird es sicher auch irgendwann besser. Aber es wird länger dauern, und es wird mehr weh tun. Und dass ein einziger abgelenkter Abend nicht plötzlich zu wundersamer Heilung führt, ist sowieso jedem klar. Die Selbstreflektion finde ich ebenfalls wichtig, aber wenn man sich zu sehr darin vertieft, wird es irgendwann auch weniger hilfreich und mehr zum Selbstzweck (genauso wenig helfen aber halt auch 5 Minuten kurz mal drüber nachdenken – aber ich denke, zum ZU WENIG daran denken neigen wir alle eher nicht). Also: Die Mischung macht’s!

Vielleicht magst du mit der Selbstreflektion anfangen. Was waren (oder sind) deine Vorstellungen, Träume, Wünsche? Wieso wünschst du dir so sehr ein Kind? Wie wäre die perfekte Zeit mit deinem Kind geworden? Welche Rituale, Traditionen, Erlebnisse hättest du gern geteilt? Schreib dir dein schönstes Bild auf (oder male es dir aus). Ja, das perfekte Traumbild vom perfekten Leben mit dem perfekten Kind in der perfekten Familie. Das ist unrealistisch? Natürlich ist es das! Das ist ja der Punkt! Du weißt, dass deine Vorstellungen zu großen Teilen unrealistisch sind. Deswegen sind es ja auch Wünsche und Träume und keine Zukunftsvisionen. Jeder hat seine eigenen Wünsche und Vorstellungen, aber selbst in unserem Kopf sagen wir oft „Stopp“ und versuchen, etwas realitätsnäher zu sein. Für den aktiven Kinderwunsch macht das Sinn, man will ja auch nicht völlig blauäugig herangehen. Aber wenn wir jetzt mal ganz, ganz ehrlich sind: So tief drinnen, ganz insgeheim haben wir es uns ja doch schon immer so vorgestellt wie in den schönsten Träumen, oder?

Hast du dein Traumbild? Halt es noch etwas fest, stelle es dir vor. So wird es nicht kommen. Und das ist sehr, sehr traurig. Insbesondere, weil du gar nichts dafür kannst, dass es nicht so kommen wird. Darüber darfst du traurig sein, darum darfst du trauern. Darüber darfst du auch wütend sein, denn es ist ungerecht! Es ist sowas von ungerecht! Wirf ein Kissen durch den Raum! (Tritt NICHT fest gegen eine Wand. So kann man sich eine fiese Prellung einfangen und dann muss man an Krücken gehen und kann nicht so richtig erklären, wie das passiert ist, und es ist sehr peinlich.)

Du darfst um das Kind, das du nicht haben wirst, das du nie hattest, trauern. Es ist ein Abschied, und es ist eine Trauer, die nie ganz verschwinden wird. Sie wird immer mal wieder auftauchen, wie die Trauer um eine geliebte Person. Und das ist okay. Noch ist der Schmerz frisch und roh, und es tut richtig weh. Nimm dir Zeit, das zu fühlen, ohne dich dafür selbst zu geißeln. Vielleicht planst du sogar Zeit ein (z.B. eine extra Stunde in der Woche, oder eine dir angemessen erscheinende Zeitspanne), in der du bewusst und geplant traurig bist. Das gehört dazu und ist gesund. Es ist nicht anders und nicht weniger schmerzhaft, als wäre ein geliebter Mensch gestorben. In gewisser Hinsicht ist es sogar schwieriger: Oftmals reden wir nicht mit anderen außer unserem Partner darüber, und viele andere Menschen, die so etwas noch nie erleben mussten, können unsere Situation vielleicht auch gar nicht nachvollziehen. Aber wie nach dem Tod eines nahestehenden Menschen wird auch dieser Schmerz irgendwann weniger werden. Dennoch wird es Situationen geben, in denen du traurig sein wirst – so wie es auch nach Jahren oder Jahrzehnten noch Momente geben wird, in denen du den geliebten Menschen vermisst und traurig über seinen Tod bist.

Stell dir aber nicht nur das Traumleben vor. Überlege dir auch, wie es genauso sehr hätte sein können. Was alles schwierig geworden wäre. Wovor du Angst hättest. Welche negativen Seiten ein Leben mit Kind gehabt hätte. (Ich hätte da ein paar Ideen aufgeschrieben, falls dir gerade nichts einfällt, weil in deinen Träumen alles rosarot ist…) Und das sind nicht zu wenige.

Letzten Endes hat es mir geholfen, zu verstehen: Es kommt, wie es kommt. Hier hilft vielleicht ein gewisses Gottvertrauen oder ein Schicksalsglaube, beides ist mir leider nicht gegeben, da musste ich also auf eigene Faust hingelangen. Es kommt, wie es kommt, und wir können schlicht vorweg in den meisten Fällen nicht sehen, ob es gut oder schlecht ist. You never know. Was dir heute wie ein Segen erscheint, kann sich im Nachhinein als Anfang einer Katastrophe erweisen. Auch mit Kind werden wir nicht zwangsläufig glücklich, das ist wohl jeder von uns klar – aber bedeutet das nicht zugleich, dass wir ohne Kind nicht zwangsläufig unglücklich sein müssen?

Gleichzeitig oder nach der Selbstreflektion spielte für mich die Ablenkung eine wahnsinnig große Rolle. Finde etwas, das deine Gedanken beschäftigt! Am besten etwas ganz Neues. Naja, ich habe den Beruf gewechselt – das ist vielleicht als grundsätzlicher Tipp etwas zu krass, hat mich aber erklärtermaßen SEHR gut abgelenkt! 😉 Generell finde ich aber ein Projekt jeglicher Art eine gute Methode, seine Gedanken auf ein anderes Thema zu fokussieren. Gleichzeitig habe ich mich dann ganz automatisch erheblich weniger mit der „Kinderwunschbubble“ online befasst (sorry, Ladys…). Neben meiner Jobsuche waren meine Projekte: Ukulele spielen lernen und mich kopfüber tief ins Brettspielhobby zu stürzen. Was wolltest du schon immer mal machen und hast es nie getan? Welche verrückte Idee schlummert in deinem Hinterkopf? Was hast du vor zu tun, wenn du Rentnerin bist? Kannst du das (evtl. in kleinerem Rahmen) jetzt schon umsetzen? Was macht dir Spaß, was hast du als Kind gern gemacht? Was hast du dich vielleicht bisher einfach nicht getraut, weil du ja quasi schon so gut wie schwanger warst in deinem Kopf?

Ein paar Ideen für Projekte könnten sein…

  • ein Instrument lernen, auf eigene Faust oder mit Unterricht
  • eine Sprache lernen
  • einen Urlaub planen
  • eine Website einrichten – möglichst nicht zum Thema Kinderwunsch 😉
  • einen neuen Job suchen 😉
  • ein Zimmer renovieren, den Garten oder Balkon umgestalten
  • etwas bauen, z.B. ein Möbelstück
  • die Wohnung nach Konmari entrümpeln (inkl. Lektüre des Buches und Bingen der Netflix-Serie!)
  • eine neue Sportart ausprobieren
  • eine Koch-Challenge: ein Kochbuch von vorn bis hinten durchkochen (oder ein Backbuch?)
  • eine neue kreative Fertigkeit lernen – Nähen? Plotten? Sticken? Stricken?

Es wäre schön, wenn es a) etwas wirklich Neues wäre, in das man sich erst ein bisschen reinfuchsen muss, und b) es einen praktischen Teil beinhalten würde, also nicht nur Lesestoff bietet, sondern auch die Hände ein bisschen beschäftigt. Z.B. ein Möbelstück bauen – da kann man erst mal ewig online nach Ideen und Inspiration suchen, vielleicht nach Anleitungen, dann wird das Material besorgt, das Werkzeug zusammengesucht und dann wird man aktiv. Ich weiß nicht, wie das bei dir ist, aber bei mir dauert so ein Prozess schon mal mehrere Wochen. Und ich genieße die Inspirations- und Ideenphase genauso wie den tatsächlichen Prozess.

Der Gedanke dahinter ist natürlich nicht nur, dass Ablenkung, nun ja, eben ablenkt. Sondern auch, dass wir Dinge tun, die uns gut tun. Dinge, die uns zufriedener und glücklicher in unserem Alltag machen. Gib ruhig Geld aus! (Ein Kind wäre teurer! Naja, außer dein Projekt ist eine Weltreise oder sowas…) Erfülle deinen Alltag mit Aktivität, aber sei auch nachsichtig mit dir selbst. Nicht jeder Tag ist voller Kraft und Energie, das Sofa und etwas Ruhe sind auch vollkommen ok. Wichtig ist, dass du weißt, dass es Dinge in deinem Leben gibt, die Spaß machen und die du beeinflussen kannst, bei denen du besser werden kannst und sichtbare Ergebnisse erzielst. Nur weil eine Sache in deinem Leben nicht so geklappt hat, wie du es dir gewünscht hast, heißt das nicht, dass das für alle Dinge gilt, die du in Zukunft anpackst. Du kannst Dinge erreichen!

Der dritte Punkt, meiner Aufzählung – die Zeit? Die verstreicht von ganz allein. Ich wünsche dir, dass du nicht zu viel davon brauchst.

Bei mir hat die Kombi aus den drei Aspekten – Selbstreflektion (darüber nachdenken und mir darüber klarwerden, WARUM ich fühle, wie ich fühle), Ablenkung und natürlich Zeit – wirklich geholfen. Mir geht es mittlerweile gut und ich würde sagen, ich habe mit dem Thema abgeschlossen. Trauermomente sind aber dennoch auch nach fast einem Jahr noch immer da. Sie werden aber seltener, und das wird auch dir so gehen.

Ich wünsche dir, dass du glücklich wirst. Falls ich mit meinen Tipps, die mir selbst geholfen haben, ein bisschen dazu beitragen kann, würde mich das freuen. Falls nicht, hoffe ich, dass du deinen eigenen Weg findest. Das Leben geht weiter – versprochen.

1

These strange days.

Merkwürdige Zeiten sind das. Ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Es ist noch keine zwei Wochen her, dass noch alles ganz normal war. Jetzt fühlt sich alles nach Ausnahmezustand an – es IST Ausnahmezustand.

Schon längst wollte ich hier mal wieder einen Bericht abgeben, ich bekomme auch immer noch nette Kommentare, über die ich mich dann sehr freue. Aber die Zeit, der Alltag… Ich hätte euch über meinen neuen Job berichtet, ich habe es tatsächlich durchgezogen und am 1. Februar eine neue Ausbildung begonnen. Als das Corona-Thema aufkam, war ich zunächst skeptisch, dann habe ich aber sogar meinen Sport abgesagt – mit der Ansage, ich könne mir jetzt keine Krankheit leisten, ich müsse schließlich Ende März Klausuren schreiben.

Hier bitte ein dickes HA HA HA einfügen. Klausuren schreiben! Zum Unterricht gehen! Nachmittags lernen! Wie weit weg sich das alles anfühlt, dieser noch so neue Alltag, der gerade einmal zehn Tage her ist. Mein Mann ist im Home Office, ich bin seit heute nun offiziell – ja, was eigentlich? Daheim, jedenfalls. Ob nun beurlaubt oder befreit oder Selbststudienzeit oder was auch immer. Nicht, dass für Selbststudienzeit irgendein Hauch von Konzentration da wäre. Ich komme kaum zur Ruhe, stattdessen putze ich und nähe und schreibe hier mal wieder einen Artikel.

Im Februar kam die letzte Rechnung der Kinderwunschklinik (als Uni-Klinik ist diese immer sehr, sehr, sehr langsam). Mir kommt das Thema vor wie aus einem anderen Leben, was sicherlich auch daran liegt, wie viel seither passiert ist. Der neue Job. Mein Mann ist jetzt 40 geworden (die Feier musste ausfallen, nun ja, these strange days). Ich versuche, in ein Gleichgewicht mit mir selbst zu finden (es klappt ganz gut).

Unsere Nachbarin, die schwanger wurde, als ich auch hätte schwanger werden können bei unserer letzten Behandlung, hat vor zwei Wochen ihr Kind bekommen. Mein Mann und ich hingegen sind froh, dass wir im Moment kein Kind hier haben. Jetzt. In diesen seltsamen Zeiten. In denen alles aus dem Ruder läuft. In denen die Tagesschau plötzlich 30 Minuten geht, man die offizielle Corona-Seite der Heimatstadt stets geöffnet hat, die Supermarktregale aussehen wie nach einer Plünderung und man mit Gummihandschuhen den Einkaufswagen schiebt.

Diese Tage, in denen man neben der Zeit steht, sie von außen interessiert begutachtet, und irgendwie mit allem etwas geistesabwesender umgeht. Die Zeiten fühlen sich für mich nicht wirklich echt an. Das entspannt, vielleicht ist es ein Schutzmechanismus meines Gehirns. Wer weiß.

Naja, aber deshalb seid ihr alle nicht hier, das habt ihr alles selbst. Ihr wollt wissen, wie es mir mit der Kinderlosigkeit geht, und vielleicht hofft ihr auch, Tipps und Strategien zu finden, wie man damit gut umgehen kann. Ich weiß nicht, ob ich da weiterhelfen kann.

Mir geht es gut mit der Kinderlosigkeit, uns beiden geht es gut damit. Wir gehen sehr offen damit um, ich musste mich ja in den letzten Wochen sehr oft irgendwo neu vorstellen (neuer Job, Studieninstitut, Mitschülerinnen und Mitschüler…) und da kommt die Rede natürlich auch oft auf das Thema Familie und Kinder. Es ist wirklich nicht feierlich, wie UNFASSBAR OFT der Satz „Nee, wir haben keine Kinder“ Nachfragen provoziert. „NOCH nicht?“, „Habt ihr denn Pläne…?“, all so was. Ich antworte dann ehrlich, in der Regel knapp mit einem „Nein, es hat leider nicht geklappt“ oder „Wir können leider keine Kinder bekommen“. Das wiederum reicht in 95% der Fälle als Antwort. Ein paar Gespräche habe ich geführt zum Thema, einen einzigen Kommentar habe ich kassiert, den ich als verletzend empfunden habe (von dem ich aber glaube, dass er unbeabsichtigt war und mich dagegen entschieden habe, es noch mal anzusprechen, wenn nicht noch ein weiterer in der Richtung aufschlägt).

Aber so im Alltag kann ich es mir wirklich gar nicht mehr vorstellen, ein Kind zu haben. Uns geht es so gut und wir sind so glücklich miteinander. Übrigens glaube ich, dass wir das vermutlich auch mit Kind wären. Die unglückliche Freundin, die nach langer Kinderwunschzeit endlich ein Kind bekommen hat, wirkt mir schließlich immer noch genauso unglücklich wie zuvor. Es gibt nach wie vor die Momente, in denen ich etwas traurig bin, weil ich Dinge nie weitergeben werde. Aber was davon ist purer Egoismus? Wer will nicht sein Vermächtnis weitergeben, wer auf der Welt hält sich nicht für so wichtig, als dass SEINE Traditionen, Geschichten, Lieder die relevantesten wären? Machen wir uns erwachsene Traditionen, die mit uns sterben werden. Das reduziert auch die Zukunftsangst.

Also, hab ich Tipps und Strategien, mit der Kinderlosigkeit besser klarzukommen? Ich glaube, darüber schreibe ich besser noch einen eigenen Artikel – dieser ist schon so lang geworden…

4

Anderer Leute Kinder.

Der Drei- oder Vierjährige, der im Bürgerbüro mit seinem Papa auf dem Boden sitzt, weil der Wartebereich überfüllt ist. Unfassbar niedlich versucht er, die Menschen im Warteraum zu zählen, kann aber leider nur bis zehn zählen. Dann versucht er, alles was er sieht in bekannte Kategorien einzuordnen, und zeigt auf jeden Menschen: „Papa ist das ein Mann oder eine Frau?“ Als Papa ihm sagt, dass er nicht mit dem Finger auf die Leute zeigen soll, sondern ihm anders erklären soll, wen er meint (z.B. mit „mit der blauen Jacke“), zeigt er trotzdem noch, aber hält die andere Hand über den Finger.

Die Nachbarstochter, vier, die sich an meinen Beinen vorbei in die Wohnung stiehlt, nachdem ihre Mama bei uns geklingelt hat. Im März wird sie ein Geschwisterchen bekommen, erzählt die Nachbarin, während die Kleine durch die Bude rennt, als wäre es ihr Zuhause, und die vertrauten Besuchsrituale durchführt, indem sie von meinem Mann ein Glas mit Eiswürfeln fordert.

Die beiden Schwestern im Zug – eine vielleicht 7, die andere maximal 4, und natürlich wird dauerhaft gezankt, aber so süß. Die Kleine will alles genauso können wie die Große, die Große schimpft, weil die Kleine noch nicht lesen kann, so schwer sei das doch nicht, sie müsse sich doch nur merken, wie die Buchstaben aussehen.

Und ich? Ich schmunzle. Bei jeder dieser drei Begegnungen innerhalb der letzten zwei Tage stehe ich da und schmunzle, weil die Kinder niedlich sind, weil sie süße Dinge tun und sagen, weil sie in einem meiner liebsten Kindesalter sind. Und als ich mir neben dem Kind im Bürgerbüro die Beine in den Bauch stand, dachte ich tatsächlich „Ach guck ja, sowas entgeht mir jetzt natürlich auch, nicht nur die schlechten Dinge. Nun ja, so ist es wohl. Schon niedlich, diese Kleinen.“

Ich rechnete aus, dass die Nachbarin ungefähr zur gleichen Zeit schwanger geworden war, als wir unsere Kryo-Behandlung hatten. Erst jetzt, im Nachhinein, denke ich noch mal an den Bauch, den ich da gesehen habe. So hätte meiner auch aussehen können, fast zeitgleich. Wie lustig es gewesen wäre, gemeinsam schwanger zu sein! Und dann noch zwei fast genau gleichaltrige Kinder im gleichen Haus zu haben! In dem Moment kamen mir diese Gedanken gar nicht. Es war einfach nur Überraschung über die Nachricht (die Nachbarin ist schon über 40) und Freude für sie – und ein bisschen Erleichterung, diese ganzen Gedanken, die sie sich jetzt schon macht über Elternzeit etc., nicht zu haben.

Da war wirklich und wahrhaftig keine Trauer. Da war kein Zurückblinzeln von Tränen. Da war Akzeptanz, da war eine positive Sicht auf meine bzw. unsere Situation, da war ein „Ach wie schön, aber ist auch gut, das nicht die ganze Zeit zu haben“. Ich konnte nämlich aus dem Zug aussteigen und dem Geschwisterstreit entkommen. Ich konnte das Nachbarskind mit dem Eiswürfelglas freundlich verabschieden und werde in den nächsten Tagen ein leeres Glas auf der Treppe vorfinden, frischgespült. Ich war genervt im Bürgerbüro, aber musste immerhin nicht noch ein Kind bei Laune halten.

Ich glaube, ich bin angekommen.

3

Die Musik.

Musik spielt eine Rolle in meinem Leben. Keine so große mehr wie früher, aber immer noch eine Rolle. Und mein Musikgeschmack ist sehr breit gefächert. Eigentlich höre ich alles außer Schlager (und mittlerweile wird dieser radiotaugliche Deutschpop auch immer schwieriger, hui, so viel Klischee).

In meiner Kindheit habe ich die Welt über Musik und Bücher entdeckt. (Naja, und über das reale Leben – aber z.B. fast gar nicht übers Fernsehen.) In deutschsprachiger Musik habe ich so viel gelernt! Damals natürlich zu einem Großteil noch die Musik meiner Eltern – aber die mag ich heute noch. Udo Lindenberg brachte mir Dinge über die Liebe und Sexualität bei. Über Reinhard Mey erfuhr ich so viel über Geschichte und Familie und die Liebe eines Vaters zu seinen Kindern. Hannes Wader und Die Toten Hosen brachten mir erste politische Meinungen näher. Fettes Brot hat mir die Liebe zur Sprache vermittelt, zu Wortspielen, zu vollkommen unerwarteten Reimen.

Ich kann mich noch so gut erinnern, wie oft ich zu meiner Mutter bin mit einer Frage, weil ich etwas in einem Lied gehört hatte. „Mama, was heißt ‚eskaliert‘?“ „Mama, was ist denn ‚das höchste Gut‘?“ „Mama, was ist eigentlich ‚Deportation‘?“ „Mama, was bedeutet das, ‚Petting‘?“

Und so oft habe ich mir vorgestellt, diese Lieder (und alle, die ich seither neu kennen gelernt habe) mit meinen Kindern zu hören. Diese Musikliebe weiterzugeben. Dieses grandiose Instrument, zu lernen, ohne es zu merken. (Und plötzlich ist man Mitte 20 und merkt, dass das Lied, was man schon sein Leben lang kennt und auswendig im Schlaf singen könnte, eigentlich ein Gedicht von Bertolt Brecht ist. Man kennt plötzlich schon Jahreszahlen im Geschichtsunterricht und Zusammenhänge, von denen man sich nie erinnert, sie gelernt zu haben. UND man hat für jede Gelegenheit und Stimmung das passende Lied auf den Lippen.)

Eine Zeitlang konnte ich die „Familienlieder“ von Reinhard Mey nicht mal mehr anhören. „Die erste Stunde“?

So lange, wie ich leben mag,
werd‘ ich die Stunde und den Tag,
den Augenblick vor Augen haben
Da sie dich mir, winzig und warm
zum ersten Mal in meinen Arm
und in mein Herz zu schließen gaben.

Für einen Augenblick lang war
mir das Geheimnis offenbar,
warst du Antwort auf alle Fragen.
Vom Sinn und Widersinn der Welt,
der Hoffnung, die uns aufrecht hält
trotz aller Müh’n, die wir ertragen.

„Menschenjunges“ war das erste Lied, das unsere Kinder hätten hören sollen. Und später natürlich breiter gefächert. Solange es nicht auf Helene Fischer hinausliefe. Punk und Rock, von meinem Mann noch Metal dazugemischt, es wäre so schön gewesen! Ich bin so oft allein Auto gefahren und habe mir beim Mitsingen vorgestellt, dass auf der Rückbank jemand im Kindersitz mitsingt. Und ich würde die Welt erklären.

Gestern dann fuhr ich mal wieder mit Musik heim und stellte mir vor, wie absurd-niedlich es wäre, wenn ein Dreijähriger das mitquietschen würde:

 

Und das ist jetzt vermutlich sehr speziell, aber es hat mich schon ein wenig traurig gemacht.

Und weil auf Twitter noch mal die Nachfrage kam, ob wir nicht vielleicht uns doch eine Adoption vorstellen könnten: Klar, habe ich ja oft genug gesagt. Aber ich habe das Gefühl, jetzt durch mit dem Thema zu sein. Ich fange tatsächlich im Februar eine neue Stelle an. Es ist gut so wie es ist. Aber so, wie Mütter manchmal von ihren Kindern genervt sein können, oder Dinge aus der kinderlosen Zeit vermissen, gibt es eben immer noch Momente, in denen ich traurig bin. Das ist okay. Das wird nie ganz weg sein, denke ich. Und man weiß nie, was noch kommt. Ich weiß nur, dass ich mich jetzt nach über 6 Jahren erfolgloser Kinderwunschbehandlung nicht noch auf einen Adoptionsprozess einlassen werde. Da hab ich nicht die Nerven zu. Und das ist okay.

14

Was mir entgeht – die Negativ-Edition.

Alle Dinge, die ich nicht erleben muss, wenn ich keine Kinder bekomme. Ein Gegengewicht zum Artikel „Konjunktive„.

Nachts aufstehen. Windeln wechseln. Ein größeres Ungleichgewicht beim Mental Load. Die Suche nach dem Kindergartenplatz. Eingewöhnung. Karriereknick. Rentenlücke. Hausaufgabenbetreuung. Sorge, wenn das Kind woanders ist. Sorge, wenn das Kind sich verspätet. Keine Selbstbestimmung mehr. Ein Baby, das sich nicht beruhigen lässt, ohne dass man den Grund dafür kennt. Pubertät. Tinnitus (Kinder sind so! unglaublich! laut!!!). Dauerhaftes Chaos in der Bude. Mäkelige Esser. Kein durchgängiges Gespräch mehr führen können. Am Wochenende in aller Früh aus dem Bett. Kinder zur Schule bringen. Kindergeburtstage. Kosten in Höhe von ca. 130.000 Euro. Teilzeitarbeit und die Angst, keine neue Stelle zu finden. Ferienbetreuung finden. Im Urlaub an die Ferien gebunden sein. Kinderkrankheiten. Kinderkrankheiten den Kollegen erklären müssen. Keine spontanen Konzertbesuche, Boulder-Verabredungen, Kinobesuche, Spieleabende, Saunatage mehr. Noch viel größere Angst um die Zukunft unseres Planeten. Völlige Erschöpfung über Jahre hinweg. Blitzableiter sein. Die totale Verantwortung für einen anderen Menschen tragen, über Jahre hinweg. Kotze wegwischen. Stillprobleme. Das eigene Zimmer in der Wohnung zum Kinderzimmer umfunktionieren. Immer Vorbild sein. Kindergarteneingewöhnung. Stress mit Lehrerinnen und Lehrern. Frozen. Elternabende. Beziehungsstress. Ein dauerhaft schlechtes Gewissen. Die Angst, etwas falsch zu machen und damit das Kind für immer zu „versauen“. Indoorspielplätze. Unfassbar teure Schulranzen (WTF, Ergobag?!). Eltern-Wettbewerb. Dumme Ratschläge zu Erziehungsthemen. Einem Kind Dinge wie Krieg, AfD, Holocaust erklären müssen. Geldsorgen. Schulfeste. Sportvereine. Fußballturniere samstags früh. Angelüllerte Reste essen. Mein Leben lang mein persönliches Glück vom Glück eines anderen Menschen abhängig machen, obwohl dieser später seine ganz eigenen Entscheidungen trifft. Gewichtszunahme aufgrund der Schwangerschaft. Selber nicht krank sein dürfen, weil Kinder keine Rücksicht nehmen (können). Quengeln im Supermarkt. Postnatale Depression. Mir den Mund fusslig reden über Geschlechterrollen, insbesondere mit der Schwiegerfamilie. Pausenbrote schmieren. Jeden Morgen pünktlich aufstehen. Streit übers Für-die-Schule-Lernen und Mitarbeiten im Haushalt. Geburtsschmerzen und Komplikationen. Einen Abstellplatz fürs Lastenfahrrad (und später Kinderfahrrad) suchen. Ein schlechtes Gewissen, weil wir keinen Garten haben. Und uns kein Haus leisten können (mit Kind erst recht nicht). Raben- oder Helikoptermutter sein. Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen. Immer verantwortlich sein. Paw Patrol. Endlose Diskussionen übers Zubettgehen. Popo abputzen. Mama-Taxi spielen. Influencer*innen und YouTuber. Streit mit dem Partner über Erziehung. Dinge hundert Mal wiederholen. Tausend „Warum?“-Fragen beantworten. Richtig wütend werden und es nicht rauslassen können. Kinderzähne putzen. Kinderspiele spielen. Übermüdete Kinder bei Laune halten. Kinderwünsche nicht erfüllen können. Die doofe Mama sein, die Dinge verbietet (anstelle der coolen Tante, bei der man das meiste darf). Alle Sachen, die sich in den unteren Regalfächern befinden, als Kleinkind-Freiwild aufgeben. Nicht mehr vor dem Fernseher essen. Ordentlich sitzen (Vorbildfunktion und so). Klassenfahrten bezahlen. Putzmittel und Medikamente wegschließen. Meinem Kind den sinnvollen Umgang mit sozialen Medien, Smartphones, Fake News, Internetmobbing beibringen. Brüste als Milchtankstelle. Haustierwünsche. Nachts ein Kind im Bett. Keine körperliche Selbstbestimmtheit mehr. Nicht mehr allein aufs Klo gehen. Selten seine Ruhe haben. Weinerlichkeit. Rückenschmerzen vom Kind tragen. Mein Kind enttäuschen. Mit einem Menschen zusammenleben, um den sich alles dreht und der sich selbst in aller Regel in den Vordergrund stellt. Einschlafbegleitung. Plastikgeschirr. Ninjago. Karneval. Trotzanfälle. Hobbys, mit denen ich nichts anfangen kann, bei denen ich aber trotzdem dabei sein muss. Merkwürdige Modetrends bei Teenagern. Studien- oder Ausbildungsplatzsuche. Mich mit Kindergeldanträgen etc. herumschlagen. Mit Kind zur Notaufnahme fahren. Konsequent sein. Schnoddernasen putzen (bei sich wehrenden Kindern!). Leiden, wenn das Kind leidet. Eifersüchtig sein, weil das Kind den Papa/die Oma/die Erzieherin (Liste bitte beliebig erweitern) vorzieht. Ein schlechtes Gewissen haben, wenn man nicht beim Kind ist. Stundenlang das Kind auf und ab tragen. Unsere Regale an der Wand befestigen müssen. Getränke mit reingespuckten Stückchen drin teilen. Mama Mama Mama Mama Mama Mama Mama Mama Mama hören. Klebrige Hände saubermachen. Überall Sand finden. Hässliches Plastikspielzeug im Haus haben.

5

Das Leben geht weiter.

Trinklernbecher, Erziehungsratgeber, Bilderbücher, Tragetücher, Schwangerschaftsbücher und eine Baby-Nagelschere: Ich habe heute meine (private, also für andere sowieso unsichtbare) Baby-Wunschliste auf Amazon gelöscht.

In dem Buch „Living the life unexpected„, in dem es um das Leben mit dem unerfüllten Kinderwunsch geht, bin ich nicht über Kapitel 3 hinausgekommen.

Von der letzten, erfolglosen Behandlung und dem voraussichtlich dauerhaft kinderlosen Leben habe ich noch niemandem in der Familie oder im Freundeskreis erzählt.

All das nicht, weil es mir zu sehr wehtut oder nicht erträglich ist. Sondern, weil es mich derzeit absolut null beschäftigt. Ich denke nicht darüber nach.

Worüber ich nachdenke: Ich habe mich auf eine Umschulung beworben und bin im Bewerbungsprozess, hatte schon einen Einstellungstest und hoffe, dass ich nun zum Vorstellungsgespräch eingeladen werde. Ich jongliere mit zu vielen Hobbys in zu wenig Freizeit. Ich gehe endlich wieder Bouldern, spiele wunderbar viele Brettspiele mit sehr vielen sehr tollen Lieblingsmenschen, habe das Ukulelespielen angefangen, die Sommerpause vom Chor ist fast vorbei.

Mein Gespräch mit der Therapeutin? Es begann damit, dass ich mich in den Sessel setzte und losheulte, einfach, weil ich wieder dort war. In wenigen Sitzungen habe ich so sehr geweint wie in dieser. Dabei habe ich für mich festgestellt, dass aktuell wirklich meine größte Sorge ist, meine Eltern zu enttäuschen mit der Kinderlosigkeit. Dass für MICH die Entscheidung, nicht zu adoptieren, die richtige ist, aber dass meine Mutter das sicherlich schwer verstehen wird.

Die beste Therapeutin der Welt hat noch beigesteuert, dass es jetzt bei mir eben ein Trauerprozess sein wird, der nicht einfach so zu Ende ist und dass diese Trauer immer mal wieder auftauchen wird. Also – mein Leben lang. Aber so ist es eben mit der Trauer. Aktuell ist sie sehr still und ich sehe noch immer in erster Linie, was mir alles erspart bleibt. Vom Schlafmangel über die Kindergartenplatz-Suche über die Vereinbarkeit von Kind und Beruf bis hin zur Pubertät. Ich gehe aber davon aus, dass sich das auch noch wieder ändern wird.

Das Leben geht aber tatsächlich weiter. Momentan ist alles gut so, wie es ist. Und was kommt, darauf haben wir eben nur minimalen Einfluss. Lassen wir es auf uns zukommen.

4

Die Angst vor der Bequemlichkeit.

Heute Nachmittag werde ich den letzten Termin mit meiner Therapeutin haben. Und irgendwie muss ich jetzt mal aufschreiben, worüber ich eigentlich reden möchte! Denn als ich den Termin ausgemacht habe, ging es mir noch recht schlecht. Und jetzt geht es mir schon so viel besser!

Wir waren auf einem Kurztrip in Stockholm und alle Kinder, die wir dort getroffen haben, haben sich wie abgesprochen von ihrer schlechtesten Seite gezeigt. Nervig, anstrengend, laut, wild, egoistisch… Es war dann tatsächlich ein bisschen witzig, wie mein Mann und ich uns dann immer anschauten, wenn gerade wieder ein rabaukiges Kind fast ins Hafenbecken gefallen wäre, und seufzten „Gut, dass wir keine Kinder haben!“ Natürlich leise (niemand würde es ja verstehen, wieso wir das so sagen – es hatte fast etwas therapeutisches). Eigentlich stört mich solches typische Kinderverhalten nicht, es gehört eben dazu und ich mag doch Kinder sehr. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, die Welt will uns zeigen, dass es durchaus auch Vorteile hat, KEINE Kinder zu haben! 😉

„Gut, dass wir keine Kinder haben“ – ist das so? Irgendwie schon. Ich will jetzt nicht noch einmal die ganzen Nachteile aufzählen, die Kinder so mit sich bringen. Kommt noch jemandem dieses ständige Aufzählen vor, als müsse ich mich selbst überzeugen? Aber neben den offensichtlichen Nachteilen wie Zeiteinteilung, Geld, Freiheit hier noch ein zwei Punkte, die mir durch den Kopf spuken:

Vielleicht ist es besser, keine Kinder in diese aktuelle Welt zu setzen. Klimakrise, hässliche politische Entwicklungen… Wer weiß, ob es dir ein Kind in 20 Jahren nicht zum Vorwurf macht, in diese Welt geworfen zu sein. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie unsere persönliche Lage aufgrund der Klimaveränderungen in den nächsten Jahrzehnten aussehen wird.

Wir sind nicht mehr die jüngsten. Gut, wir sind auch noch nicht die ältesten, aber mein Mann wäre bei der Geburt eines potenziellen Kindes 40 Jahre alt. Ich wäre mindestens 36. Klar geht das. Aber junge Eltern können wir nicht mehr werden.

So, und somit bin ich kopfmäßig mit der Entscheidung, es jetzt dabei zu belassen, eigentlich mit mir im Reinen.

Eigentlich.

Ihr kennt dieses Wort, das so vieles relativiert.

Auf der anderen Seite kommt es mir auch irgendwie wie Feigheit, Egoismus, Bequemlichkeit vor. Es hat zu viele Nachteile? Ja meine Güte, das haben ja schon ganz andere gemeistert als wir. Leute mit weniger Geld, Zeit, Freizeit. Es wäre eine zu große Umstellung? Stell dich nicht so an, das Leben ist kein Ponyhof, das ist es doch Wert, sei nicht so bequem. Willst du wirklich in 20 Jahren bereuen, weil zu heute zu faul bist, dich um eine Adoption zu bemühen, es mit deinem Mann auszudiskutieren, noch ein bisschen zu warten? Weil du zu bequem bist, dein Leben komplett auf den Kopf zu stellen? Denk doch mal darüber nach, was dir alles entgeht. Die tollen Dinge. Die Familienzeit. Das Kinderlächeln. Das „Mama“ und die ganz ganz große Liebe. Und weshalb? Weil du alles lieber so lässt, wie es schon immer war? Willst du in 30 Jahren wieder die einzige im Freundeskreis sein, die keine kleinen Babys im Arm hält, weil eben niemand da ist, der Enkelkinder hervorbringen könnte? Bist du wirklich zu feige, deinen Eltern Enkelkinder zu gönnen?!

Alles wird gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

Ja, meine latente innere Stimme ist nicht gerade freundlich und nachsichtig. Herr im Himmel, wenn ich es so lese, gruselt es mich selbst ein bisschen. Wo kommt das her? Vermutlich teilweise aus dem bei uns so überhöhten Konzept der Mutterschaft, die das Leben einer Frau erst vollständig macht. Wo Kinder zum Leben eben dazugehören. Und wer keine hat, ist faul, karrieregeil (haha, wer sich meine Karriere anschaut, dürfte vor Lachen vom Stuhl fallen) und egoistisch. (Über die Tatsache, dass der Kinderwunsch an sich genauso egoistisch ist, sehen wir an dieser Stelle einmal hinweg.) Dann aus der in unserer Gesellschaft fest verankerten Überzeugung, dass man nie aufgeben darf. Und natürlich fühlt es sich wie Aufgeben an. Dass sich Träume, Wünsche und Überzeugungen mit der Zeit ändern können, wird ignoriert. Ich fand dieses ewige Festhalten schon immer schwierig, denn letzten Endes ist ja gerade die Kinderwunschgeschichte eine, auf die wir mäßigen Einfluss haben.

Tja, da kommt es wohl raus, ich habe schlichtweg ein schlechtes Gewissen und Angst vor zukünftiger Reue. Da hab ich wohl mein Thema für die Therapiestunde am Nachmittag…

0

You never, NEVER know.

Es ist doch wirklich so: Mit jedem Tag komme ich besser klar. Verrückt! Kürzlich waren wir abends bei Schwägerin und Schwager, und da es der erste Abend der Sommerferien war, durften meine Nichte und mein Neffe lang aufbleiben und HOLLA die Waldfee, war ich erleichtert, als die Nichte endlich auf dem Sessel eingeschlafen war! 😉

Ein Nebensatz in einem Podcast, in dem es um völlig andere Dinge ging, hat mich ebenfalls weitergebracht. Sinngemäß wurde gesagt, dass Entscheidungen im Leben ja eigentlich immer zu etwas führen, von dem man nicht weiß, wie es wird. Nehme ich den Job meines Lebens an und ziehe um, und werde in der neuen Stadt sofort von einem Auto überfahren? In welche der beiden Wohnungen, die mir gefallen, soll ich ziehen – vielleicht finde ich in den Nachbarn von Wohnung A meine besten Freunde fürs Leben, und vielleicht finde ich in Wohnung B plötzlich die Liebe meines Lebens in der Nachbarschaft. Vielleicht kommt es auch ganz anders. You never, NEVER know. Vielleicht wäre ich schwanger geworden, wir hätten ein gesundes Kind bekommen, ich wäre mit dem Schlafmangel nicht zurecht gekommen und dem Mental Load und mein Mann und ich hätten uns getrennt. You never, NEVER know.

Momentan treibt mich mal wieder die Jobfrage um, ich will ja nun nicht ewig machen, was ich aktuell mache. Aber was ich stattdessen machen will, GOTT IM HIMMEL, ich habe nicht den Hauch einer Ahnung. Ich denke über die Dinge nach und die Antwort ist NICHTS, ich will NICHTS davon machen, was mir einfällt. Und ich muss noch mindestens 32 Jahre arbeiten (obwohl… you never, NEVER know)!!! Aktuell ist eine Umschulung ausgeschrieben, die mich VIELLEICHT interessieren könnte, aber die geht dann direkt 2 Jahre, ich müsste meinen Job kündigen, und weniger verdienen (okay, für zwei Jahre) und danach wäre die Zielausrichtung auch nicht so 100% meins. Aber da offenkundig NICHTS 100% meins ist… Argghhhh!!!

Ihr seht, andere Dinge treiben mich gerade um. In anderthalb Wochen habe ich tatsächlich noch mal einen Termin bei der Therapeutin. Sie rief mich zurück und bestätigte, dass meine verbliebenen Termine verfallen seien, aber sie würde das schon irgendwie abgerechnet kriegen. Yay! Da der nächste Termin allerdings halt erst vom Anruf aus gesehen in drei Wochen war, habe ich jetzt ein bisschen „Angst“, dass ich schon alles von selbst verarbeitet habe bis dahin. 😉 Aber das ist glaube ich zum einen unrealistisch und zum anderen wäre es ja auch ein Erfolg, eigentlich.

Ich habe immer noch niemandem in der Familie gesagt, dass wir aller Wahrscheinlichkeit nach nun kinderlos bleiben möchten. Zu Beginn war es mir sehr wichtig, das meinen Eltern und Schwiegereltern zu erzählen. Jetzt denke ich, ich möchte mir erst selbst völlig im Klaren darüber sein, wie ich dazu stehe und wie es weitergeht. Gut, dass ich da keinen Schnellschuss getätigt habe.

13

Ich komme nicht klar.

Alles wird gut, hab ich getönt. Es ist schon ok, egal wie es ausgeht, habe ich erzählt. Ich komme klar, hab ich gesagt.

All das habe ich auch geglaubt, und wie ist es nun, da es tatsächlich so weit ist? Ich komme nicht klar.

Also, natürlich komme ich schon klar. Ich weine nicht den ganzen Tag oder verzweifle völlig. Mir geht es nur nicht so gut, wie ich es erwartet hätte. Ich denke so oft daran, dass ich nun niemals Kinder haben soll. Niemals. NIE-MALS. Das ist eine lange Zeit. Und ich dachte, ich wäre darauf eingestellt, hätte eine realistische Sicht der Dinge, aber offensichtlich ist das nicht so.

Ich denke, das ist temporär. Es ist wieder so wie zu Hochzeiten des Kinderwunsches. Jeder Kinderwagen, jede schwangere Frau, jedes Kleinkind ruft „Niemals, niemals, NIEMALS!!!“ Es tut weh und lässt Tränen in den Augen stehen. Ich kenne das. Das geht vorbei.

Mit meinem Mann habe ich dann doch noch mal das Thema Adoption angesprochen – ganz vorsichtig. Er war überrascht und, wie erwartet, negativ eingestellt. Nicht wegen des Adoptionsthemas an sich, sondern – wie schon oft erwähnt hier – weil sein Wunsch nicht so dringend ist, weil er dachte, es sei jetzt endlich vorbei. Weil er, wie ich nun realisiert habe, vor anderen Dingen Angst hat als ich.

Was seinen Kinderwunsch am meisten dämpft: Der Verlust der Freiheit.
Was meinen Kinderwunsch am meisten dämpft: Die organisatorischen Schwierigkeiten.

Ich habe ihm all meine Konjunktive erzählt, er war etwas baff. So weit wie ich hätte er sich das offenbar noch nie vorgestellt, meinte er. Ich hab ihm dann aber auch noch meinen bislang noch nicht aufgeschriebenen Teil erzählt, mit allem, worüber wir uns nun KEINE Sorgen machen müssten und HOLY-MOLY damit hab ich mich innerhalb von Sekunden sowas von meinem Kinderwunsch geheilt, dass es schon nicht mehr feierlich war, und mich dezent selbst in Panik versetzt. Ich sollte es also wirklich mal aufschreiben, alles von Kita-Suche über Arbeitszeitschwierigkeiten bis hin zu Rentenlücken. Vielleicht wirkt das nachhaltiger.

Ich habe meiner Therapeutin eine Email geschrieben. Eigentlich hatte ich noch 2 oder 3 Termine offen, aber die habe ich nie wahrgenommen. Allerdings war ich zuletzt vor über einem Jahr dort und laut einer kurzen Internetrecherche darf man die Therapie nicht für länger als 6 Monate unterbrechen. Mal sehen, ob es da noch eine Möglichkeit gibt, denn ich denke, noch ein-zwei Gespräche würden mir wirklich helfen. Vielleicht kann ich sie ja auch selbst bezahlen im Zweifel (keine Ahnung, was das kostet).

Ich weiß nicht, was ich tun soll. Eigentlich möchte ich glaube ich nicht adoptieren. Mehr Wartezeit, man wird nicht jünger in der Zwischenzeit (mein Mann findet sich jetzt schon zu alt – er wird bald 40), und wieder so viel Ungewissheit. Eigentlich möchte ich gern abschließen. Aber es ist schwer.

Ich schätze mal, es ist jetzt einfach eine Zeit der Trauer. Das Ergebnis ist schließlich noch nicht einmal 2 Wochen her (das tatsächliche Ergebnis sogar noch nicht mal eine Woche), ich erwarte vermutlich zu viel von mir. Zeit! Es braucht Zeit. Und hey, die habe ich ja wohl. Ich hab ja schließlich keine Kinder.

14

Konjunktive.

Die morgendlichen Tests haben zwar nichts Neues ergeben, aber es hat mir doch geholfen, es im Kopf realer werden zu lassen: Es hat zu 99,99% nicht geklappt.

Ich werde keine Kinder haben. Meine Eltern werden keine Großeltern sein (was mir momentan fast genauso schwer zu schaffen macht). Und alles, was ich mir für unser Leben mit Kind(ern) vorgestellt habe, wird nicht geschehen. Alles, was ich weitergeben wollte. Alles, was ich erleben wollte. Alles, was ich „besser machen“ wollte. Alles, was ich RICHTIG machen wollte.

Eltern finden die Vorstellungen von Nicht-Eltern, wie es „richtig geht“, zumeist wahlweise anmaßend oder niedlich oder lächerlich. Aber jede von uns hat doch ihre Ideen, wie sie es machen will. Meine werden jetzt nicht ausprobiert (dabei funktionieren sie zumindest bei den Nichten und Neffen ganz ausgezeichnet).

Selbstverständlich wäre ich unseren Kindern auf Augenhöhe begegnet, und sie hätten viel allein machen und ausprobieren dürfen, und ich hätte mir auf die Zunge gebissen, statt „Fall nicht!“ zu rufen. Natürlich wären unsere Kinder gern in den Kindergarten und in die Schule gegangen, hätten gern gelesen und Gesellschaftsspiele gespielt, wären wissbegierig und lustig und niedlich. Keine Frage, dass unsere Kinder alle Fragen so wahrheitsgemäß wie möglich beantwortet bekommen hätten, dass Regeln für Kinder und Erwachsene gleichermaßen gegolten hätten, dass wir die besten aller Traditionen erfunden hätten.

Wir hätten Pizza gegessen und Filme geschaut. Wir hätten Bücher im Freibad gelesen. Wir hätten Kuchen gebacken und Ausflüge gemacht. Wir hätten geschaukelt, wären mit dem Ruderboot über den See geschippert, und manchmal hätte es Eis zum Abendbrot gegeben.

Frei von Vorurteilen und Gender-Normen hätten wir unsere Kinder selbstverständlich erzogen. Hätten ihnen gezeigt, dass sie alles sein können, was sie sein möchten. Dass sie machen und anziehen können, was sie möchten. Hätten unseren Jungs das Tanzen erlaubt und ihnen eine Puppe geschenkt und einen Rock genäht. Hätten unsere Mädchen beim Fußball unterstützt und ihnen Programmieren beigebracht und das Bäumeklettern. Wenn sie es gewollt hätten. Ansonsten hätten wir auch unsere Jungs beim Fußball unterstützt, ihnen Programmieren beigebracht und das Bäumeklettern. Hätten unseren Mädchen das Tanzen erlaubt und ihnen eine Puppe geschenkt und einen Rock genäht. Wir hätten die erste Liebe unserer Kinder gefeiert, egal, in wen sie sich verliebt hätten. Sandkastenfreundschaften des anderen Geschlechts hätten wir nicht als „Ach wie süß, die erste große Liebe“ scherzhaft in Rollen gepresst, die vielleicht  nicht gepasst hätten.

Wir hätten jedes Jahr zu Weihnachten Nonni und Manni geschaut, und die Augsburger Puppenkiste. Wir hätten Astrid Lindgren gelesen und ich hätte gehofft, unser Kind wäre ein bisschen wie Lotta aus der Krachmacherstraße geworden. Wir hätten im Auto und beim Spaziergang Lieder gesungen und die Kinder mit auf Konzerte genommen. Wir hätten die Kinder auf Partys lange aufbleiben lassen. Wir wären zusammen in Restaurants gegangen und hätten am Tisch Uno gespielt, damit es den Kindern nicht zu lang würde. Wir hätten Oma und Opa im Ferienhaus besucht und wären im See geschwommen. Die Kinder wären bei Opa auf den Schultern geritten und hätten sich von Oma die schönsten Bücher vorlesen lassen. Wir hätten im Wartezimmer beim Arzt „Ich sehe was, was du nicht siehst“ gespielt. Wir hätten unsere Kinder oft und lange in den Arm genommen, gekuschelt oder getobt. Wir hätten unsere Kinder abends ins Bett gebracht und noch eine Geschichte gelesen. Wir hätten die besten Weihnachtsgeschenke ausgesucht und die Geburtstage mit Kuchen und Luftballons gefeiert. Wir hätten Adventskalender gebastelt und Schultüten und kleine Elfentüren an den Fußleisten. Ich hätte Fotoalben gemacht und die besten Wortverdreher und Sprüche festgehalten und geweint, wenn mein Nachwuchs bei der Kindergartenaufführung aufgeregt den Text vergessen hätte. Ich hätte diese ganzen coolen Ideen von Pinterest ausprobiert, wäre mit auf den Spielplatz gegangen und hätte die Kinder zu den großartigsten kleinen Nerds herangezogen, die man sich nur vorstellen kann.

Es wäre nicht perfekt gewesen, aber es wäre richtig gewesen. Für uns.