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Erste ICSI: Termine, Organisation, Gefühle in GIFs und all so etwas.

In den letzten Tagen – Wochen? – habe ich mich eher zurückgehalten. Mein letzter Beitrag war schon über die Kinderwunschklinik und wie genervt ich war. Da hatte ich also keine News, außer: Sie haben sich noch ein paar organisatorische Klöpse geleistet, und ich werde dennoch die Klinik nicht wechseln (sagt es also gar nicht erst), aber nach jeden Kontakt sah ich wieder ungefähr so aus:

Gestern hatte ich dann endlich Post von ihnen und die ließ mich in etwa so zurück, nachdem ich den Brief gelesen hatte:

Aber nun denn, ich habe es überstanden. Jetzt, nur einen Anruf später, habe ich alle Infos, die ich soweit brauche. Der Zeitplan sieht vor, dass ich am Montag mit dem Nasenspray anfange (ich freue mich schon so… NICHT! Synarela ist des Teufels!) und am 13.11. zum ersten Ultraschall in die Klinik kommen darf. Wenn alles so läuft wie letztes Mal, wäre dann also Ende November die Punktion.

Passt so… mittel in den Kram. Der Gatte beklagt sich, er hat wenige Tage vorher einen Abteilungsausflug und will eigentlich Alkohol trinken. Ich denke mir „Reiß dich zusammen und schluck diese eine Kröte“, denn irgendwie passt es ja immer nicht so richtig. Ich persönlich habe eine Fahrt zur besten Freundin in der Zeit geplant und schon ein Zugticket gekauft – wenn alles GENAU SO läuft wie beim letzten Mal, klappt das, aber falls es einen Tick schneller geht, wird es schwierig. Na mal sehen. Ich gucke mir alles momentan eigentlich nur so an und lasse es geschehen:

Ich bin nicht aufgeregt, ich habe keine Hoffnungen, ich habe so gar nicht besonders viele Gefühle. Ich weiß nicht, ob ich mir wirklich noch eine Schwangerschaft erhoffe oder ob ich das halt jetzt so durchlaufen lasse, weil man es eben bis zum Ende durchzieht. Was ich weiß ist, dass ich seit dem genehmigten Behandlungsplan wieder depressive Symptome habe, zum Glück nicht sehr oft, aber diese Tage sind schwierig. Letzten Endes ist diese ganze Sache mit dem Leben einfach wahnsinnig anstrengend und viel zu viel Arbeit. Keine Ahnung, ob es das Wert ist. Und fangt mir gar nicht erst an mit den Gedanken, die ich mir mache für den Fall, dass die Behandlung klappen sollte. Das wird eine Katastrophe. Alles ist eine Katastrophe.

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Organisieren, planen, vorbereiten.

Heute ist Montag. Donnerstag habe ich die Info bekommen, dass die ICSI genehmigt ist. Seither bin ich beschäftigt.

Die Kinderwunschklinik teilte mir mit, welche Werte sie benötigen: TSH, Krebsvorsorge, HIV, Hepatitis B und C. TSH und Krebsvorsorge habe ich noch im Januar gemacht, die anderen brauchte ich neu. Also war ich heute früh beim Hausarzt zur Blutabnahme. Prompt hat die Dame dort vergessen, mich für diese Igel-Leistung (ja ich weiß, dass das sprachlich doppelt gemoppelt ist) unterschreiben zu lassen, also muss ich noch mal hin. Dann muss ich noch zum Frauenarzt fahren, eine Überweisung und die Werte der Krebsvorsorge holen (das mache ich aber wohl erst im Oktober, sonst ist die Überweisung etwas überflüssig).

Mein Mann benötigt ein neues Spermiogramm, dafür hat er aber erst am 12. Oktober einen Termin bekommen.

Und ich? Bin gestresst hoch zehn, weil ich dauernd an alles denken muss. Dabei ist es objektiv betrachtet gar nicht so viel.

Aber auch die mangelnde Planbarkeit lässt meinen Blutdruck hochschnellen. Wann geht’s genau los, wie geht’s los, passt das alles mit meinem Kurztrip im November, mit dem Urlaub des Kollegen? Ich hätte gern jetzt schon feste Daten, obwohl ich weiß, dass das nicht geht.

Ich bin nicht, wie sonst oft, voller Tatendrang und Motivation, die Punkte auf der Liste abzuhaken, sondern fühle mich völlig erschlagen. Dabei sollte ich doch froh sein, dass es jetzt weitergeht. Jedenfalls merke ich ziemlich gut, dass das Kinderwunsch-Thema mich stark belastet. Und damit meine ich nicht den Kinderwunsch an sich, sondern das ganze Drumherum. Ich werde, ganz ungeachtet des Ergebnisses, SO unfassbar froh sein, wenn der Zirkus ein Ende hat.

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Und? Wann kommt der Nachwuchs? – Kinderlosigkeit in der Gesellschaft

Heute spülte mir Facebook einen Artikel aus der Zeit in die Timeline: „Warum gilt es als Abweichung, dass ich keine Kinder habe?“* Darin wird Frau Schehl, eine 44jährige Unternehmerin, interviewt, die keine Kinder hat – und auch nie welche wollte.  Damit unterscheidet sich, obwohl nach außen hin ähnlich, ihre Situation stark von der, in der wir in unserer kleinen Kinderwunsch-Filterblase hier stecken. Dennoch denke ich, dass man von außen durchaus ähnlich wahrgenommen wird, zumal viele von uns nicht öffentlich über die konkreten Gründe ihrer Kinderlosigkeit sprechen. Tabus und so… Daher lese ich solche Artikel eigentlich immer gern – es ist interessant, über ein kinderfreies Leben zu lesen, macht mir teilweise Mut und natürlich finde ich es auch wichtig, das Thema in den Medien präsent zu haben und zu zeigen, dass es eben nicht nur das Leben mit Kindern gibt.

Natürlich ist es dabei nicht unwichtig, zwischen gewollter und ungewollter Kinderlosigkeit zu unterscheiden. Letzten Endes leiden wir alle unter der Gesellschaft und ihren Fragen und Erwartungen. Auf der einen Seite die, die wollen, aber nicht können; meist bekommen wir Verständnis, wenn wir das „offenlegen“, aber auch jede Menge überflüssiger Ratschläge, Unterstellungen, Halbwissen und – das mag ich persönlich auch nicht wirklich gern – Mitleid („Du Arme, das könnte ich nicht“). Die gewollt Kinderlosen bekommen hingegen Vorwürfe (Egoismus, Karriere-Geilheit, und natürlich die Unterstellung, dass sie es sich sicherlich noch anders überlegen werden, sofern sie noch jung genug sind). Beiden Gruppen gleich die Erfahrung: Nicht mitreden zu können und immer wieder zu hören „Das versteht man nur, wenn man Kinder hat“, „Dazu kannst du nichts sagen“ bzw. in seiner Meinung nicht ernst genommen werden (dazu hat Helge mal einen tollen Post geschrieben), „So eine Liebe können nur Eltern fühlen“, „Erst mit Kindern ist das Leben komplett“ oder auch „Ohne Kinder bist du keine richtige Frau“ (WTF?!). Die Haustiere werden als Kinder-Ersatz betrachtet (als ob Eltern mit Kindern keine Tiere hätten?) und das wird lächerlich gemacht; und selbstverständlich ist man als Paar ohne Kinder auch niemals eine Familie, sondern immer nur ein Paar.

Besonders schön finde ich das Zitat aus diesem Artikel (aus der Huffington Post, leider schlecht übersetzt), in dem es um Dinge geht, die kinderlose Frauen – egal aus welchem Grund – Menschen mit Kindern sagen möchten:

Wenn ich herausfinde, dass jemand Kinder hat, frage ich auch nicht ‚Warum?‘

Ich glaube, das probiere ich beim nächsten Mal aus. Wenn jemand fragt, warum ich keine Kinder habe, frage ich zurück: „Und? Warum hast du welche?“ Das wird nämlich nie in Frage gestellt. Dass Frauen Kinder wollen (und haben!), ist der Normalzustand. So ein Blödsinn. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass kein Kinderwunsch so sehr durchdacht ist wie der unerfüllte. Die Frau, die keine Kinder möchte, hat sicherlich darüber nachgedacht und sich bewusst entschieden – schließlich wird sie, siehe oben, oft genug damit konfrontiert. Die Frau, die Kinder möchte, aber nicht „automatisch“ bekommt, wird ebenfalls darüber nachgedacht haben. Wie oft lese ich, wie wir uns mit Entscheidungen herumquälen. Noch eine Behandlung oder nicht? Adoption oder nicht? Wohingegen viele Menschen Kinder bekommen, „weil es halt dazugehört“. Und ohne groß einen Grund dafür zu haben. Müssen die sich rechtfertigen? Nein. (Ab einer bestimmten Anzahl Kinder dann doch wieder… Aber das ist eine andere Geschichte.)

Immerhin: Es gibt auch Gebiete, wo mich niemand aufs Thema Kinder anspricht. Im Büro zum Beispiel. Hier habe ich exakt eine Kollegin, die Kinder hat. Die übrigen 5 im Team sind ebenfalls kinderlos. Männer wie Frauen, jüngere wie ältere Menschen. Die Gründe dafür kenne ich nicht – ich würde auch niemals danach fragen. Dafür würde ich auch nie von der Kinderwunschbehandlung erzählen, solange diese nicht abgeschlossen ist. Schließlich gehört das Kinderkriegen in der Gesellschaft dazu – außer beim Arbeitgeber, wo es nicht gern gesehen wird und man diesbezügliche Planungen lieber geheimhält, bis es geklappt hat. Schon irgendwie schizophren, oder?


* Kleiner Disclaimer: Beinahe hätte ich den Artikel nicht zu Ende gelesen, nämlich als ich an diesem Satz vorbeikam, den ich sehr verletztend formuliert fand: „Ja, du bist gerührt, dir gibt das was, aber du setzt dich dann wieder hin und führst eine Unterhaltung weiter, du bist nicht bitter und rennst in eine Hormontherapie.“ Muss man jetzt echt die beiden Arten von Kinderlosigkeit gegeneinander ausspielen? Wir sind nicht alle verbittert und „rennen in eine Hormontherapie“, WTF?

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Therapie-Talk (ein Kinderwunsch-Offtopic-Post)

Mittlerweile habe ich nur noch alle zwei Monate einen Termin mit der Therapeutin. Das reicht völlig, denn vorher frage ich mich immer, worüber um alles in der Welt ich mit ihr reden soll. Diese Woche waren wir nach fünfzehn Minuten mit allen Themen erst mal durch. Mir geht es gut – ich denke, dass kam im letzten Beitrag hier auch gut rüber. Dennoch werde ich die verbliebenen sechs Termine wahrnehmen. Es tut mir trotzdem noch gut, mit ihr zu reden – ich hole mir etwas Lob ab und bekomme trotz allem immer noch Anstöße oder auch einfach mal Bestätigung, was auch viel wert ist.

Diese Woche habe ich dann noch mal meine berufliche Situation angesprochen… Auf Dauer muss sich da wirklich mal etwas tun. Ich fühle mich unterfordert – das führt dazu, dass ich meine Arbeit nicht ordentlich mache. Weil ich weiß, dass ich für einen 8-Stunden-Tag womöglich nur 2 Stunden Arbeit habe, fange ich gar nicht erst an, sondern surfe gleich erst mal sinnlos im Internet herum und verschwende meine Zeit. Die zwei Stunden Arbeit reiße ich dann unmotiviert runter, irgendwann später. Die Folge sind Flüchtigkeitsfehler, unnötige Wartezeiten für andere (ich KÖNNTE die Mail natürlich direkt morgens beantworten statt um 15 Uhr). Außerdem ist der Job nicht sonderlich gut bezahlt (er ist jetzt auch nicht waaaahnsinnig schlecht bezahlt, aber naja, etwas mehr könnte es schon sein), was mir allerdings nicht so wichtig wäre, wäre es ansonsten perfekt.

Dass ich nicht mein Leben hier verbringen werde, ist mir schon klar. Ich weiß auch nicht, was mit der Firma eines Tages passiert, wenn mein Chef zu alt ist (er ist ja jetzt schon Mitte 60). Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, in zehn Jahren noch hier zu sitzen und meine Lebenszeit zu verschwenden. Aber wer weiß. Die ersten fünf-sechs Jahre sind ja auch einfach so verflogen.

Da die Arbeit nicht schlimm ist, höchstens etwas öde, ich außerdem nette Kollegen habe und hervorragende Arbeitsbedingungen (höchste Flexibilität, unbefristete Stelle), ist der Leidensdruck nicht besonders hoch. Die Therapeutin sprach etwas flapsig von einem Luxusproblem, was sicherlich auch der Fall ist, denn es stört mich nur, wenn sonst alles gut läuft. 😉 Mein Problem ist: Ich habe keine Ahnung, was ich machen möchte. Da fühle ich mich auch mit Mitte 30 noch nicht schlauer als mit Anfang 20. Ist das nicht fürchterlich? Heute habe ich mal ein bisschen gegoogelt, ein bisschen Stellenanzeigen gelesen, ein bisschen Fortbildungsmöglichkeiten angeschaut. Das hat mich allerdings dann direkt ziemlich gestresst. Es gibt ja nichts schlimmeres als Bewerbungen.

Ich bewundere Menschen, die genau wissen, was sie tun wollen, oder glücklich in ihrem Job sind… Ich bin da zumeist indifferent und mache halt, was gemacht werden muss. Vermutlich ist es gar nicht schlimm, dass die Arbeit nicht mein Lebenszweck ist – auch die Therapeutin sagte, es sei völlig ok, wenn ich erst mal hier bleibe, da ich ja nicht unglücklich bin. Aber ey. Was macht man denn da?!

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Ein Lebenszeichen.

Ich lebe noch.

Im Blog ist nichts mehr passiert seit Anfang Juli, also immerhin rund zwei Monaten. Der Grund? Auch sonst ist nichts passiert, was das Thema dieses Blogs berühren würde.

Nun beginnt der Herbst, es ist September. Eine Zeit, in der ich immer nachdenklich, ruhig, vielleicht melancholisch werde. Ich mag den Herbst sehr (wobei das eigentlich für alle Jahreszeiten außer den Winter gilt).

Im Januar wollten wir mit der ICSI beginnen, nun ist es also September. Und wir warten. Es fühlt sich alles sehr unwirklich an, sehr weit weg. Der Kinderwunsch ist nicht mehr so präsent, ich habe das hier schon gelegentlich angedeutet. Wir leben unser Leben und wir gestalten es so, wie es uns glücklich macht. So entrümple ich meine Wohnung nach Konmari, und mein Mann und ich bauen gemeinsam Dinge, auf die wir anschließend sehr stolz sind, wir kochen neue Gerichte und verbringen Zeit mit unserer Familie inklusive Nichten und Neffen. Es ist schön, unser gemeinsames Leben.

Mittags gehe ich mit dem Bürohund spazieren und frage mich, ob wir uns auch einen Hund anschaffen sollen. Ich höre Podcasts darüber, wie man glücklicher wird, und lese wieder mehr, und habe Lust, zu schreiben, zu wandern, zu gestalten.

Ich bin völlig tiefenentspannt. Der Theorie so vieler überflüssiger Ratschläge nach müsste ich als jetzt quasi ganz von selbst schwanger werden. Womöglich sogar ohne Sex. So viel Entspannung! Ab und an, zur entsprechenden Zeit im Monat, kommt in mir tatsächlich irgendwo der Gedanke „Oh, vielleicht hat es ja dieses Mal geklappt“ hervor. Wenn sich dann herausstellt, dass dem nicht der Fall ist (ich teste nie – ich warte geduldig ab, mein Körper ist ja zum Glück recht verlässlich), verzweifle ich nicht, ich weine nicht – ich muss über mich selbst schmunzeln und ein bisschen sanft und liebevoll den Kopf schütteln, dass ich diese Hoffnung immer noch in mir habe. Wie man über ein Kleinkind den Kopf schüttelt, das es halt nicht besser weiß.

Tatsächlich weiß ich gar nicht, was ich mache, wenn der Bescheid der Krankenkasse doch noch irgendwann kommt. Egal, in welche Richtung. Herr D. hat mich vorgestern angerufen, dass er dran ist und Druck macht beim MdK. Ich bin nicht ungeduldig, sondern milde interessiert daran, wie es weitergeht. Ein bisschen so, als hätte es gar nicht so viel mit mir zu tun.

Es ist wohl so weit: Ich kann mir ein Leben mit Kindern so gut vorstellen wie ein Leben ohne Kinder. Der Gedanke, der mich vor wenigen Jahren noch in die Verzweiflung gestürzt hat, ist akzeptiert. Diese Akzeptanz, die mich noch zu Beginn des Jahres so beschäftigt hat – auf einmal war sie einfach da. Das ist verrückt, und es ist schön, und ich bin gespannt, was ich mache, wenn der Bescheid kommt.

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Der Kinderwunsch und die Zeit.

Eine Sache, die so eine Kinderwunschbehandlung so mit sich bringt, ist ja: Zeit. Wir alle wissen, wie man wartet, wir sind geübt darin. Womit ich nicht gerechnet habe, sind die Entwicklungen, die man in dieser Zeit durchmacht. Und natürlich ist es eigentlich gut, dass ich nicht mehr die gleiche Person wie vor vier Jahren bin, und es ist auch völlig einleuchtend, dass die Zeit, die Behandlung, die Sorgen und die Gedanken mich verändern.

Und vermutlich ist es eigentlich wünschens- und lobenswert, dass ich meinen Kinderwunsch regelmäßig überdenke und neu bewerte. Hätte mich jemand vor vier Jahren gefragt, wie stark er ist, hätte ich gesagt: Unmessbar. Ich war bereit, mich von meinem Mann zu trennen, der Gedanke an ein kinderloses Leben stürzte mich in die allertiefste Verzweiflung. Ich durfte mir das Leben ohne Kinder nicht allzu genau vorstellen, denn dieser Gedanke war der einzige, der in meinem Leben wirklich und wahrhaftig kurzzeitig Suizidgedanken weckte, und das hat mich so unfassbar erschreckt, dass ich den Gedanken weit, weit, weit fort von mir geschoben habe.

Mit der Zeit wurde der Gedanke erträglicher. Vermutlich ist das gesund. Nur bin ich jetzt, kurz vor den letzten Behandlungen, an dem Punkt angelangt, an dem mir ein Leben ohne Kinder fast genauso erstrebenswert wie eines mit Kindern erscheint. Weil ich die vielen negativen Aspekte, die das Leben mit Kindern mit sich bringt, sehe. Weil ich auf Twitter und im Familien- und Freundeskreis sehe, welche Anstrengungen, Einschränkungen das Familienleben mit Kindern so bringt. Weil ich zu schätzen weiß, was wir haben.

Mir war immer klar, mein ganzes Leben lang, dass ich einmal Kinder haben würde. Ob nun leibliche oder adoptierte. Mittlerweile denke ich beim Thema Adoption, auf das man ja doch öfter mal angesprochen wird: Och nö. So eine Anstrengung. So ein Aufwand. So viel Bürokratie und keine Garantie auf Erfolg, mal wieder.

Ich denke bei der Vorstellung eines Lebens mit Kindern: Und wie machen wir das mit der Arbeit. Was ist mit meiner Rente, wenn ich Teilzeit arbeite. Würde mein Mann so mitziehen, wie ich mir das vorstelle. Würde unsere Ehe das aushalten, die ständige Übermüdung und den Stress im Alltag. Würde ich meinen Job wechseln? Ich überlege, meinen Job zu wechseln, und bleibe derweil der Sicherheit wegen (und weil ich nicht weiß, was ich tun möchte, hüstel). Man sollte vermutlich auch den Job wechseln, wenn man unglücklich dort ist, wenn man ein Kind hat. Mutter zu sein ist nicht mehr meine Berufung. Zuvor dachte ich „Ich halte das aus, ist ja nur zum Geldverdienen.“ Mein Job ist nicht schlimm, aber halt auch nicht erfüllend. Meine Theorie war immer, dass der Job nicht erfüllen muss – das macht das restliche Leben. Ich weiß nicht, ob ich das noch so sehe.

Es wäre so einfach gewesen, vor vier Jahren einfach schwanger zu werden. Ich wäre so glücklich gewesen, die meisten der letzten vier Jahre. Es war alles, was ich wollte. Alles wäre nach Plan gelaufen. Ob ich es bereut hätte, Stichwort „Regretting Motherhood“? Über die negativen Seiten habe ich mir damals noch keine Gedanken gemacht. Jetzt? Ich bin so unsicher. Natürlich werden wir trotzdem weitermachen. Aufhören ist einfach keine Option, bis wir nicht wenigstens eine ICSI probiert haben. Mein Argument ist dabei gern „Hinterher würden wir es bereuen, es nicht wenigstens versucht zu haben.“ Aber der Gedanke an eine Schwangerschaft löst in mir mittlerweile eine Heidenangst aus.

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Der Mensch ist schlecht, aber immerhin lebt er nicht so lang.

Ich musste 32 Jahre alt werden, um meinen Glauben an das grundsätzlich Gute im Menschen zu verlieren.

Natürlich war mir auch vorher klar, dass nicht alles rosig ist. Dass es Menschen waren, die so viele Jahrhunderte Kriege geführt, Menschen unterdrückt, die Umwelt zerstört haben. Aber das war in der Regel Geschichte. Hier bei uns ging es voran, vielleicht langsamer, als ich mir das wünschte, aber immerhin.

Dann kam 2016, und es wurde ein Mensch zum US-Präsidenten gewählt, den ich spätestens seit „Grab them by the pussy“ für unwählbar hielt. Und dabei bin ich nicht einmal so entsetzt von Donald Trump. Es gibt Arschlöcher, es gab sie immer, es wird sie immer geben. Ich bin entsetzt von den Menschen, die hingehen und ihn wählen.

Dann kam 2017, und ein kleiner Junge wurde in Herne getötet, und wieder einmal sprachen alle von 4chan. Von dieser Plattform hatte ich auch schon im Zusammenhang mit der US-Wahl gehört: 4chan-User rühmten sich, sie wären für die Wahl Trumps verantwortlich. Schließlich hätten sie gezielt mit Memes, die sich dann im ganzen Internet verbreiteten, Clinton „zerstört“ und Trump hochgepusht. Mit Lügen, mit gezielten Falschinformationen, mit perfekt auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnittenen Ideen.

Ich dachte mir, man müsse sich ja eigentlich mal ein eigenes Bild machen. Von diesem 4chan. Also hab ich es tatsächlich gewagt und diese Seite besucht. Mein erster Eindruck: Es ist unübersichtlich. Und es ist hässlich. Es ist keine High-End-Website, die alle paar Monate den neuesten technischen Trends angepasst wird.

Aber hässlich hin, unübersichtlich her – da bin ich natürlich auch nicht der Maßstab aller Dinge, persönlich finde ich schon Tumblr oder erst Recht Reddit unübersichtlich, man wird ja auch nicht jünger. Bei 4chan gibt es verschiedene Unterkategorien. Ich habe die allgemeine gewählt, in der den Nachrichten zufolge auch der Herner Kindermörder unterwegs war. Und? Es ist eklig, es ist unangenehm. Die Themen sind buntgemischt. Sexfantasien, Gewaltfantasien spielen die Hauptrolle. Gern mit Fotos von jungen Frauen, die sicher nichts von dem wissen, was hier passiert, mit der Frage „Was würdest du mit ihr machen?“ Die widerlichen Ideen folgen auf dem Fuße.

Lange halte ich nicht durch. Ich fühle mich, als bräuchte ich dringend eine Dusche. Ich fühle mich dreckig und angewidert, noch Tage danach fühle ich mich irgendwie beschmutzt. Als läge da Dreck auf meiner Seele. Und das war nur die „private“ Seite. Gerade heute habe ich auf Twitter einen Screenshot gesehen, auf dem diskutiert wurde, wie man die Frankreich-Wahl beeinflussen könnte, damit Le Pen gewinne. Und so wurde vorgeschlagen, man sollte Macron, dem Gegenkandidaten, eine Affäre mit der Tochter seiner Ehefrau anhängen.

Es ist widerlich und ich habe tatsächlich den Glauben an die Menschheit als solche verloren. Es macht mich traurig und desillusioniert.

Es hilft mir aber auch, damit  zu leben, eventuell keine Kinder in diese Welt zu setzen. Oder ist es andersherum – die Kinderlosigkeit lässt mich besser mit der schlechten Welt leben?

Ich werde diese Welt nicht verbessern können. Das muss ich mir heute eingestehen. Und so denke ich mir mittlerweile oft: Dann macht doch alle, was ihr wollt. Macht sie doch kaputt, unsere Welt. Es nützt ja alles nichts, ich kann ja doch nichts daran ändern, was soll ich meine Gedankenwelt damit beschweren. Irgendwann bin ich weg und dann ist es mir auch egal. Im Gesamtbild betrachtet ist meine Existenz auf diesem Planeten nur der Bruchteil einer Sekunde, und was ich hier erreiche, hat ähnlich viel Bedeutung für das große ganze wie das Leben einer Eintagsfliege.