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Hab gefühlt.

Ihr Lieben,

nach dem negativen Testergebnis vor nun gut 10 Tagen hatten wir ein wunderbares Wochenende, eines der besten. Pfingsten fahren wir traditionell das ganze Wochenende mit Freunden und Familie weg, Samstag haben wir diesen Trip kurz unterbrochen für eine legendär großartige Hochzeitsfeier von anderen Freunden. Ich habe diese Zeit so sehr genossen. Drei Abende und Nächte hintereinander mit wenig Schlaf, der genau angemessenen Menge Alkohol, wunderbaren Menschen, Liebe, Sonnenschein und Gesprächen und Tanzen und Feiern und Bauchmuskelkater vor Lachen. Das war das beste, was auf dieses Ergebnis folgen konnte.

Der Titel dieses Blogposts ist dann auch ein Song der Band, die auf der Hochzeit gespielt hat (bei Interesse kann man es bei Spotify anhören). Ich fand, das traf es schön. Ich hab gefühlt, ich habe mich vollständig und ausgefüllt und glücklich gefühlt. Ich habe die Augen geschlossen und getanzt. Einfach nur gefühlt.

Am Sonntagabend dann noch ein Gespräch am Lagerfeuer, bei Wein und mit einem guten Freund, übers Kinderwunschthema. Er und seine Frau haben gerade das zweite Kind bekommen – ich schrieb sogar schon über die zwei hier im Blog, nur finde ich es gerade nicht, aber wir hatten fast zeitgleich eine Fehlgeburt 2014. Ein Jahr später Pfingsten war sie schwanger, nun denn. Jedenfalls sprachen nun er und ich über das Thema Elternschaft, Kinderhaben, Verantwortung, Lebenspläne… Und er war wirklich der erste Mensch auf der ganzen weiten Welt von denen, die Kinder haben und mit denen ich persönlich darüber gesprochen habe, der zugab: Ja, manchmal wäre es ohne Kinder einfach besser. Ja, es schränkt ein. Ja, man liebt sie, aber trotzdem. Und ja, manchmal bereut man es, und manchmal beneidet man Menschen ohne Kinder. Und dann sind wir morgens um fünf in unsere Betten gefallen und er wurde 3 Stunden später von seiner kleinen Tochter geweckt, während ich wenigstens noch bis 10 Uhr liegen bleiben durfte. 😉

Das Leben ging weiter, mir offenbar deutlich zeigen wollend, dass es gut ist, wie es ist. Am Wochenende bekam ich nämlich Zahnweh, mit dem ich Dienstag gleich losmarschierte. Zack, röntgen, spritzen, behandeln, alles kein Problem. Antibiotika, das volle Programm. NICHT, dass das toll wäre, aber schwanger wäre das alles etwas schwieriger geworden.

Am vergangenen Freitag dann mein Geburtstag und der Mann und ich fuhren übers Wochenende nach Berlin. Das war erneut eine ganz wunderbare Zeit, nur wir zwei ohne große Pläne, und es war einfach so, so schön. Hab gefühlt, anders als am Wochenende davor (und, bevor sich jemand Sorgen macht, völlig alkoholfrei – ich kann auch ohne 😉 ), aber mindestens genauso schön.

Bin ich also bereit, meinen Kinderwunsch aufzugeben? Bin ich bereit, nach einer eventuell erfolglosen Kryo-Behandlung zu sagen „Es ist, wie es ist, und es ist gut so“? Nicht das große „Adoptions-Fass“ aufzumachen?* Ich weiß es nicht. Woran stellt man das fest?

* Das „Adoptions-Fass“ ist natürlich keine abfällige Bezeichnung für den gesamten Prozess einer Adoption, sondern das ist das Fass, dass ich mit meinem Mann aufmachen müsste, der tendenziell eher dagegen ist. Wir müssten da ganz schön arbeiten, um auf einen Nenner zu kommen, wäre ich dafür und er dagegen.

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Flashback

Seit Jahren singe ich im Chor. Und ab und zu hat dieser Chor Konzerte gemeinsam mit anderen Chören. So auch in diesem Jahr. Wir planen zwei Konzerte mit diesem Chor, eins in unserem Stadtteil, und eins in der Kirche des anderen Chors.

Das ist nicht unsere erste Zusammenarbeit mit diesem Chor. Für mich ist es die zweite, um genau zu sein. Vor vier Jahren haben wir gemeinsam Rutter geprobt, John Rutters Requiem. Die Generalprobe fand an einem Donnerstag statt. Der 20. November 2014. Morgens hatte ich einen Termin bei meiner Frauenärztin. Ich war nämlich plötzlich und unerwartet schwanger geworden.

Der Termin bei der Frauenärztin lief nicht so wie erwartet, und den Tag verbrachte ich mehr oder weniger weinend. Die Generalprobe wollte ich aber trotzdem nicht verpassen, und so schlug ich in der Kirche auf, bei meinem Chor und dem anderen Chor. Nur, um keinen Ton herauszubringen, ohne in Tränen auszubrechen. Zu allem Übel begann ich dann auch noch körperlich stark abzubauen und nachts fanden mein Mann und ich uns dann im Krankenhaus wieder.

In dieser Kirche, in der meine Fehlgeburt „losging“, bin ich seither nicht wieder gewesen. Gestern sprachen wir aber dann in der Chorprobe über das neue Programm, über die Noten, über Termine und Konzerte. Und ich hatte diese Kirche vor Augen. Und ich habe ungefähr eine halbe Stunde gebraucht, bis ich wieder mitsingen konnte, ohne zu weinen.

Eigentlich habe ich die Fehlgeburt gut verkraftet, denke ich. Ich meine, hallo, SSW 7. Da habe ich lange Zeit nicht mal von einer Fehlgeburt gesprochen, weil mal ehrlich, eine Geburt ist es nun wirklich nicht. Aber die Trauer, als ich mich an die konkrete Situation erinnerte, die war überraschend heftig. Es war ein sehr schwerer Moment. Ich darf traurig sein. (Stellt euch an dieser Stelle vor, wie ich meiner Therapeutin zuwinke!)

Bevor wir in der Kirche proben oder gar auftreten, sollte ich vielleicht noch mal dorthin gehen. Einfach, damit ich vernünftig singen kann, wenn es soweit ist. Vielleicht war bis dahin ja auch die ICSI (also – hoffentlich!) und vielleicht bin ich dann ja auch wieder schwanger (also – hoffentlich!). Die Generalprobe wird wieder im November sein. Vier Jahre danach. Vielleicht ja dann mit Babybäuchlein. Wir werden sehen.

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Abstand

Ich habe so viel Abstand, dass ich die aufgeregten Hibbel-Tweets anderer mit einem milde amüsierten Kopfschütteln wahrnehme. Das ist ein bisschen niedlich von mir selbst, denn: Wenn ich in der Situation bin, bin ich kaum anders.

Obwohl, ein bisschen anders bin ich inzwischen vielleicht schon. Hoffnung? Ja, bitte. Verzweiflung? Nein, danke.

Kürzlich war ich zum Hautscreening bei einer Hautärztin. Es war meine allererste Hautkrebsvorsorge – irgendwie dachte ich, mit 33 wäre es jetzt ja doch langsam mal an der Zeit. Also füllte ich brav das Formular für Erstpatienten aus, konnte mir wieder mal nicht merken, ob ich eine Schilddrüsenüber- oder unterfunktion habe (Google sagt UNTER und ich grüble noch mal ein bisschen über eine Eselsbrücke nach), und kam dann auch relativ schnell dran.

Im allgemeinen Gespräch zeigte sich die Hautärztin erst mal entsetzt, dass ich schon mal einen schweren Sonnenbrand hatte – sogar mehrere! Das wäre ja bei Kindern aus den 70ern Usus gewesen, aber in meinem Alter hätte sie in der Regel Patientinnen und Patienten, die NOCH NIE einen Sonnebrand hatten, das Bewusstsein sei da einfach gestiegen. Ähm. Echt jetzt? Noch NIE einen Sonnenbrand? Lügen die alle? Die Vorstellung kommt mir völlig absurd vor.

Wie dem auch sei, jedenfalls fragte sie mich dann, ob ich Hormone einnehme und ich berichtete wahrheitsgemäß von der Kinderwunschbehandlung. Ach ja, sagte sie, sie habe ja auch mit 38 Jahren noch ein IVF-Baby bekommen. Wir plauderten ein wenig über das Thema, wie man das eben so tut (Wo sind Sie denn in Behandlung, was wurde schon gemacht etc.) und wie ich es auch eigentlich ganz angenehm finde, wenn man mal auf jemanden trifft, der sich selbst schon mal damit befasst hat und man nicht jede Kleinigkeit erklären muss. Sie hätten jedenfalls alles selbst zahlen müssen, 15.000 Euro hätten sie ausgegeben, aber das wäre es ja jetzt im Nachhinein alles Wert gewesen.

Mehrfach hat sie dann zu mir gesagt: Da müssen Sie echt hinterher sein. Da müssen Sie sich selbst kümmern. Ein Jahr ist da so schnell vergangen. Natürlich haben Sie mit 33 da noch etwas mehr Zeit, aber die Zeit vergeht so schnell. Seien Sie da hinterher!

Es stimmt: Die Zeit vergeht schnell. Und man muss sich selbst kümmern, um so vieles. (Während ich diesen Artikel schreibe, habe ich schnell noch mal einen Termin bei der Hausärztin ausgemacht, um meinen Schilddrüsenwert zu überprüfen, der momentan zu hoch ist.) Eine Kinderwunschbehandlung ist wahrlich nichts, wo man nur den ersten Stein ins Rollen bringen muss und dann läuft es von selbst.

Weil das ganze bei mir aber gerade so surreal weit weg ist, sagte ich dann irgendwas von „Ja mal sehen, was noch so kommt“. Und das war ihr nicht konkret genug. „Nein wirklich, Sie müssen da ECHT hinterher sein, damit es weitergeht, da muss man sich echt kümmern!!!“ und ich sagte dann, dass ich mich auch mit einem Leben ohne Kind im Zweifelsfall „abfinden“ könne, um mich dann selbst zu korrigieren und das Wort in „mich damit arrangieren“ änderte. Was sie dazu brachte, den Kopf zu schütteln und grob zitiert „Nein, sagen Sie so etwas doch nicht, da muss man sich halt einfach kümmern und wenn es dann am Ende 15.000 Euro kostet, war es das doch wert“ zu sagen.

Hmm.

Erstens. Ich gebe zu, dass mein „ich könnte mich damit abfinden“ nicht positiv klang. Es war die Ermangelung eines besseren Worts, „ich könnte mich damit arrangieren“ klingt schon besser, aber ich muss da wohl wirklich mal über eine positive Wortwahl nachdenken.

Zweitens. Fünfzehntausend Euro sind eine Menge Geld. Eine MENGE. Sie ist Ärztin, ich weiß natürlich nicht, was ihr Mann macht. Aber fünfzehntausend Euro. Alter. Muss man dann halt mal in die Hand nehmen. Unser Auto hat übrigens 8.000 Euro gekostet. Das haben wir 3 Jahre lang abgezahlt.

Die letzte ICSI rückt näher, und ich bin ambivalent. Dabei habe ich keine neuen Argumente, es ist alles noch genau wie die letzten Male, so innerlich. Der Gedanke der Ungerechtigkeit kommt dazu, und der Verschwendung, wenn man es so sagen kann. Ich glaube, es wäre verschwendet, wenn ich KEINE Kinder hätte, denn ich wäre glaube ich eine gute Mutter. Naja, wer glaubt das nicht von sich. Jedenfalls, Gedanken an Fairness und Verschwendung sind irgendwie absurd, da so völlig irrelevant.

Wenn ich 15.000 Euro bezahlen müsste, um garantiert ein Kind zu bekommen – würde ich es tun? Vermutlich. Hier geht es aber immer nur um die Möglichkeit, eventuell schwanger zu werden, um dann eventuell ein gesundes Kind auf die Welt zu bringen. Würde ich dafür 15.000 Euro bezahlen? Es ist halt wie Lotto. Ich spiele übrigens kein Lotto. Aber bei Gewinnspielen, da gewinne ich recht häufig…

Wie dem auch sei, bald geht es (wenn der Schilddrüsenwert Ende der Woche okay aussieht) weiter mit ICSI Nummer Zwo, mit ICSI Nummer LAST, und das ist für mich so weit weg und das ist okay. Aber damit endgültig abzuschließen, wenn ICSI Nummer NIXGEHTMEHR erfolglos bleiben sollte, das ist sicherlich noch ein Kapitel für sich. Zum Glück haben die beste Therapeutin von allen und ich uns noch ein paar Termine aufgehoben.

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Neues Jahr, neues Glück

In den letzten zwei Jahren habe ich hier einen Jahresrückblick veröffentlicht (2016, 2015). Dieses Jahr fand ich das irgendwie witzlos. Was ist passiert 2017? Wir haben einen Antrag für die ICSI bei der Krankenkasse gestellt, dann haben wir neun Monate gewartet, hatten dann eine ICSI und das Jahr war vorbei.

Natürlich ist zwischendurch auch noch was geschehen. Die genetische Untersuchung war aber das einzige erwähnenswerte im Kinderwunschbereich, denke ich. Dennoch möchte ich eine kleine Bestandsaufnahme machen: Wo stehen wir? Wo geht es hin?

Generell habe ich einigen Menschen mittlerweile davon erzählt, dass auch die ICSI negativ ausgegangen ist. Und dass wir eine biochemische Schwangerschaft hatten – also einen positiven Test und dann doch keine Schwangerschaft. Und ich bin wirklich erstaunt von den Reaktionen. So wenig „Das tut mir Leid“ und so viel „Dann halt beim nächsten Mal“ habe ich noch nicht gehört. Was ist da los? Gewöhnungseffekt? „Das sind halt die mit den Kinderwunschbehandlungen, die machen weiter bis es klappt“? Mein Umfeld reagierte jedenfalls erstaunlich entspannt bis gelangweilt. Selbst die Schwiegermutter, die sonst SEHR emotional ist.

Für uns war die ICSI eine große Sache. Für MICH war sie das. Für alle anderen ist es glaube ich nur ein weiterer Begriff, mit dem sie trotz Erklärung nicht viel anfangen können. Für Menschen, die nicht im Thema drin sind, ist eine ICSI jetzt auch nicht spektakulär anders als eine IUI. Naja, das soll mich nicht weiter tangieren. Es ist wie es ist. Und Mitleid will ich ja eigentlich eh nicht. Dann kriege ich keins und beschwere mich auch wieder. Ist auch nicht leicht mit mir… 😉

Ich warte derweil auf den ersten Zyklustag. Nach dem Progesteron ist mein Zyklus immer recht durcheinander, ich hatte nach der ICSI gar keine richtige Menstruation, sondern nur wieder ewige Schmierblutungen – hatte ich nach der IVF aber auch schon, daher war ich nicht weiter beunruhigt. Nur macht es die Zyklusberechnung ziemlich schwer bis unmöglich. Wenn man nach meinem heutigen Körpergefühl gehen kann, steht der erste Zyklustag des nächsten Zyklus aber kurz bevor. Dann darf ich wieder in der Klinik anrufen, einen Termin für die Zyklusmitte vereinbaren, wo noch mal geschallt wird. Außerdem habe ich ja den Gesprächstermin am 22. Januar mit der Lieblingsärztin. Ich möchte mir da noch mal genau erklären lassen, was jetzt eigentlich lost ist, was los war, wieso so viele Eizellen unreif waren, und was beim nächsten Mal anders gemacht wird. Ob mein Mann dabei sein kann, ist noch fraglich. Der Termin ist nämlich um 10 Uhr. Ich habe gesagt, im Zweifel gehe ich halt allein. Ich bin eh tiefer im Thema drin. (Kleine Anekdote am Rande, ich wurde angeschaut, als wäre ich bescheuert, als ich nach einem Nachmittagstermin fragte, den um 13:45 Uhr ablehnte und fragte, ob nicht vielleicht so 16 Uhr ginge. Absurd, offensichtlich.)

Präventiv vereinbare ich dann schon mal einen Frauenarzttermin, sicherlich braucht es ein neues Abstrichergebnis, und rufe auch noch mal beim Hausarzt an, wie lange mein letztes Schilddrüsenergebnis her ist. Beides darf ja nur ein halbes (oder doch ganzes?!) Jahr alt sein. Zumindest bei HIV sollte ich dieses Mal aber abgesichert sein, das war ja erst im Oktober.

Das ist also das Vorgehen. In mir drin, wie sieht’s da aus? Ich habe neulich so gedacht: Es ist schon erstaunlich. Mir geht es ausgezeichnet. Alles ist super. Bis auf die Sache mit dem Kinderwunsch. Und der ist überhaupt nicht mehr so beherrschend. Da hat die Therapie wohl geholfen. Und die Zeit sicherlich auch. Aber irgendwie ist es inzwischen so wie zwei abgekoppelte Bereiche, einer in dem es mir gut geht und in dem anderen läuft es eben total mies, aber das ist ja ein anderes Thema, das kann ich gut ausschalten in meinem Kopf. Ansonsten läuft es echt mega. Ehe gut, Familie gut, Job okay, Innenleben top, Freizeitleben gut, Freundeskreis gut. Ich hab nicht mal gute Vorsätze gefasst, was ich sonst immer mache, weil ich mit mir selbst momentan einfach sehr zufrieden bin. Ich mag, wer ich bin und wie ich bin. Zum ersten Mal. Ich habe sogar an Weihnachten Fotos von mir gesehen und gedacht „Oh, wie hübsch ich aussehe!“ – das ist mir glaube ich noch nie passiert. Wow!

Ein erfüllter Kinderwunsch wäre also das Sahnehäubchen. The cherry on top. Das i-Tüpfelchen. Ich bin gespannt, was das Jahr bringen wird.

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Glühwein, 30 Prozent, Weihnachten.

Es ist Weihnachten. Fast. Oder doch schon ganz, wie man es nimmt. Es ist halb eins, also ist im Prinzip schon der 24. Dezember. Mein Mann ist bei einem Freund, ich habe den Abend damit verbracht, Geschenke Wfür ihn einzupacken, das Roastbeef für morgen sanft mit Gewürzen einzureiben, am Advents-Fotoalbum zu basteln, zwei Serienfolgen anzusehen und Glühwein zu trinken. Eine Tasse hatte ich schon gestern Abend, den Rest habe ich heute vernichtet.

Seit dem Ende unseres ICSI-Abenteuers trinke ich wieder Alkohol – gern auch mal zu viel Alkohl – und denke dabei: Wer, wenn nicht ich. Wann, wenn nicht jetzt.

Ich habe keine aufgeregten Kinder, die heute Abend nicht einschlafen können. Ich habe: einen Berg von Geschenken unter dem Baum, für Nichten, Neffen, Schwiegereltern, Eltern, Schwägerinnen, Schwäger (Schwager?). Geschenke für meinen Mann. Einen wun-der-schönen Baum. Zeit für mich. Ich habe Glühwein und Serienzeit. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich zu viele Geschenke für die Kinder habe.

Ich weiß nicht genau, weshalb ich diesen Beitrag angefangen habe, denn nun muss ich weinen.

Ich habe: ein weiteres Jahr im Status Quo. Es nutzt nicht mal was, einen Kinderwunsch-Jahresrückblick zu schreiben, weil so wenig passiert ist. Danke, MdK. Aber nächstes Jahr wird nun definitiv unser letztes Kinderwunsch-Jahr. Eine ICSI noch. Ich weiß gerade wirklich nicht, wie es mir damit geht. Kryo-Behandlungen? Ich glaube nicht mehr dran.

Immer der Gedanke an Dr. M., der mir beim letzten Ultraschall sagte: „Nach einer biochemischen Schwangerschaft ist die Wahrscheinlichkeit, bei einer weiteren ICSI schwanger zu werden, stark gestiegen. Sie liegt dann bei 30 Prozent.“ DREISSIG PROZENT are you fucking kidding me? Das habe ich nicht mal meinem Mann erzählt, weil es mich SO entmutigt hat. Die Zahlen von der zweiten, dritten ICSI habe ich mir nicht gemerkt, weil mein Kopf die 30% noch nicht verarbeitet hatte und wir keine ICSIs nach der nächsten haben werden. Und ja, das ist ein Schlussstrich, den wir uns selbst gezogen haben. Aber er macht ja Sinn. Das weiß ich sicher morgen früh wieder. Wenn der Glühweinnebel, das Selbstmitleid und die überemotionale Stimmung sich verzogen haben.

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Erste ICSI: Termine, Organisation, Gefühle in GIFs und all so etwas.

In den letzten Tagen – Wochen? – habe ich mich eher zurückgehalten. Mein letzter Beitrag war schon über die Kinderwunschklinik und wie genervt ich war. Da hatte ich also keine News, außer: Sie haben sich noch ein paar organisatorische Klöpse geleistet, und ich werde dennoch die Klinik nicht wechseln (sagt es also gar nicht erst), aber nach jeden Kontakt sah ich wieder ungefähr so aus:

Gestern hatte ich dann endlich Post von ihnen und die ließ mich in etwa so zurück, nachdem ich den Brief gelesen hatte:

Aber nun denn, ich habe es überstanden. Jetzt, nur einen Anruf später, habe ich alle Infos, die ich soweit brauche. Der Zeitplan sieht vor, dass ich am Montag mit dem Nasenspray anfange (ich freue mich schon so… NICHT! Synarela ist des Teufels!) und am 13.11. zum ersten Ultraschall in die Klinik kommen darf. Wenn alles so läuft wie letztes Mal, wäre dann also Ende November die Punktion.

Passt so… mittel in den Kram. Der Gatte beklagt sich, er hat wenige Tage vorher einen Abteilungsausflug und will eigentlich Alkohol trinken. Ich denke mir „Reiß dich zusammen und schluck diese eine Kröte“, denn irgendwie passt es ja immer nicht so richtig. Ich persönlich habe eine Fahrt zur besten Freundin in der Zeit geplant und schon ein Zugticket gekauft – wenn alles GENAU SO läuft wie beim letzten Mal, klappt das, aber falls es einen Tick schneller geht, wird es schwierig. Na mal sehen. Ich gucke mir alles momentan eigentlich nur so an und lasse es geschehen:

Ich bin nicht aufgeregt, ich habe keine Hoffnungen, ich habe so gar nicht besonders viele Gefühle. Ich weiß nicht, ob ich mir wirklich noch eine Schwangerschaft erhoffe oder ob ich das halt jetzt so durchlaufen lasse, weil man es eben bis zum Ende durchzieht. Was ich weiß ist, dass ich seit dem genehmigten Behandlungsplan wieder depressive Symptome habe, zum Glück nicht sehr oft, aber diese Tage sind schwierig. Letzten Endes ist diese ganze Sache mit dem Leben einfach wahnsinnig anstrengend und viel zu viel Arbeit. Keine Ahnung, ob es das Wert ist. Und fangt mir gar nicht erst an mit den Gedanken, die ich mir mache für den Fall, dass die Behandlung klappen sollte. Das wird eine Katastrophe. Alles ist eine Katastrophe.

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Organisieren, planen, vorbereiten.

Heute ist Montag. Donnerstag habe ich die Info bekommen, dass die ICSI genehmigt ist. Seither bin ich beschäftigt.

Die Kinderwunschklinik teilte mir mit, welche Werte sie benötigen: TSH, Krebsvorsorge, HIV, Hepatitis B und C. TSH und Krebsvorsorge habe ich noch im Januar gemacht, die anderen brauchte ich neu. Also war ich heute früh beim Hausarzt zur Blutabnahme. Prompt hat die Dame dort vergessen, mich für diese Igel-Leistung (ja ich weiß, dass das sprachlich doppelt gemoppelt ist) unterschreiben zu lassen, also muss ich noch mal hin. Dann muss ich noch zum Frauenarzt fahren, eine Überweisung und die Werte der Krebsvorsorge holen (das mache ich aber wohl erst im Oktober, sonst ist die Überweisung etwas überflüssig).

Mein Mann benötigt ein neues Spermiogramm, dafür hat er aber erst am 12. Oktober einen Termin bekommen.

Und ich? Bin gestresst hoch zehn, weil ich dauernd an alles denken muss. Dabei ist es objektiv betrachtet gar nicht so viel.

Aber auch die mangelnde Planbarkeit lässt meinen Blutdruck hochschnellen. Wann geht’s genau los, wie geht’s los, passt das alles mit meinem Kurztrip im November, mit dem Urlaub des Kollegen? Ich hätte gern jetzt schon feste Daten, obwohl ich weiß, dass das nicht geht.

Ich bin nicht, wie sonst oft, voller Tatendrang und Motivation, die Punkte auf der Liste abzuhaken, sondern fühle mich völlig erschlagen. Dabei sollte ich doch froh sein, dass es jetzt weitergeht. Jedenfalls merke ich ziemlich gut, dass das Kinderwunsch-Thema mich stark belastet. Und damit meine ich nicht den Kinderwunsch an sich, sondern das ganze Drumherum. Ich werde, ganz ungeachtet des Ergebnisses, SO unfassbar froh sein, wenn der Zirkus ein Ende hat.