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Abstand

Ich habe so viel Abstand, dass ich die aufgeregten Hibbel-Tweets anderer mit einem milde amüsierten Kopfschütteln wahrnehme. Das ist ein bisschen niedlich von mir selbst, denn: Wenn ich in der Situation bin, bin ich kaum anders.

Obwohl, ein bisschen anders bin ich inzwischen vielleicht schon. Hoffnung? Ja, bitte. Verzweiflung? Nein, danke.

Kürzlich war ich zum Hautscreening bei einer Hautärztin. Es war meine allererste Hautkrebsvorsorge – irgendwie dachte ich, mit 33 wäre es jetzt ja doch langsam mal an der Zeit. Also füllte ich brav das Formular für Erstpatienten aus, konnte mir wieder mal nicht merken, ob ich eine Schilddrüsenüber- oder unterfunktion habe (Google sagt UNTER und ich grüble noch mal ein bisschen über eine Eselsbrücke nach), und kam dann auch relativ schnell dran.

Im allgemeinen Gespräch zeigte sich die Hautärztin erst mal entsetzt, dass ich schon mal einen schweren Sonnenbrand hatte – sogar mehrere! Das wäre ja bei Kindern aus den 70ern Usus gewesen, aber in meinem Alter hätte sie in der Regel Patientinnen und Patienten, die NOCH NIE einen Sonnebrand hatten, das Bewusstsein sei da einfach gestiegen. Ähm. Echt jetzt? Noch NIE einen Sonnenbrand? Lügen die alle? Die Vorstellung kommt mir völlig absurd vor.

Wie dem auch sei, jedenfalls fragte sie mich dann, ob ich Hormone einnehme und ich berichtete wahrheitsgemäß von der Kinderwunschbehandlung. Ach ja, sagte sie, sie habe ja auch mit 38 Jahren noch ein IVF-Baby bekommen. Wir plauderten ein wenig über das Thema, wie man das eben so tut (Wo sind Sie denn in Behandlung, was wurde schon gemacht etc.) und wie ich es auch eigentlich ganz angenehm finde, wenn man mal auf jemanden trifft, der sich selbst schon mal damit befasst hat und man nicht jede Kleinigkeit erklären muss. Sie hätten jedenfalls alles selbst zahlen müssen, 15.000 Euro hätten sie ausgegeben, aber das wäre es ja jetzt im Nachhinein alles Wert gewesen.

Mehrfach hat sie dann zu mir gesagt: Da müssen Sie echt hinterher sein. Da müssen Sie sich selbst kümmern. Ein Jahr ist da so schnell vergangen. Natürlich haben Sie mit 33 da noch etwas mehr Zeit, aber die Zeit vergeht so schnell. Seien Sie da hinterher!

Es stimmt: Die Zeit vergeht schnell. Und man muss sich selbst kümmern, um so vieles. (Während ich diesen Artikel schreibe, habe ich schnell noch mal einen Termin bei der Hausärztin ausgemacht, um meinen Schilddrüsenwert zu überprüfen, der momentan zu hoch ist.) Eine Kinderwunschbehandlung ist wahrlich nichts, wo man nur den ersten Stein ins Rollen bringen muss und dann läuft es von selbst.

Weil das ganze bei mir aber gerade so surreal weit weg ist, sagte ich dann irgendwas von „Ja mal sehen, was noch so kommt“. Und das war ihr nicht konkret genug. „Nein wirklich, Sie müssen da ECHT hinterher sein, damit es weitergeht, da muss man sich echt kümmern!!!“ und ich sagte dann, dass ich mich auch mit einem Leben ohne Kind im Zweifelsfall „abfinden“ könne, um mich dann selbst zu korrigieren und das Wort in „mich damit arrangieren“ änderte. Was sie dazu brachte, den Kopf zu schütteln und grob zitiert „Nein, sagen Sie so etwas doch nicht, da muss man sich halt einfach kümmern und wenn es dann am Ende 15.000 Euro kostet, war es das doch wert“ zu sagen.

Hmm.

Erstens. Ich gebe zu, dass mein „ich könnte mich damit abfinden“ nicht positiv klang. Es war die Ermangelung eines besseren Worts, „ich könnte mich damit arrangieren“ klingt schon besser, aber ich muss da wohl wirklich mal über eine positive Wortwahl nachdenken.

Zweitens. Fünfzehntausend Euro sind eine Menge Geld. Eine MENGE. Sie ist Ärztin, ich weiß natürlich nicht, was ihr Mann macht. Aber fünfzehntausend Euro. Alter. Muss man dann halt mal in die Hand nehmen. Unser Auto hat übrigens 8.000 Euro gekostet. Das haben wir 3 Jahre lang abgezahlt.

Die letzte ICSI rückt näher, und ich bin ambivalent. Dabei habe ich keine neuen Argumente, es ist alles noch genau wie die letzten Male, so innerlich. Der Gedanke der Ungerechtigkeit kommt dazu, und der Verschwendung, wenn man es so sagen kann. Ich glaube, es wäre verschwendet, wenn ich KEINE Kinder hätte, denn ich wäre glaube ich eine gute Mutter. Naja, wer glaubt das nicht von sich. Jedenfalls, Gedanken an Fairness und Verschwendung sind irgendwie absurd, da so völlig irrelevant.

Wenn ich 15.000 Euro bezahlen müsste, um garantiert ein Kind zu bekommen – würde ich es tun? Vermutlich. Hier geht es aber immer nur um die Möglichkeit, eventuell schwanger zu werden, um dann eventuell ein gesundes Kind auf die Welt zu bringen. Würde ich dafür 15.000 Euro bezahlen? Es ist halt wie Lotto. Ich spiele übrigens kein Lotto. Aber bei Gewinnspielen, da gewinne ich recht häufig…

Wie dem auch sei, bald geht es (wenn der Schilddrüsenwert Ende der Woche okay aussieht) weiter mit ICSI Nummer Zwo, mit ICSI Nummer LAST, und das ist für mich so weit weg und das ist okay. Aber damit endgültig abzuschließen, wenn ICSI Nummer NIXGEHTMEHR erfolglos bleiben sollte, das ist sicherlich noch ein Kapitel für sich. Zum Glück haben die beste Therapeutin von allen und ich uns noch ein paar Termine aufgehoben.

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Die ICSI in GIFs: Siebenundzwanzig.

Den ganzen Vormittag nach der Blutabnahme am Morgen kaute ich an den Nägeln. Metaphorisch gesprochen natürlich nur. Ich war froh über die Ablenkung durch den Blogpost, und durch die Arbeit, aber ich konnte mich nur schwer konzentrieren.

Je näher die Anrufzeit rückte, desto mehr schlug mein Bauch Purzelbäume. Vorher musste ich noch die Mittagspause mit meinen Kollegen überstehen und auch noch etwas essen, obwohl mir schlecht vor Aufregung war. Naja, ich habe die Zeit rumgekriegt…

Dann war es soweit. Ich ging dieses Mal nach draußen zum Telefonieren, unter der Entschuldigung, ich müsse kurz zum Supermarkt. Da stand ich nun im tiefsten Schneetreiben… Erst mal war besetzt. Beim zweiten Versuch kam ich zum Glück aber schon durch.

Das Ergebnis, zusammengefasst: Der hCG-Wert liegt bei 27. „Da hat sich definitiv etwas getan bei Ihnen, aber wir wissen nicht genau, was.“ Der Wert ist sehr niedrig. SEHR niedrig. Es kann alles oder nichts bedeuten… Daher soll ich jetzt meine Medikamente (Utrogest und Clexane) weiternehmen und am Freitag wieder zur Blutabnahme kommen. Am FREITAG!

Normalerweise müsste ich sogar erst in einer Woche wiederkommen, aber da haben sie schon geschlossen für die Weihnachtszeit. D.h., ich sollte direkt noch einen Termin für die nächste Woche bei meinem Frauenarzt vereinbaren. Da werde ich nachher noch anrufen, da die über Mittag geschlossen haben. Was genau die tun sollen, hängt dann wahrscheinlich vom Ergebnis am Freitag ab. Außerdem soll ich eher reinkommen, sollte ich eine Blutung bekommen.

Tja, und nun? Weiß ich genau so viel wie vorher. Da ist eine Linie, aber sie ist sehr schwach. Da ist ein hCG-Wert, aber er liegt bei siebenundzwanzig.  Was nun? Mehr Tests machen? Geduldig abwarten (hahahaha)? Wie wild im Internet recherchieren? Was ich nicht tun sollte, aber vermutlich gleich nach dem Absenden dieses Beitrags meine Reaktion sein wird. Nicht, dass es helfen würde. Aber es ignorieren schaffe ich vermutlich auch nicht.

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Die ICSI in GIFs: Der erste Test

Gestern war es soweit. Nach euren zahlreichen Kommentaren habe ich dem Frühtesten erfolgreich widerstanden, auch wenn ich wahnsinnig neugierig und optimistisch war. Letzten Endes war es wahrscheinlich besser so, ich hätte mich nur verrückt gemacht. Aber jede hat wohl mal so Anfälle. 😉

Nun war es aber nicht mehr abzuwenden, der Bluttest stand für Montagmorgen an, also war Sonntagabend Test-Zeit. Als ich Sonntag aufstand, stellte ich fest: Schmierblutungen. Oh nein! Natürlich rechnete ich gleich mit dem schlimmsten. Andererseits WEISS ich natürlich, dass Schmierblutungen gar nichts heißen müssen. Aber trotzdem. Anders als sonst allerdings: Ich habe noch NIE Blut unter der Einnahme von Utrogest gesehen, und das ist immerhin mein *rechne* 8. Mal mit Utrogest? Oh Mann, ich habe tatsächlich den Überblick über die Behandlungen verloren.

Ich war also hin- und hergerissen, mein Optimismus war aber gleichzeitig wie weggeblasen. Twitter hat mich dann wieder etwas beruhigen können. Vorher hatte ich SO ein gutes Gefühl, und das ist ja eher selten bei mir. Die letzten Male hatte ich in der Regel einfach überhaupt kein Gefühl. Aber natürlich weiß ich, dass ich mir alle Anzeichen auch eingebildet haben kann.

Der Sonntag war dann ein vollgepackter Tag. Morgens war ich noch bei meinen Eltern, dann musste ich rund 100 Kilometer über die verschneiten und ungeräumten Autobahnen heimfahren (immerhin war hier höchste Konzentration gefordert und ich hatte keine Zeit, mir Gedanken zu machen. Nachmittags war ich mit einer Freundin verabredet, wir wollten über den Weihnachtsmarkt schlendern und später war dort auch noch großes Adventsliedersingen in der Stadt.

Auf dem Weg kamen wir an einer Kirche vorbei, in der eine Art Kunstinstallation stattfand. Da es stark schneite, haben wir uns diese Möglichkeit zum Aufwärmen nicht nehmen lassen. Und dann habe ich nicht nur eine, sondern gleich zwei Kerzen angezündet. Eine für Karlheinz, und eine für Kunigunde.

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Als ich dann durchgefroren später wieder zu Hause war, konnte ich es nicht länger vor mir herschieben. Der Test. Uaaaah. Ich wollte gar nicht mehr. Der Moment vor dem Test ist immer echt schlimm, finde ich. Solange ich nichts weiß, kann ich hoffen. Die Wahrheit? Pfff. „Ich warte einfach neun Monate ab und guck was passiert“, schlug ich meinem Mann vor. Der war dagegen.

Es nützt ja alles nichts. Also los. Einen Geratherm habe ich verwendet. Und nach drei Minuten, die mein Mann und ich nervös auf dem Sofa saßen, schauten wir drauf. Und sahen: Nichts. Auch bei besserem Licht in der Küche nicht.

„Wie überraschend“, verfiel ich in meinen üblichen Zynismus bei solcher Gelegenheit. Mein Mann nahm mich in den Arm, ich weinte ein bisschen… Was man so macht, wenn man schon etwas Übung mit solchen Ergebnissen hat. Dann beschloss ich, duschen zu gehen (man erinnere sich, durchgefroren und so), und warf noch mal einen Blick auf den Test. UND DA WAR WAS.

Ich rief den Mann zurück, der unsicher war. Wir waren jetzt beide unsicher… Aber definitiv war da ein STRICH auf dem Test und er wurde immer stärker. Insgesamt immer noch nicht STARK, aber stärker als halt „gar nicht“. Natürlich habe ich fotografiert! 😉 Nach fünf Minuten:

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Und nach ungefähr zehn Minuten:

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Ähm. Und jetzt? Uaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!!!!!!! Wir haben also einen Test, der spät anschlägt und ziemlich schwach ist, aber wie ich ja gelernt habe, eine Linie ist eine Linie ist eine Linie und DA IST EINE LINIE.

Ich kann es nicht glauben, und ich kann auch nicht wirklich positiv sein, weil ich viel zu viel Angst habe. Heute früh war ich dann beim Bluttest, und jetzt muss ich mal wiiiieder abwarten. In diesem Fall darf ich zwischen 13 und 14 Uhr anrufen. Wie soll ich das aushalten?

Und JETZT SCHON mache ich mir Sorgen um alles mögliche, um die berühmten ersten 12 Wochen, ich denke an meine erste Schwangerschaft, was mache ich falsch, neulich hatte ich den Fuß vom Neffen im Bauch, war das gefährlich, was muss ich beachten, was kann alles passieren, alles kann passieren, OH MEIN GOTT BIN ICH SCHWANGER ODER WAS?!?!?!?!?

Oh Gott. Und das, bevor ich ein definitives Ergebnis habe. Diese Zeit wird nicht leicht, ich merke es jetzt schon. Du liebes bisschen. Oh mein Gott. ICH BIN VIELLEICHT SCHWANGER!!!!!!! Naja. Vielleicht. Noch vier Stunden. Dann weiß ich mehr.

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Und? Wann kommt der Nachwuchs? – Kinderlosigkeit in der Gesellschaft

Heute spülte mir Facebook einen Artikel aus der Zeit in die Timeline: „Warum gilt es als Abweichung, dass ich keine Kinder habe?“* Darin wird Frau Schehl, eine 44jährige Unternehmerin, interviewt, die keine Kinder hat – und auch nie welche wollte.  Damit unterscheidet sich, obwohl nach außen hin ähnlich, ihre Situation stark von der, in der wir in unserer kleinen Kinderwunsch-Filterblase hier stecken. Dennoch denke ich, dass man von außen durchaus ähnlich wahrgenommen wird, zumal viele von uns nicht öffentlich über die konkreten Gründe ihrer Kinderlosigkeit sprechen. Tabus und so… Daher lese ich solche Artikel eigentlich immer gern – es ist interessant, über ein kinderfreies Leben zu lesen, macht mir teilweise Mut und natürlich finde ich es auch wichtig, das Thema in den Medien präsent zu haben und zu zeigen, dass es eben nicht nur das Leben mit Kindern gibt.

Natürlich ist es dabei nicht unwichtig, zwischen gewollter und ungewollter Kinderlosigkeit zu unterscheiden. Letzten Endes leiden wir alle unter der Gesellschaft und ihren Fragen und Erwartungen. Auf der einen Seite die, die wollen, aber nicht können; meist bekommen wir Verständnis, wenn wir das „offenlegen“, aber auch jede Menge überflüssiger Ratschläge, Unterstellungen, Halbwissen und – das mag ich persönlich auch nicht wirklich gern – Mitleid („Du Arme, das könnte ich nicht“). Die gewollt Kinderlosen bekommen hingegen Vorwürfe (Egoismus, Karriere-Geilheit, und natürlich die Unterstellung, dass sie es sich sicherlich noch anders überlegen werden, sofern sie noch jung genug sind). Beiden Gruppen gleich die Erfahrung: Nicht mitreden zu können und immer wieder zu hören „Das versteht man nur, wenn man Kinder hat“, „Dazu kannst du nichts sagen“ bzw. in seiner Meinung nicht ernst genommen werden (dazu hat Helge mal einen tollen Post geschrieben), „So eine Liebe können nur Eltern fühlen“, „Erst mit Kindern ist das Leben komplett“ oder auch „Ohne Kinder bist du keine richtige Frau“ (WTF?!). Die Haustiere werden als Kinder-Ersatz betrachtet (als ob Eltern mit Kindern keine Tiere hätten?) und das wird lächerlich gemacht; und selbstverständlich ist man als Paar ohne Kinder auch niemals eine Familie, sondern immer nur ein Paar.

Besonders schön finde ich das Zitat aus diesem Artikel (aus der Huffington Post, leider schlecht übersetzt), in dem es um Dinge geht, die kinderlose Frauen – egal aus welchem Grund – Menschen mit Kindern sagen möchten:

Wenn ich herausfinde, dass jemand Kinder hat, frage ich auch nicht ‚Warum?‘

Ich glaube, das probiere ich beim nächsten Mal aus. Wenn jemand fragt, warum ich keine Kinder habe, frage ich zurück: „Und? Warum hast du welche?“ Das wird nämlich nie in Frage gestellt. Dass Frauen Kinder wollen (und haben!), ist der Normalzustand. So ein Blödsinn. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass kein Kinderwunsch so sehr durchdacht ist wie der unerfüllte. Die Frau, die keine Kinder möchte, hat sicherlich darüber nachgedacht und sich bewusst entschieden – schließlich wird sie, siehe oben, oft genug damit konfrontiert. Die Frau, die Kinder möchte, aber nicht „automatisch“ bekommt, wird ebenfalls darüber nachgedacht haben. Wie oft lese ich, wie wir uns mit Entscheidungen herumquälen. Noch eine Behandlung oder nicht? Adoption oder nicht? Wohingegen viele Menschen Kinder bekommen, „weil es halt dazugehört“. Und ohne groß einen Grund dafür zu haben. Müssen die sich rechtfertigen? Nein. (Ab einer bestimmten Anzahl Kinder dann doch wieder… Aber das ist eine andere Geschichte.)

Immerhin: Es gibt auch Gebiete, wo mich niemand aufs Thema Kinder anspricht. Im Büro zum Beispiel. Hier habe ich exakt eine Kollegin, die Kinder hat. Die übrigen 5 im Team sind ebenfalls kinderlos. Männer wie Frauen, jüngere wie ältere Menschen. Die Gründe dafür kenne ich nicht – ich würde auch niemals danach fragen. Dafür würde ich auch nie von der Kinderwunschbehandlung erzählen, solange diese nicht abgeschlossen ist. Schließlich gehört das Kinderkriegen in der Gesellschaft dazu – außer beim Arbeitgeber, wo es nicht gern gesehen wird und man diesbezügliche Planungen lieber geheimhält, bis es geklappt hat. Schon irgendwie schizophren, oder?


* Kleiner Disclaimer: Beinahe hätte ich den Artikel nicht zu Ende gelesen, nämlich als ich an diesem Satz vorbeikam, den ich sehr verletztend formuliert fand: „Ja, du bist gerührt, dir gibt das was, aber du setzt dich dann wieder hin und führst eine Unterhaltung weiter, du bist nicht bitter und rennst in eine Hormontherapie.“ Muss man jetzt echt die beiden Arten von Kinderlosigkeit gegeneinander ausspielen? Wir sind nicht alle verbittert und „rennen in eine Hormontherapie“, WTF?

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Der Kinderwunsch und die Zeit.

Eine Sache, die so eine Kinderwunschbehandlung so mit sich bringt, ist ja: Zeit. Wir alle wissen, wie man wartet, wir sind geübt darin. Womit ich nicht gerechnet habe, sind die Entwicklungen, die man in dieser Zeit durchmacht. Und natürlich ist es eigentlich gut, dass ich nicht mehr die gleiche Person wie vor vier Jahren bin, und es ist auch völlig einleuchtend, dass die Zeit, die Behandlung, die Sorgen und die Gedanken mich verändern.

Und vermutlich ist es eigentlich wünschens- und lobenswert, dass ich meinen Kinderwunsch regelmäßig überdenke und neu bewerte. Hätte mich jemand vor vier Jahren gefragt, wie stark er ist, hätte ich gesagt: Unmessbar. Ich war bereit, mich von meinem Mann zu trennen, der Gedanke an ein kinderloses Leben stürzte mich in die allertiefste Verzweiflung. Ich durfte mir das Leben ohne Kinder nicht allzu genau vorstellen, denn dieser Gedanke war der einzige, der in meinem Leben wirklich und wahrhaftig kurzzeitig Suizidgedanken weckte, und das hat mich so unfassbar erschreckt, dass ich den Gedanken weit, weit, weit fort von mir geschoben habe.

Mit der Zeit wurde der Gedanke erträglicher. Vermutlich ist das gesund. Nur bin ich jetzt, kurz vor den letzten Behandlungen, an dem Punkt angelangt, an dem mir ein Leben ohne Kinder fast genauso erstrebenswert wie eines mit Kindern erscheint. Weil ich die vielen negativen Aspekte, die das Leben mit Kindern mit sich bringt, sehe. Weil ich auf Twitter und im Familien- und Freundeskreis sehe, welche Anstrengungen, Einschränkungen das Familienleben mit Kindern so bringt. Weil ich zu schätzen weiß, was wir haben.

Mir war immer klar, mein ganzes Leben lang, dass ich einmal Kinder haben würde. Ob nun leibliche oder adoptierte. Mittlerweile denke ich beim Thema Adoption, auf das man ja doch öfter mal angesprochen wird: Och nö. So eine Anstrengung. So ein Aufwand. So viel Bürokratie und keine Garantie auf Erfolg, mal wieder.

Ich denke bei der Vorstellung eines Lebens mit Kindern: Und wie machen wir das mit der Arbeit. Was ist mit meiner Rente, wenn ich Teilzeit arbeite. Würde mein Mann so mitziehen, wie ich mir das vorstelle. Würde unsere Ehe das aushalten, die ständige Übermüdung und den Stress im Alltag. Würde ich meinen Job wechseln? Ich überlege, meinen Job zu wechseln, und bleibe derweil der Sicherheit wegen (und weil ich nicht weiß, was ich tun möchte, hüstel). Man sollte vermutlich auch den Job wechseln, wenn man unglücklich dort ist, wenn man ein Kind hat. Mutter zu sein ist nicht mehr meine Berufung. Zuvor dachte ich „Ich halte das aus, ist ja nur zum Geldverdienen.“ Mein Job ist nicht schlimm, aber halt auch nicht erfüllend. Meine Theorie war immer, dass der Job nicht erfüllen muss – das macht das restliche Leben. Ich weiß nicht, ob ich das noch so sehe.

Es wäre so einfach gewesen, vor vier Jahren einfach schwanger zu werden. Ich wäre so glücklich gewesen, die meisten der letzten vier Jahre. Es war alles, was ich wollte. Alles wäre nach Plan gelaufen. Ob ich es bereut hätte, Stichwort „Regretting Motherhood“? Über die negativen Seiten habe ich mir damals noch keine Gedanken gemacht. Jetzt? Ich bin so unsicher. Natürlich werden wir trotzdem weitermachen. Aufhören ist einfach keine Option, bis wir nicht wenigstens eine ICSI probiert haben. Mein Argument ist dabei gern „Hinterher würden wir es bereuen, es nicht wenigstens versucht zu haben.“ Aber der Gedanke an eine Schwangerschaft löst in mir mittlerweile eine Heidenangst aus.

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Happy Anniversary, Kinderwunsch!

„Besondere Fähigkeiten: Warten.“ Das kann ich wohl bei meiner nächsten Bewerbung in den Lebenslauf schreiben. Oder fällt das unter Hobbys? Lesen, Nähen, Warten. Kann ich.

Der Widerspruch ist seit Anfang April bei der Krankenkasse. Wir haben bisher nichts gehört. Naja, doch, eine Empfangsbestätigung hatten wir im Briefkasten. Ich habe mich nicht getraut, den Brief zu öffnen – mein Mann musste das machen, als er von der Arbeit heimkam. Heute habe ich gegoogelt, welche Fristen für Widersprüche gelten. Siehe da: Die Krankenkasse hat hochoffiziell drei Monate Zeit, auf den Widerspruch zu reagieren. Puh. Nur gut, dass wir den ersten Monat schon fast geschafft haben. Wenn ich auf den Kalender schaue, sind es auch eigentlich erst zweieinhalb Wochen. Mir kommt es vor wie eine kleine Ewigkeit.

Aber das ist momentan sowieso egal, denn: Ich warte. Dieses Mal auf meine Periode. Nach dem zweiten Pillenzyklus hatte ich recht heftige Schmierblutungen, fast eine Woche lang, aber keine richtige Blutung. Laut meiner App bin ich jetzt somit bei Zyklustag 55. Oder, wie sie es ausrechnet: Kurz vor meiner Periode, wenn ich die Zwischenblutung als Mens betrachte. Gucken wir mal. Ungewöhnlich ist es allemal, aber ich will mir nicht übermäßig Sorgen machen. (Dass ich schwanger sein könnte, halte ich übrigens für ausgeschlossen – das wäre der Witz des Jahrhunderts, wenn ich ausgerechnet in einem Pillenzyklus schwanger geworden wäre!) Ich hoffe nur, dass es bald mal soweit ist und ich darüber nicht weiter nachdenken muss.

Morgen ist unser vierter Hochzeitstag. Die gefürchteten vier Jahre sind somit erreicht. Vier Jahre, so lang hat meine Mutter gebraucht, um schwanger zu werden. Das weiß ich schon lang. Zu Beginn kam es mir absurd vor. Später wurde es mein Schreckgespenst – um Himmels willen, VIER JAHRE! Jetzt ist es soweit. Die Zeit vergeht einfach. Das ist traurig, und in diesen vier Jahren ist viel passiert, was mich traurig macht. Andererseits ist es eben das Leben. Wir versuchen, das beste draus zu machen, und wurschteln uns so durch. Ich glaube, so geht es jedem. Die vielen „Was wäre gewesen, wenn…“ spiele ich nicht mehr im Kopf durch. Ich liege nachts nicht mehr im Bett und stelle mir vor, wie es wäre, wenn ein Baby da ist. Dann würde ich wohl auch verrückt werden.

Vier Jahre also. Nichts, womit ich jemals gerechnet hätte. Mal sehen, ob uns das fünfte Jahr mehr Glück bringt.

6

Schwangerschaften rundherum

Meine Filterblase ist schwanger! Links, rechts, geradeaus. Egal wohin ich schaue, sehe ich Schwangerschaften. Eine gute Freundin habe ich am letzten Wochenende im betrunkenen Kopf dazu gedrängt, es mir doch endlich zu verraten. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen – selbst ihre Familie weiß es noch nicht und sie hatten es selbst erst am Vortag erfahren. Aber es war einfach zu auffällig: Das sie beim Essen nichts getrunken hat und das mit Fastenzeit/Diät begründet hat, ok. Aber als sie dann selbst vom Tiramisu nichts aß, war ich mir sicher. Tja, und so war es dann auch.

Heute verkündete eine weitere Bekannte, dass sie im September Mama wird (ich hatte sie ohnehin schon als „nächste“ auf der Wahrscheinlichkeitsliste). Die dritte Freundin postet jede Woche ihre Bilder zum „Dickbauchdienstag“ auf Instagram. In meinem „Internetleben“ gibt es auch noch einige Schwangerschaften, von denen ich glücklicherweise nicht so viel mitbekomme. Ja, ich gebe zu, manchmal entfolge ich auch aus diesem Grund, wenn man sich anderweitig ohnehin nicht kennt.

Bei der oben genannten Freundin hat es im allerersten Versuch geklappt. Die zweite Bekannte schrieb, sie hätte nicht damit gerechnet, dass ihre Wünsche für 2017 so schnell in Erfüllung gehen. Die dritte Freundin, die jetzt schon in der 36. Woche ist, hat ungefähr ein Vierteljahr gebraucht.

Der Mann sagt, es macht ihm nichts aus, wenn es bei anderen schneller geht. Und natürlich hat er vom Kopf her ja auch Recht. Es macht für uns keinen Unterschied. Ändert nichts an meinem Neid und Selbstmitleid. Dabei muss man mit den Vergleichen aufhören, um nicht verrückt zu werden. Wir sind wir, und die sind die.

Also, was passiert im Hause „Wir“? Der Widerspruch gegen den Entscheid der Krankenkasse läuft, wir warten auf Rückmeldung. Wir sind ein bisschen emotional geworden im Anschreiben – mir war es erst etwas unangenehm, aber wie ich schon auf Twitter las und der Mann auch noch mal bekräftigte: Was haben wir zu verlieren? Möglich, dass der Krankenkassenmensch sich über unseren Brief kaputtlacht. Oder den Kopf schüttelt darüber, dass wir ihn anbetteln. Mir egal, ich bin da nicht dabei, ich bekomme es nicht mit und rechne damit, dass er offiziell angemessen und seriös reagieren wird. Und wenn die Chance besteht, dass es ihn doch irgendwie dazu bewegt, zuzustimmen, dann nutzen wir die auch.

Sonst so? Nach meinem Pillenzyklus im März habe ich meine Tage nicht bekommen. Ich hatte eine Woche Schmierblutungen und das war’s. Ab und zu piekst es etwas im Unterleib, aber nichts passiert. In winzigen Millisekunden denkt mein Kopf, das könnte vielleicht bedeuten, dass ich schwanger bin. Die Tatsache, dass ich in dem fraglichen Zyklus a) die Pille genommen habe, wir b) im entsprechnenden Zeitfenster höchstwahrscheinlich nicht „aktiv“ waren und c) eine Kinderwunschgeschichte von mittlerweile 4 Jahren halten mich davon ab, dieser Millisekunde auch nur den Hauch einer Beachtung zu schenken. Es ist Quatsch, aber ich frage mich trotzdem, was da los ist und ob ich mal zum Arzt gehen sollte, oder ob die Schmierblutung die reguläre Blutung ersetzt hat. Ansonsten wäre ich jetzt nämlich an Zyklustag 48, WTF?!

Ich bin wieder mit dem Abnehmen angefangen. Wenn ich jetzt erst einmal sowieso keine ICSI machen kann, kann ich mich auch eben um die letzten 5-6 Kilo kümmern, für die ich im letzten halben Jahr keinen Kopf hatte. Ich mache wieder meine 10.000 Schritte am Tag und zähle Kalorien. Erstaunlich, wie leicht das eigentlich ist. Außerdem nähe ich neuerdings Babykleidung. Ich möchte meine Stoffvorräte aufbrauchen und die minifuzzi T-Shirts etc. eignen sich super für Reste. Genug Schwangere in der Umgebung, die ich damit beschenken kann, habe ich ja. Erster Plan: Der überredeten Freundin ein Shirt nähen und eine Karte schreiben, auf der ich mich fürs Überreden entschuldige. Ich weiß ja eigentlich selbst, wie blöd das ist.