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Und? Wann kommt der Nachwuchs? – Kinderlosigkeit in der Gesellschaft

Heute spülte mir Facebook einen Artikel aus der Zeit in die Timeline: „Warum gilt es als Abweichung, dass ich keine Kinder habe?“* Darin wird Frau Schehl, eine 44jährige Unternehmerin, interviewt, die keine Kinder hat – und auch nie welche wollte.  Damit unterscheidet sich, obwohl nach außen hin ähnlich, ihre Situation stark von der, in der wir in unserer kleinen Kinderwunsch-Filterblase hier stecken. Dennoch denke ich, dass man von außen durchaus ähnlich wahrgenommen wird, zumal viele von uns nicht öffentlich über die konkreten Gründe ihrer Kinderlosigkeit sprechen. Tabus und so… Daher lese ich solche Artikel eigentlich immer gern – es ist interessant, über ein kinderfreies Leben zu lesen, macht mir teilweise Mut und natürlich finde ich es auch wichtig, das Thema in den Medien präsent zu haben und zu zeigen, dass es eben nicht nur das Leben mit Kindern gibt.

Natürlich ist es dabei nicht unwichtig, zwischen gewollter und ungewollter Kinderlosigkeit zu unterscheiden. Letzten Endes leiden wir alle unter der Gesellschaft und ihren Fragen und Erwartungen. Auf der einen Seite die, die wollen, aber nicht können; meist bekommen wir Verständnis, wenn wir das „offenlegen“, aber auch jede Menge überflüssiger Ratschläge, Unterstellungen, Halbwissen und – das mag ich persönlich auch nicht wirklich gern – Mitleid („Du Arme, das könnte ich nicht“). Die gewollt Kinderlosen bekommen hingegen Vorwürfe (Egoismus, Karriere-Geilheit, und natürlich die Unterstellung, dass sie es sich sicherlich noch anders überlegen werden, sofern sie noch jung genug sind). Beiden Gruppen gleich die Erfahrung: Nicht mitreden zu können und immer wieder zu hören „Das versteht man nur, wenn man Kinder hat“, „Dazu kannst du nichts sagen“ bzw. in seiner Meinung nicht ernst genommen werden (dazu hat Helge mal einen tollen Post geschrieben), „So eine Liebe können nur Eltern fühlen“, „Erst mit Kindern ist das Leben komplett“ oder auch „Ohne Kinder bist du keine richtige Frau“ (WTF?!). Die Haustiere werden als Kinder-Ersatz betrachtet (als ob Eltern mit Kindern keine Tiere hätten?) und das wird lächerlich gemacht; und selbstverständlich ist man als Paar ohne Kinder auch niemals eine Familie, sondern immer nur ein Paar.

Besonders schön finde ich das Zitat aus diesem Artikel (aus der Huffington Post, leider schlecht übersetzt), in dem es um Dinge geht, die kinderlose Frauen – egal aus welchem Grund – Menschen mit Kindern sagen möchten:

Wenn ich herausfinde, dass jemand Kinder hat, frage ich auch nicht ‚Warum?‘

Ich glaube, das probiere ich beim nächsten Mal aus. Wenn jemand fragt, warum ich keine Kinder habe, frage ich zurück: „Und? Warum hast du welche?“ Das wird nämlich nie in Frage gestellt. Dass Frauen Kinder wollen (und haben!), ist der Normalzustand. So ein Blödsinn. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass kein Kinderwunsch so sehr durchdacht ist wie der unerfüllte. Die Frau, die keine Kinder möchte, hat sicherlich darüber nachgedacht und sich bewusst entschieden – schließlich wird sie, siehe oben, oft genug damit konfrontiert. Die Frau, die Kinder möchte, aber nicht „automatisch“ bekommt, wird ebenfalls darüber nachgedacht haben. Wie oft lese ich, wie wir uns mit Entscheidungen herumquälen. Noch eine Behandlung oder nicht? Adoption oder nicht? Wohingegen viele Menschen Kinder bekommen, „weil es halt dazugehört“. Und ohne groß einen Grund dafür zu haben. Müssen die sich rechtfertigen? Nein. (Ab einer bestimmten Anzahl Kinder dann doch wieder… Aber das ist eine andere Geschichte.)

Immerhin: Es gibt auch Gebiete, wo mich niemand aufs Thema Kinder anspricht. Im Büro zum Beispiel. Hier habe ich exakt eine Kollegin, die Kinder hat. Die übrigen 5 im Team sind ebenfalls kinderlos. Männer wie Frauen, jüngere wie ältere Menschen. Die Gründe dafür kenne ich nicht – ich würde auch niemals danach fragen. Dafür würde ich auch nie von der Kinderwunschbehandlung erzählen, solange diese nicht abgeschlossen ist. Schließlich gehört das Kinderkriegen in der Gesellschaft dazu – außer beim Arbeitgeber, wo es nicht gern gesehen wird und man diesbezügliche Planungen lieber geheimhält, bis es geklappt hat. Schon irgendwie schizophren, oder?


* Kleiner Disclaimer: Beinahe hätte ich den Artikel nicht zu Ende gelesen, nämlich als ich an diesem Satz vorbeikam, den ich sehr verletztend formuliert fand: „Ja, du bist gerührt, dir gibt das was, aber du setzt dich dann wieder hin und führst eine Unterhaltung weiter, du bist nicht bitter und rennst in eine Hormontherapie.“ Muss man jetzt echt die beiden Arten von Kinderlosigkeit gegeneinander ausspielen? Wir sind nicht alle verbittert und „rennen in eine Hormontherapie“, WTF?

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Der Kinderwunsch und die Zeit.

Eine Sache, die so eine Kinderwunschbehandlung so mit sich bringt, ist ja: Zeit. Wir alle wissen, wie man wartet, wir sind geübt darin. Womit ich nicht gerechnet habe, sind die Entwicklungen, die man in dieser Zeit durchmacht. Und natürlich ist es eigentlich gut, dass ich nicht mehr die gleiche Person wie vor vier Jahren bin, und es ist auch völlig einleuchtend, dass die Zeit, die Behandlung, die Sorgen und die Gedanken mich verändern.

Und vermutlich ist es eigentlich wünschens- und lobenswert, dass ich meinen Kinderwunsch regelmäßig überdenke und neu bewerte. Hätte mich jemand vor vier Jahren gefragt, wie stark er ist, hätte ich gesagt: Unmessbar. Ich war bereit, mich von meinem Mann zu trennen, der Gedanke an ein kinderloses Leben stürzte mich in die allertiefste Verzweiflung. Ich durfte mir das Leben ohne Kinder nicht allzu genau vorstellen, denn dieser Gedanke war der einzige, der in meinem Leben wirklich und wahrhaftig kurzzeitig Suizidgedanken weckte, und das hat mich so unfassbar erschreckt, dass ich den Gedanken weit, weit, weit fort von mir geschoben habe.

Mit der Zeit wurde der Gedanke erträglicher. Vermutlich ist das gesund. Nur bin ich jetzt, kurz vor den letzten Behandlungen, an dem Punkt angelangt, an dem mir ein Leben ohne Kinder fast genauso erstrebenswert wie eines mit Kindern erscheint. Weil ich die vielen negativen Aspekte, die das Leben mit Kindern mit sich bringt, sehe. Weil ich auf Twitter und im Familien- und Freundeskreis sehe, welche Anstrengungen, Einschränkungen das Familienleben mit Kindern so bringt. Weil ich zu schätzen weiß, was wir haben.

Mir war immer klar, mein ganzes Leben lang, dass ich einmal Kinder haben würde. Ob nun leibliche oder adoptierte. Mittlerweile denke ich beim Thema Adoption, auf das man ja doch öfter mal angesprochen wird: Och nö. So eine Anstrengung. So ein Aufwand. So viel Bürokratie und keine Garantie auf Erfolg, mal wieder.

Ich denke bei der Vorstellung eines Lebens mit Kindern: Und wie machen wir das mit der Arbeit. Was ist mit meiner Rente, wenn ich Teilzeit arbeite. Würde mein Mann so mitziehen, wie ich mir das vorstelle. Würde unsere Ehe das aushalten, die ständige Übermüdung und den Stress im Alltag. Würde ich meinen Job wechseln? Ich überlege, meinen Job zu wechseln, und bleibe derweil der Sicherheit wegen (und weil ich nicht weiß, was ich tun möchte, hüstel). Man sollte vermutlich auch den Job wechseln, wenn man unglücklich dort ist, wenn man ein Kind hat. Mutter zu sein ist nicht mehr meine Berufung. Zuvor dachte ich „Ich halte das aus, ist ja nur zum Geldverdienen.“ Mein Job ist nicht schlimm, aber halt auch nicht erfüllend. Meine Theorie war immer, dass der Job nicht erfüllen muss – das macht das restliche Leben. Ich weiß nicht, ob ich das noch so sehe.

Es wäre so einfach gewesen, vor vier Jahren einfach schwanger zu werden. Ich wäre so glücklich gewesen, die meisten der letzten vier Jahre. Es war alles, was ich wollte. Alles wäre nach Plan gelaufen. Ob ich es bereut hätte, Stichwort „Regretting Motherhood“? Über die negativen Seiten habe ich mir damals noch keine Gedanken gemacht. Jetzt? Ich bin so unsicher. Natürlich werden wir trotzdem weitermachen. Aufhören ist einfach keine Option, bis wir nicht wenigstens eine ICSI probiert haben. Mein Argument ist dabei gern „Hinterher würden wir es bereuen, es nicht wenigstens versucht zu haben.“ Aber der Gedanke an eine Schwangerschaft löst in mir mittlerweile eine Heidenangst aus.

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Happy Anniversary, Kinderwunsch!

„Besondere Fähigkeiten: Warten.“ Das kann ich wohl bei meiner nächsten Bewerbung in den Lebenslauf schreiben. Oder fällt das unter Hobbys? Lesen, Nähen, Warten. Kann ich.

Der Widerspruch ist seit Anfang April bei der Krankenkasse. Wir haben bisher nichts gehört. Naja, doch, eine Empfangsbestätigung hatten wir im Briefkasten. Ich habe mich nicht getraut, den Brief zu öffnen – mein Mann musste das machen, als er von der Arbeit heimkam. Heute habe ich gegoogelt, welche Fristen für Widersprüche gelten. Siehe da: Die Krankenkasse hat hochoffiziell drei Monate Zeit, auf den Widerspruch zu reagieren. Puh. Nur gut, dass wir den ersten Monat schon fast geschafft haben. Wenn ich auf den Kalender schaue, sind es auch eigentlich erst zweieinhalb Wochen. Mir kommt es vor wie eine kleine Ewigkeit.

Aber das ist momentan sowieso egal, denn: Ich warte. Dieses Mal auf meine Periode. Nach dem zweiten Pillenzyklus hatte ich recht heftige Schmierblutungen, fast eine Woche lang, aber keine richtige Blutung. Laut meiner App bin ich jetzt somit bei Zyklustag 55. Oder, wie sie es ausrechnet: Kurz vor meiner Periode, wenn ich die Zwischenblutung als Mens betrachte. Gucken wir mal. Ungewöhnlich ist es allemal, aber ich will mir nicht übermäßig Sorgen machen. (Dass ich schwanger sein könnte, halte ich übrigens für ausgeschlossen – das wäre der Witz des Jahrhunderts, wenn ich ausgerechnet in einem Pillenzyklus schwanger geworden wäre!) Ich hoffe nur, dass es bald mal soweit ist und ich darüber nicht weiter nachdenken muss.

Morgen ist unser vierter Hochzeitstag. Die gefürchteten vier Jahre sind somit erreicht. Vier Jahre, so lang hat meine Mutter gebraucht, um schwanger zu werden. Das weiß ich schon lang. Zu Beginn kam es mir absurd vor. Später wurde es mein Schreckgespenst – um Himmels willen, VIER JAHRE! Jetzt ist es soweit. Die Zeit vergeht einfach. Das ist traurig, und in diesen vier Jahren ist viel passiert, was mich traurig macht. Andererseits ist es eben das Leben. Wir versuchen, das beste draus zu machen, und wurschteln uns so durch. Ich glaube, so geht es jedem. Die vielen „Was wäre gewesen, wenn…“ spiele ich nicht mehr im Kopf durch. Ich liege nachts nicht mehr im Bett und stelle mir vor, wie es wäre, wenn ein Baby da ist. Dann würde ich wohl auch verrückt werden.

Vier Jahre also. Nichts, womit ich jemals gerechnet hätte. Mal sehen, ob uns das fünfte Jahr mehr Glück bringt.

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Schwangerschaften rundherum

Meine Filterblase ist schwanger! Links, rechts, geradeaus. Egal wohin ich schaue, sehe ich Schwangerschaften. Eine gute Freundin habe ich am letzten Wochenende im betrunkenen Kopf dazu gedrängt, es mir doch endlich zu verraten. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen – selbst ihre Familie weiß es noch nicht und sie hatten es selbst erst am Vortag erfahren. Aber es war einfach zu auffällig: Das sie beim Essen nichts getrunken hat und das mit Fastenzeit/Diät begründet hat, ok. Aber als sie dann selbst vom Tiramisu nichts aß, war ich mir sicher. Tja, und so war es dann auch.

Heute verkündete eine weitere Bekannte, dass sie im September Mama wird (ich hatte sie ohnehin schon als „nächste“ auf der Wahrscheinlichkeitsliste). Die dritte Freundin postet jede Woche ihre Bilder zum „Dickbauchdienstag“ auf Instagram. In meinem „Internetleben“ gibt es auch noch einige Schwangerschaften, von denen ich glücklicherweise nicht so viel mitbekomme. Ja, ich gebe zu, manchmal entfolge ich auch aus diesem Grund, wenn man sich anderweitig ohnehin nicht kennt.

Bei der oben genannten Freundin hat es im allerersten Versuch geklappt. Die zweite Bekannte schrieb, sie hätte nicht damit gerechnet, dass ihre Wünsche für 2017 so schnell in Erfüllung gehen. Die dritte Freundin, die jetzt schon in der 36. Woche ist, hat ungefähr ein Vierteljahr gebraucht.

Der Mann sagt, es macht ihm nichts aus, wenn es bei anderen schneller geht. Und natürlich hat er vom Kopf her ja auch Recht. Es macht für uns keinen Unterschied. Ändert nichts an meinem Neid und Selbstmitleid. Dabei muss man mit den Vergleichen aufhören, um nicht verrückt zu werden. Wir sind wir, und die sind die.

Also, was passiert im Hause „Wir“? Der Widerspruch gegen den Entscheid der Krankenkasse läuft, wir warten auf Rückmeldung. Wir sind ein bisschen emotional geworden im Anschreiben – mir war es erst etwas unangenehm, aber wie ich schon auf Twitter las und der Mann auch noch mal bekräftigte: Was haben wir zu verlieren? Möglich, dass der Krankenkassenmensch sich über unseren Brief kaputtlacht. Oder den Kopf schüttelt darüber, dass wir ihn anbetteln. Mir egal, ich bin da nicht dabei, ich bekomme es nicht mit und rechne damit, dass er offiziell angemessen und seriös reagieren wird. Und wenn die Chance besteht, dass es ihn doch irgendwie dazu bewegt, zuzustimmen, dann nutzen wir die auch.

Sonst so? Nach meinem Pillenzyklus im März habe ich meine Tage nicht bekommen. Ich hatte eine Woche Schmierblutungen und das war’s. Ab und zu piekst es etwas im Unterleib, aber nichts passiert. In winzigen Millisekunden denkt mein Kopf, das könnte vielleicht bedeuten, dass ich schwanger bin. Die Tatsache, dass ich in dem fraglichen Zyklus a) die Pille genommen habe, wir b) im entsprechnenden Zeitfenster höchstwahrscheinlich nicht „aktiv“ waren und c) eine Kinderwunschgeschichte von mittlerweile 4 Jahren halten mich davon ab, dieser Millisekunde auch nur den Hauch einer Beachtung zu schenken. Es ist Quatsch, aber ich frage mich trotzdem, was da los ist und ob ich mal zum Arzt gehen sollte, oder ob die Schmierblutung die reguläre Blutung ersetzt hat. Ansonsten wäre ich jetzt nämlich an Zyklustag 48, WTF?!

Ich bin wieder mit dem Abnehmen angefangen. Wenn ich jetzt erst einmal sowieso keine ICSI machen kann, kann ich mich auch eben um die letzten 5-6 Kilo kümmern, für die ich im letzten halben Jahr keinen Kopf hatte. Ich mache wieder meine 10.000 Schritte am Tag und zähle Kalorien. Erstaunlich, wie leicht das eigentlich ist. Außerdem nähe ich neuerdings Babykleidung. Ich möchte meine Stoffvorräte aufbrauchen und die minifuzzi T-Shirts etc. eignen sich super für Reste. Genug Schwangere in der Umgebung, die ich damit beschenken kann, habe ich ja. Erster Plan: Der überredeten Freundin ein Shirt nähen und eine Karte schreiben, auf der ich mich fürs Überreden entschuldige. Ich weiß ja eigentlich selbst, wie blöd das ist.

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Auf in die Schlacht

Seit ich die Ablehnung des Plans bekommen habe, geht es gefühlsmäßig erstaunlicherweise irgendwie wieder aufwärts. Vielleicht, weil eine neue Aufgabe entstanden ist und man wieder das Gefühl hat, zumindest irgendwas machen zu können?

Natürlich war die Absage trotzdem niederschmetternd, und mein Mann und ich hatten ein langes Gespräch mit vielen Tränen von meiner Seite und vielen Sorgen auf seiner Seite. Wir konnten uns zumindest darauf einigen, dass wir uns wenigstens einen ICSI-Zyklus leisten können. Das sagt natürlich jetzt noch so ungefähr gar nichts aus, weil wir noch keinerlei weitere Informationen haben, wie es weitergehen soll – aber für mich war das sehr wichtig, das zumindest schon einmal zu wissen.

Seither fliegen meine Gedanken von links nach rechts – die Lieblingsschwägerin brachte plötzlich als Alternative die Samenspende zur Sprache, da sie meinte, es fiele meinem Mann vielleicht leichter als eine Adoption, bei der einem (wie sie es sehr hübsch formulierte) „ein fertiges Kind vorgesetzt“ wird, bei dem man zudem im Voraus nichts über den familiären Hintergrund weiß und auch mit Unsicherheiten leben muss, zumindest anfangs, ob es wirklich bleiben darf. Seither grusele ich mich ein bisschen auf Webseiten von Samenbanken, bei denen man in eine Suchmaske seine Kriterien eingeben kann (ja bitte, 190 cm groß, blond und blauäugig natürlich) und die Proben direkt in einen virtuellen Warenkorb legen kann. WTF? Ich bestelle mir ein Kind? Da wird’s selbst für mich extrem haarig von den Gefühlen her. Mein Hintergedanke ist ja, dass bei der Samenspende vielleicht eine weitere Insemination ausreichend ist und es so deutlich günstiger würde… Der Haken an der Sache: Mein Mann hat noch nicht den Hauch einer Ahnung, dass ich das Thema im Kopf habe. Hüstel.

Auf der anderen Seite google ich wie wild Interaktionsstörung (meistens lande ich dann auf soziologischen Seiten, nicht ganz was ich meine), genetische Untersuchungen (die wurden ja in dem Gutachten bemängelt, dass sie fehlen) und Widerspruch gegen Krankenkassen-Entscheidungen. Ich schreibe wieder im Kinderwunschforum und rege mich auf Twitter über die Krankenkassenzeitung auf, in der doch allen Ernstes steht, in vielen Fällen würde es einfach daran liegen, dass man nicht genug entspannt. Boah. Kann’s noch irgendwer hören? Nein.

Ansonsten warte ich auf die Rückmeldung der Klinik – tja, da kam nichts bisher (außer der Bestätigung, dass es an die Ärzte weitergeleitet wird). Das nervt mich natürlich. Montag ist es eine Woche, dann werde ich nachhaken. Irgendwer muss ja wohl mal mit mir reden.

Jedenfalls scheine ich wieder damit leben zu können, dass es weitergeht, wo ich doch vorher völlig energielos war und nur noch auf ein „hinter mich bringen“ abzielte. Was ist da los? Aber ich will mich nicht beschweren. Also, nicht über meine Energie. Schon durchaus über die Klinik, die Krankenkasse, die allgemeine Lage, … 😉

Für meinen Mann muss ich glaube ich mal, wenn ich mir selbst über einiges klargeworden bin (z.B. Klinikwechsel? Widerspruch einlegen? Weitere Untersuchungen? Samenspende?!), einen Schlachtplan aufschreiben und ihm vorlegen. Dieses klein-klein ist nichts für ihn, da blockt er direkt, weil es ihm glaub ich auch zu unübersichtlich ist. Kann ich gut verstehen, denn ich hab ja selbst noch keinen Überblick in meinem Kopf. Wie soll ich ihn da von irgendetwas überzeugen.

Nebenbei bemerkt zum Abschluss: Besonders ironisch finde ich ja, dass es am zu guten Spermiogramm liegt, dass der Plan abgelehnt wurde. Da freut man sich jedes Mal, wenn das Ergebnis besser wird, um dann letzten Endes daran zu scheitern. Weitere wunderschöne Ironie des Schicksals: Die meines Wissens einzige andere Indikation, eine ICSI zu genehmigen, ist eine Nullbefruchtung bei der ersten IVF. Tja, von unseren VIERZEHN Eierchen hat sich befruchten lassen – eins. So halbwegs. Darüber habe ich mich damals sehr, sehr, SEHR gefreut. Jetzt ist es der Stolperstein, der die ICSI verhindert. Ey, Schicksal. Du bist gerade ein bisschen doof. Lass das mal sein mit der Ironie. Bitte.

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Zukunftsmusik. Oder: Wenn nicht, dann nicht?

Am Freitag habe ich alle Unterlagen an die Krankenkasse geschickt. Sogar etwas mehr als verlangt – für den Fall der Fälle, damit es nicht noch länger dauert! 😉 Jetzt bin ich gespannt, wie lange es dauert und ob die mit den Unterlagen glücklich sind. Beim Thema „letzter fachärztlicher gynäkologischer Bericht“ hat der Frauenarzt mir nämlich einfach mal die Krebsvorsorge ausgedruckt, weil er nicht wusste, was sonst gemeint war. Seufz. Was muss mein MdK das auch so kompliziert machen?

Am Samstag waren mein Mann und ich auf einer Feier in der Nachbarschaft. Als wir spät und angeduselt ins Bett schlüpften, checkte ich noch schnell mein Facebook und entdeckte mal wieder eine weitere Schwangerschaftsmeldung aus dem weiteren Bekanntenkreis… Seufz. So fingen mein Mann und ich an, mal wieder über das ganze Prozedere, was wir so mitmachen, zu reden.

Ich: „Jetzt haben wir nur noch die 2 ICSIs… Glaubst du noch dran, dass das klappen wird?“
Er: „Ja klar. Wieso nicht? Jetzt wissen wir ja, woran es liegt. Alle Hindernisse sind aus dem Weg geräumt.“
Ich: „Ja, aber das haben wir schon so oft gedacht. Und so oft hat jemand gesagt ‚Jetzt gibt es keinen Grund mehr‘, und es hat trotzdem nie geklappt. Ich glaube auch nicht, dass es noch klappen wird. Ich mache das nur noch, um mir hinterher nichts vorwerfen zu können.“
Er: „Aber wir haben ja dann hoffentlich noch die Chance auf die Kryo-Behandlungen. Und ansonsten – wenn nicht, dann nicht.“
Ich: „Wenn nicht, dann nicht?! Echt jetzt? Das ist deine Antwort?!“
Er: „Ja nun, ich hab dir schon früher gesagt, dass ich mir auch ein Leben ohne Kinder vorstellen kann.“
Ich: „Und was ist mit Adoption, hast du da noch mal drüber nachgedacht?“
Er: „Nein. Da können wir dann ja immer noch drüber reden, wenn’s nicht geklappt hat.“

Wenn nicht, dann nicht. Bumm. So einfach ist das. Für ihn.

Ich bin immer sehr unschlüssig, wie ich das finde, wenn er solche Dinge sagt. Denn ja, er kann auch ohne Kinder leben. Ich hatte immer die Hoffnung, dass sich diese Einstellung im Laufe der Jahre vielleicht ändert, aber bisher war das nicht der Fall. Ist ja vielleicht auch besser so für ihn. Nur, was mache ich damit? Sage ich „Ok, er hat das alles mitgemacht, um mir meinen Wunsch zu erfüllen?“ oder versuche ich, ihn davon zu überzeugen, weiterzumachen? Er hat ja auch genauso wie ich das Recht darauf, sein Leben so zu leben, wie er möchte. Aber wenn die Bedürfnisse auseinandergehen, ist das halt schwierig. Was kann dann die Lösung sein? Entweder ich gebe nach, oder er gibt nach, oder wir trennen uns, was ja auch keiner will. Ich habe allerdings durchaus die Angst, dass das in zehn-fünfzehn-zwanzig Jahren passieren wird und ich es dann bereue, wenn wir nie „weitergemacht“  haben. Oder anders, dass wir uns nicht trennen, und es trotzdem bereue und wütend auf ihn bin. Und natürlich habe ich auch Angst, dass wir aufgrund meines Drucks und starken Kinderwunschs ein Kind adoptieren und MEIN MANN es dann bereut.

Natürlich ist das alles Zukunftsmusik. Niemand weiß, ob die ICSIs nicht doch den gewünschten Erfolg haben. Oder halt eine Kryo-Behandlung. Nur nach den Erfahrungen der letzten fast vier Jahre sehe ich das halt nicht so. Und tatsächlich werde ich so froh sein, einen Haken dranmachen zu können und keine weiteren Behandlungen über mich ergehen zu lassen. Die Frage ist dann halt nur, ob das ein Haken ans Thema „medizinische Behandlungen“ oder ans Thema Kinderwunsch ist.

Ich sollte vielleicht doch mal einen Blick in dieses Buch, das ich mir schon vor Wochen bestellt habe, werfen…

Ansonsten wünsche ich mir wirklich so, so, so sehr eine Glaskugel, um ein paar Jährchen in die Zukunft zu blicken!

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Kinderwunschbehandlung. Wo sie dich trifft. 

Sie trifft dich im Bauch. Wortwörtlich, denn der Bauch ist der Ort, an dem du dir Spritzen gibst. Täglich. Rund um den Nabel. Das gibt manchmal kleine blaue Flecken, auf jeden Fall sorgt es dafür, dass deine Eizellen wachsen (was sie ja auch sollen) – du bekommst einen dicken Bauch, siehst fast schon schwanger aus, es zieht und tut weh und drückt. Du weißt oft nicht: Muss sich das jetzt so anfühlen? Ist alles in Ordnung? Du darfst zeitweise keinen Sport machen und musst dich schonen. Du nimmst Spritzen und Tabletten und, nun ja, quasi Zäpfchen. Dein medizinisches Arsenal ist beachtlich und es fällt schwer, sich bei dieser Ausstattung normal, fit und gesund zu fühlen.

Sie trifft dich im Herzen. Klingt kitschig, aber emotional ist so eine Behandlung eine reine Achterbahnfahrt. Rauf, runter und ab und an ein Looping. Man lebt mit Hoffnung und Enttäuschungen, mit Neid und Angst und Selbstzweifel. Jede Schwangerschaft einer anderen ist ein Stich ins Herz. Und jedes Gefühl von Neid macht dir wiederum ein schlechtes Gewissen, weil die anderen ja auch nichts dafür können. Du bist wütend und traurig und machst dir so viele Gedanken über deinen Kinderwunsch, wie es ein Paar, bei dem es „einfach so“ klappt, niemals gemacht hat. Wie du sie dir zu Beginn auch nicht gemacht hast. Du zweifelst und versuchst, dir ein Leben ohne Kinder vorzustellen. Du heulst bei Geburtsankündigungen oder willst ein Baby im Freundeskreis lieber nicht auf den Arm nehmen. Sie belastet deine Beziehungen, wenn du nicht offen darüber redest. Und das kannst du oft nicht. Oder du willst es auch manchmal einfach nicht.

Sie trifft dich im Geldbeutel. So eine Behandlung kostet Geld. Die Anzahl der Behandlungen ist gedeckelt, der gesetzlich garantierte Anteil ebenfalls. Du überlegst: Kann ich mir diese Sache leisten oder lieber noch eine Behandlung? Fahre ich in den Urlaub oder bekomme ich (eventuell) ein Kind? Zahlt das die Kasse? Wieviel zahlt sie? Und es ist so ungerecht. Und dann ist da immer noch das Damokles-Schwert einer weiteren Behandlung, die notwendig sein könnte, das über dir baumelt. Und das Gefühl, das dich trifft, wenn du eine Rechnung bekommst, Monate nach dem negativen Ergebnis. Und 2.000 Euro für nichts überweisen musst. Oder halt auch mal 4.000 Euro. Für die Erkenntnis, dass es wieder nicht geklappt hat.

Sie trifft dich im Terminkalender. Und ich glaube, das ist einer der meist unterschätzten Aspekte, gern auch, wenn das Thema am Rande in Büchern oder Filmen vorkommt. So eine Behandlung kostet einfach unglaublich viel Zeit und braucht Organisation. Also – insbesondere für die Frau. Während eines Behandlungszyklus bin ich ungefähr sechs bis acht Mal in der Praxis, davon der größte Teil auf einen Zeitraum von 14 Tagen verteilt. Diese Zeitpunkte sind fix und nicht verhandelbar, sie hängen von meinem Körper ab und von den Abläufen in der Praxis, nicht von meinen persönlichen Plänen. Meinem Körper ist das schnurzpiepegal, ob ich einen wichtigen Termin bei der Arbeit habe oder auf eine Party möchte oder sonst was. Neben den Terminen in der Praxis gibt es da noch die Spritzen, um die ich meinen Tag planen muss. Die müssen im Kühlschrank lagern und täglich zur gleichen Zeit gegeben werden. In der Behandlung jongliere ich daher meist ganz schön rum, was Verabredungen nach der Arbeit betrifft. Lege ich meine Spritzen auf eine späte Uhrzeit und muss dann immer früh daheim sein? Allerdings darf der Zeitraum nur von 18 bis 22 Uhr sein, das ist für einen Stammtisch oder ähnliches schon früh. Oder lege ich die Spritzenzeit früher? Dann muss ich immer pünktlich Feierabend machen, darf nach der Arbeit nicht mehr einkaufen gehen und so weiter. Und ja, ich habe mir auch schon Spritzen auf dem Klo oder im Auto gesetzt, aber es stresst halt enorm. Dann gibt es auch noch VzO. Verkehr zum optimalen Zeitpunkt oder Ovulationszeitpunkt. Dann hast du also auch noch den Sex im Terminkalender, und du bekommst nachmittags einen Anruf, in dem dir eine freundliche Klinikdame sagt, um wieviel Uhr ihr bitte verkehren sollt. Awkward.

Sie betrifft deinen Kopf. Woran du alles denken musst! Und womit du dich herumschlagen musst! Angefangen bei der Krankenkasse über gesetzliche Regelungen über einfache Dinge wie Überweisungen und Behandlungspläne, die du besorgen musst (und damit immer im Hinterkopf hast). Wie funktioniert das? Wer ist zuständig? Du kannst niemanden fragen, denn niemand ist zuständig. Die Krankenkasse – eher Gegner als Verbündeter. Die Klinik – medizinisch top, aber bei sowas aufgeschmissen. Klar, es gibt zigtausend Einzelfälle, alle mit unterschiedlichen Konstellationen, Versicherungen, Gründen. Es gibt Richtlinien für Ärzte, die den Richtlinien der Krankenkassen widersprechen (Bundesärztekammer vs. „Regelungen des Gemeinsamen Bundesausschusses“) – das weiß vorher kein Mensch, und niemand sagt es dir. Du musst alles zusammengoogeln und hast dann das Gefühl, nur ein gefährliches Halbwissen zu besitzen, da sich die Webseiten widersprechen und es keine offizielle Informationsstelle gibt. Welche Frist hat beispielsweise die Krankenkasse, auf meinen Widerspruch zu reagieren? Ich weiß es bis heute nicht.

Und dann stellt dir eine Freundin eine naive Frage („Kannst du nicht einfach…“) und du weißt nicht, ob du lachen oder weinen sollst, weil Kinderwunschbehandlung ist so ungefähr alles, aber eben nicht einfach.