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Die Kryo: Nicht mehr nachweisbar.

Gestern durfte ich dann zum zweiten Test in die Klinik. Und so saß ich ein letztes Mal im Wartezimmer und musste erstaunlich lange warten. Das war mir glücklicherweise recht egal, denn ich habe Urlaub. Das Blutabnehmen klappte so gar nicht, ich wurde doch tatsächlich 3x gepiekst und dann wurde noch gestochert. Also, da hab ich noch mal richtig was davon gehabt für mein Geld… Beim Ultraschall erwähnte die Ärztin so oft das Wort „Eileiterschwangerschaft“, dass ich doch noch ganz nervös wurde. Obwohl da eigentlich gar nichts für sprach, außer, dass die Blutung noch nicht eingesetzt hat.

Mittags dann der Anruf: Keine Eileiter-, aber auch keine sonstige Schwangerschaft. Also keine Überraschungen.

Morgen ruft mich dann noch einmal die Lieblingsärztin Dr. C. an. „Um zu besprechen, wie es weitergeht“. Ich habe zwar schon gesagt, dass es nicht weitergeht, aber die Ärztin gestern (nicht Dr. C.) meinte, es sei doch auch schon gut, einen Abschluss zu haben, und ich könnte auch gern vorbeikommen. Ja nee, das muss ja dann wirklich nicht sein, aber ein Telefonat, klar, wieso nicht. Mal sehen, was gesagt wird.

Wie geht es mir? Ich bin noch unsicher. Es fällt mir schwer, das Thema ganz loszulassen. Ich weiß nicht, ob mein Mann merkt, wie sehr es in mir steckt. Ich denke, es braucht einfach Zeit.

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Konjunktive.

Die morgendlichen Tests haben zwar nichts Neues ergeben, aber es hat mir doch geholfen, es im Kopf realer werden zu lassen: Es hat zu 99,99% nicht geklappt.

Ich werde keine Kinder haben. Meine Eltern werden keine Großeltern sein (was mir momentan fast genauso schwer zu schaffen macht). Und alles, was ich mir für unser Leben mit Kind(ern) vorgestellt habe, wird nicht geschehen. Alles, was ich weitergeben wollte. Alles, was ich erleben wollte. Alles, was ich „besser machen“ wollte. Alles, was ich RICHTIG machen wollte.

Eltern finden die Vorstellungen von Nicht-Eltern, wie es „richtig geht“, zumeist wahlweise anmaßend oder niedlich oder lächerlich. Aber jede von uns hat doch ihre Ideen, wie sie es machen will. Meine werden jetzt nicht ausprobiert (dabei funktionieren sie zumindest bei den Nichten und Neffen ganz ausgezeichnet).

Selbstverständlich wäre ich unseren Kindern auf Augenhöhe begegnet, und sie hätten viel allein machen und ausprobieren dürfen, und ich hätte mir auf die Zunge gebissen, statt „Fall nicht!“ zu rufen. Natürlich wären unsere Kinder gern in den Kindergarten und in die Schule gegangen, hätten gern gelesen und Gesellschaftsspiele gespielt, wären wissbegierig und lustig und niedlich. Keine Frage, dass unsere Kinder alle Fragen so wahrheitsgemäß wie möglich beantwortet bekommen hätten, dass Regeln für Kinder und Erwachsene gleichermaßen gegolten hätten, dass wir die besten aller Traditionen erfunden hätten.

Wir hätten Pizza gegessen und Filme geschaut. Wir hätten Bücher im Freibad gelesen. Wir hätten Kuchen gebacken und Ausflüge gemacht. Wir hätten geschaukelt, wären mit dem Ruderboot über den See geschippert, und manchmal hätte es Eis zum Abendbrot gegeben.

Frei von Vorurteilen und Gender-Normen hätten wir unsere Kinder selbstverständlich erzogen. Hätten ihnen gezeigt, dass sie alles sein können, was sie sein möchten. Dass sie machen und anziehen können, was sie möchten. Hätten unseren Jungs das Tanzen erlaubt und ihnen eine Puppe geschenkt und einen Rock genäht. Hätten unsere Mädchen beim Fußball unterstützt und ihnen Programmieren beigebracht und das Bäumeklettern. Wenn sie es gewollt hätten. Ansonsten hätten wir auch unsere Jungs beim Fußball unterstützt, ihnen Programmieren beigebracht und das Bäumeklettern. Hätten unseren Mädchen das Tanzen erlaubt und ihnen eine Puppe geschenkt und einen Rock genäht. Wir hätten die erste Liebe unserer Kinder gefeiert, egal, in wen sie sich verliebt hätten. Sandkastenfreundschaften des anderen Geschlechts hätten wir nicht als „Ach wie süß, die erste große Liebe“ scherzhaft in Rollen gepresst, die vielleicht  nicht gepasst hätten.

Wir hätten jedes Jahr zu Weihnachten Nonni und Manni geschaut, und die Augsburger Puppenkiste. Wir hätten Astrid Lindgren gelesen und ich hätte gehofft, unser Kind wäre ein bisschen wie Lotta aus der Krachmacherstraße geworden. Wir hätten im Auto und beim Spaziergang Lieder gesungen und die Kinder mit auf Konzerte genommen. Wir hätten die Kinder auf Partys lange aufbleiben lassen. Wir wären zusammen in Restaurants gegangen und hätten am Tisch Uno gespielt, damit es den Kindern nicht zu lang würde. Wir hätten Oma und Opa im Ferienhaus besucht und wären im See geschwommen. Die Kinder wären bei Opa auf den Schultern geritten und hätten sich von Oma die schönsten Bücher vorlesen lassen. Wir hätten im Wartezimmer beim Arzt „Ich sehe was, was du nicht siehst“ gespielt. Wir hätten unsere Kinder oft und lange in den Arm genommen, gekuschelt oder getobt. Wir hätten unsere Kinder abends ins Bett gebracht und noch eine Geschichte gelesen. Wir hätten die besten Weihnachtsgeschenke ausgesucht und die Geburtstage mit Kuchen und Luftballons gefeiert. Wir hätten Adventskalender gebastelt und Schultüten und kleine Elfentüren an den Fußleisten. Ich hätte Fotoalben gemacht und die besten Wortverdreher und Sprüche festgehalten und geweint, wenn mein Nachwuchs bei der Kindergartenaufführung aufgeregt den Text vergessen hätte. Ich hätte diese ganzen coolen Ideen von Pinterest ausprobiert, wäre mit auf den Spielplatz gegangen und hätte die Kinder zu den großartigsten kleinen Nerds herangezogen, die man sich nur vorstellen kann.

Es wäre nicht perfekt gewesen, aber es wäre richtig gewesen. Für uns.

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Die Kryo: Siebzehn.

Tja, die 27 ist es nicht geworden. Stattdessen nun also ein HCG-Wert von 17. Was ja sozusagen nichts ist, quasi das Blutwert-Äquivalent zu dem Hauch-Strich von gestern.

Tatsächlich nervt es mich in erster Linie ganz enorm. Siebzehn. SIEBZEHN! Sach mal, Körper, geht’s denn eigentlich noch? Dann spar es dir doch gleich ganz. Siebzehn ist doch wirklich lächerlich. Siebzig, die hätt ich genommen. Aber doch nicht siebzehn. Siebzehn heißt doch nur, dass ich jetzt einen neuen Termin für kommenden Dienstag habe, übrigens IM NEUEN QUARTAL. Was mir bei einer Schwangerschaft so was von schnuppe wäre natürlich, aber so wie die Dinge liegen, nervt es mich schon wieder enorm.

Ich denke, ich werde nachher mal im DM eine ganze Batterie an Tests kaufen. Dann können mein Mann und ich die nächsten Tage ja sehen, ob der Hauch hauchiger oder stärker wird…

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Die Kryo: Ein Hauch.

Gestern war so ein blöder Tag. Es war heiß (das mag ich eigentlich), daher wurde unsere Abendverabredung verschoben. Das kann ich ganz schlecht haben, wenn ich mich auf etwas gefreut habe – auch wenn es nur um 2 Tage verschoben wird, verhagelt es mir die Laune. Außerdem hatte ich voll auf die Ablenkung gesetzt! Außerdem wollte mein Mann eigentlich noch eine Überweisung bei meinem Frauenarzt abholen, die ich dringend nachreichen musste (für die Kontrolle nach der Bauchspiegelung). Das Quartal ist ja nun fast vorbei. Tja, er schrieb dann, dass er es nicht schafft wegen der Arbeit, und ich durfte mich bei 36 Grad im Schatten auf den Umweg machen, mit dem Fahrrad (er wäre mit dem Auto unterwegs gewesen). Genau das also, was ich eigentlich vermeiden wollte.

Ich hab mich dann so darüber aufgeregt, dass ich den Großteil der Fahrt über geheult habe… Tat aber auch irgendwie ein bisschen gut. Als ich dann endlich in unser Wohngebiet einbog, sah ich hoch oben einen großen Vogel kreisen… Und ich dachte allen Ernstes erst einmal, das wäre ein Storch. Und der erste Gedanke, der mir wiederum dazu kam, war „Wollt ihr mich eigentlich alle verarschen jetzt?!“ – aber es war dann offenbar doch nur ein Reiher oder Kranich.

Jedenfalls habe ich daheim erst mal auf dem Bett im halbwegs kühlen (sprich, nur so 28 Grad) Schlafzimmer vor mich hin gelitten, bis der Mann nach Hause kam. Und abends, nach dem Abendessen, war es dann soweit und ich testete. Und was kam? Nach drei Minuten schaute mein Mann auf den Test, beugte sich vor, beugte sich zurück, hielt ihn näher an die Nase, hielt ihn weiter weg… Und meinte „Ich bin irgendwie nicht sicher“.

Nachdem er vor ein paar Behandlungen schon mal den Kontrollstrich für einen Schwangerschaftsstrich gehalten hatte, rollte ich daher innerlich mit den Augen und ließ mir den Test rüberreichen. Und tja, ich kippte ihn etwas nach hinten, etwas nach vorn, hielt ihn etwas näher an die Nase, dann wieder etwas weiter weg… Denn da WAR etwas. Aber es war ein Hauch. Und zwar sowas von hauchig, dass ich nicht mal ein Foto machen konnte von diesem Hauch.

Natürlich erinnerte mich das direkt an die biochemische Schwangerschaft, bei der der Test gar nicht so unähnlich ablief. Mit dem Unterschied, dass die hauchige Linie dieses Mal schon direkt nach den vorgeschriebenen drei Minuten sichtbar war und nicht wie beim letzten Mal erst nach 5-10.

Tja, was nun? Ich bin so schlau wie vorher. Innerlich bereite ich mich auf ein weiteres Erlebnis wie beim letzten Mal vor, mit einem sehr niedrigen HCG-Wert und dem Ende nach einigen Tagen. Vielleicht ist da auch gar nichts und wir haben uns die Linie nur eingebildet. Immerhin konnte man sie nicht mal fotografieren. Andererseits ist es früh, es ist heiß und ich habe viel getrunken und war vor dem Test gerade mal 45 Minuten vorher schon auf der Toilette, whatever that means.

Vor dem Test war ich mir sicher: Egal, was er anzeigt, ich werde weinen. Das blieb aus, weil es eben einfach so ein Nicht-Ergebnis ist. Eins, das mich in keinerlei Hinsicht irgendwie weiterbringt. Die Hoffnung klammert, aber der Realismus eben auch.

Heute früh war einer dieser Morgen, an denen man aufwacht und sich erst mal wieder zurechtfinden muss im Ich. Kurzer Check – wer bin ich? Wo bin ich? Welcher Wochentag ist heute? Was liegt heute an oooooh!!! Der Test. Mein gesammeltes Ich nahm diese Info allerdings recht entspannt auf, erstaunlicherweise. Ich bin bei weitem nicht so nervös und aufgeregt wie beim letzten Mal!

Ich war also bereits in der Klinik. Für das Ergebnis darf ich dann heute Mittag anrufen… In FÜNF STUNDEN. Naja, viereinhalb inzwischen. Mal sehen, ob ich die 27 toppe!

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Die Kryo: Kurz vorm Test.

Jetzt sind doch tatsächlich schon 13 Warteschleifen-Tage vergangen. Und es ist wirklich der Wahnsinn, wie die Zeit aktuell verfliegt. Und wie wenig ich daran denke. Es ist natürlich schon immer irgendwo präsent. Wenn ich mir einen Kaffee hole (und nur einen!). Wenn ich in der Apotheke frage, ob ich das rezeptfreie Medikament auch nehmen darf, wenn ich schwanger bin. Wenn ich über Geburtstermine nachdenke und ob das nächste Jahr wohl ein Schaltjahr ist, denn was, wenn der Nachwuchs dann am 29. Februar Geburtstag hätte, aber hey, er wäre so oder so was besonderes, wieso sollte der Geburtstag dann weniger besonders sein als die Zeugung. (2020 IST übrigens ein Schaltjahr. Und der Geburtstermin wäre der 4. März, also, absurd ist das nicht!)

Aber ich mache mir nicht die ganze Zeit Sorgen oder Gedanken. Bei all den Dingen, die ich oben erwähnt habe, muss ich lächeln. Aber ich bin mir auch die ganze Zeit ebenso konstant der Tatsache bewusst, dass es wahrscheinlich nicht so ist. Und ehrlich gesagt weiß ich auch gar nicht so genau, wie ich im Falle eines negativen Tests reagieren werde. Sicherlich werde ich erst einmal weinen. Gut so, es ist ja auch traurig. Dann liegen schon mehrere Bücher auf meinem Selbsthilfestapel. (Ich habe eine Schwäche für Selbsthilfebücher! Und für den Ich-werde-nicht-Mutter-Fall liegen bereits drei Bücher dort.) Vielleicht sollte ich ein längeres Gespräch mit meinem Mann einplanen. Oder gucken, was „von selbst“ passiert. Irgendwie müssen wir es dann auch der Familie sagen. Vielleicht machen wir Karten. Wie Geburtskarten, nur ohne. Ähm. Vielleicht ist das auch eine absolute Schnapsidee! 😉

Ihr seht, innerlich habe ich beide Szenarien mehrfach durchgespielt. Ich bin Realistin genug, um das letztere als wahrscheinlicher anzuerkennen. Dennoch ist da immer noch die Hoffnung, wirklich ein hartnäckiges Ding, diese Hoffnung, auch noch nach sechs (SECHS!!!) Jahren. Und wie ich dann tatsächlich reagieren werde, wenn diese Hoffnung sich nach all der Zeit dann doch in Luft auflösen sollte, wenn dieser Teil von mir, der mich seit so vielen Jahren begleitet, plötzlich weg ist – wer weiß, was dann passiert.

Aber mal etwas konkreter. Verspüre ich irgendwelche Schwangerschaftsanzeichen? Nö, absolut null. Keine Mini-Blutung wie bei der biochemischen Schwangerschaft, kein Ziepen und Zerren, kein gar nichts. Mir ist nicht übel, mir schmeckt alles genau wie vorher, meine Brüste sind nicht empfindlich oder tun weh (sie sind überraschenderweise nicht mal besonders schwer, wie sie es sonst dank Utrogest sind). Mein Körper vermeldet also ein fröhliches „Jau, ich bin noch hier, mir geht’s wie immer, war irgendwas?“

Und mein Bauchgefühl? Hahahahaha! Stellt euch an dieser Stelle bitte vor, wie ich vor Lachen auf dem Boden kugle. So etwas habe ich nicht mehr. Manchmal fragt mich mein Mann, was ich denn für ein Gefühl habe, und ich sage „Ich fühle mich ganz normal“. Ich habe keine Ahnung.

Wenn ich jetzt so an den Test denke, den wir heute Abend machen werden, bin ich natürlich etwas aufgeregt. Ich hatte aber dieses Mal überhaupt nicht das Bedürfnis, schon früher zu testen. Obwohl ich sogar einen Frühtest gekauft habe. Einen richtig teuren, von Clearblue. Hey, wenn ich noch einmal einen Schwangerschaftstest mache, kann das auch der Ferrari unter den Tests sein. (Okay, den digitalen habe ich mir dann doch gespart.)

Von morgen an wird mein Leben anders sein. Und das faszinierende daran ist, auch wenn ich NICHT schwanger sein sollte, wird mein Leben definitiv ANDERS sein, aber kein Mensch um mich herum (dem ich nicht davon erzählen möchte) wird es erkennen. Aber ich denke, das ist ein Thema für einen weiteren Blogpost… Denn mit dem Ende der Kinderwunschbehandlung wird es vermutlich noch nicht das Ende dieses Blogs sein.

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Die Kryo: Warteschleifen-Halbzeit.

Halbzeit für Clemens und Clementinchen. Naja, Halbzeit zumindest für die Bestätigung ihrer Existenz oder eben Non-Existenz. Wie das bei mir so üblich ist, sitze ich hier und habe keinerlei Gefühl in die eine oder andere Richtung. Auch die Gedanken sind die gleichen wie immer. Einerseits Hoffnung, andererseits ein pragmatisches „Wieso sollte es plötzlich anders sein“. Das ist okay.

Natürlich wüsste ich gern, wie es ausgeht. Das Kapitel Kinderwunsch steht kurz vor seinem Abschluss, und ich kenne das Ende noch nicht. Wie so ein Krimi, wo man wenige Seiten vor Schluss immer noch keine Ahnung hat, wer es sein könnte. Das muss man dem Leben ja lassen: Spannung kann es. Heute hatte ich die Nachkontrolle der Bauchspiegelung und durfte meine Gebärmutter im Ultraschall sehen, aber ich konnte es mir verkneifen, zu fragen, ob irgendwas zu sehen wäre. Das wäre eine Woche nach Transfer schließlich ziemlich absurd.

Ich benehme mich also nun erst mal möglichst vorbildlich, trinke wenig Kaffee, fahre nicht zu schnell Rad, habe den Alkohol gestrichen. Nehme weiterhin alle Medikamente zzgl. nerviges Utrogest und Blaue-Flecken-Clexane-Spritzen. Halte ab und zu meinen Bauch fest und denke an Clemens und Clementinchen, aber nicht zu oft.

Diese Woche habe ich doch tatsächlich bei einem Gewinnspiel einer Zeitschrift 200 Euro gewonnen. Der Plan ist: Sollte ich schwanger sein, wird das der Grundstock für ein Sparkonto für den Nachwuchs. Und sollte ich es nicht sein, verprassen wir das Geld für irgendetwas total sinnfreies, was wir immer schon mal haben wollten. (Ein 3D-Drucker zum Beispiel – wobei, da müsste ich gleich noch 2-3x gewinnen… 😉 )

Das war mein kurzer Halbzeit-Pieps! Ich verbeuge mich und bin erst mal wieder raus!

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Die Kryo: Clemens und Clementinchen.

Lieber Clemens, liebes Clementinchen!

Der Tag, an dem ihr bei eurer Mama in den Bauch eingezogen seid, regnete es. Ich war darauf nicht vorbereitet und hatte keine Jacke mit auf dem Weg zur Klinik, in der ihr auf mich wartetet. Unter einer Brücke wartete ich den Großteil des Regengusses ab, und während ich dort stand, den Regen und die Baustelle anschaute, dachte ich darüber nach, wie absurd das alles war. Ich hier. Ihr dort. Und euer Papa nicht einmal in der Stadt, sondern in einem Büro in der Nachbarstadt. Und trotzdem war heute der Tag der Tage, der Tag, an dem ihr euer Leben fortsetzen würdet, hoffentlich für viele, viele Jahre.

Angefangen hat euer Leben natürlich schon vor langer Zeit. Vor über einem Jahr! Im Mai 2018 seid ihr entstanden, zusammen mit Luke und Leia, die damals nicht bleiben wollten oder konnten. Noch so eine Absurdität. Nüchtern betrachtet steckt so eine Kinderwunschbehandlung voller Absurditäten. Ich hier, und meine potenziellen Kinder noch vor ihrer Geburt anderswo. Meine Kinder, entstanden lange vor ihrem tatsächlichen Geburtstag, sollte es soweit kommen. Meine Kinder, über ein Jahr lang eingefroren. Wenn wir in der Science Fiction darüber reden, dass Leute sich einfrieren lassen, sind diese in der Regel zumindest schon mal geboren. Wir hingegen leben tatsächliche Wissenschaft, wir brauchen keine Science Fiction, wir nehmen nur den Science-Teil und frieren unsere Kinder ein.

Clemens und Clementinchen sind natürlich nur eure Projektnamen. Möglicherweise seid ihr zwei Clemense, oder zwei Clementinchen, oder nichts davon. Eins von euch ein Vierzeller, das andere ein spektakulärer ZEHNzeller. Ihr sitzt nun in Mamas Gebärmutter und teilt euch hoffentlich fleißig. Noch 2-3 Tage, meinte die Biologin, dann solltet ihr euch ein gemütliches Eckchen in der Schleimhaut suchen und euch dort einnisten. Und dann wachsen, wachsen, wachsen.

Es ist erstaunlich, wie anders plötzlich alles ist im Vergleich zu noch vor einigen Stunden. Das absurd-nüchterne, unzeremionielle eines Transfers in der Klinik, durchgeführt mal eben in der Mittagspause zwischen Emails und Mittagessen, innerhalb von 20 Minuten abgehakt, mit anschließendem Füße hochlegen auf der Auto-Rückbank, weil die Klinik das nicht für nötig erachtet und ich mich damit aber trotzdem besser fühle. Und im Gegensatz dazu die plötzliche Emotionalität einer Frau Mitte 30, die sich plötzlich ausmalt, ihren Kindern die Geschichte ihrer Entstehung zu erzählen und die ihnen unbedingt mitteilen möchte, dass es an dem Tag, als sie bei Mama in den Bauch einziehen durften, geregnet hat. Die bei der letzten ICSI noch von „kleine(n) Parasiten, die noch keine Menschlein sind, sondern bisher nur Zellhaufen, die noch in ihrer kleinen Hülle stecken“ schrieb und plötzlich ihre Kinder sieht.

Was ist anders? Vielleicht ist es die Endgültigkeit, das Letzte-Chance-Gefühl. Vielleicht sind es schlicht die Hormone. Vielleicht bricht mein eigentlich doch immer vorhandener Optimismus sich Bahn, verdrängt den in den letzten Behandlungen zunehmend gewachsenen Pragmatismus und Realismus. Allerdings – ich erinnere mich, dass ich auch schon beim letzten Mal zu Luke & Leia eine kleine, unrealistische, aber dennoch emotionale Beziehung aufgebaut habe. Clemens und Clementinchen kommen mir so real vor. Vielleicht, weil sie Namen haben. Absurd-bescheuerte Namen (jedenfalls in der Kombi), aber nichtsdestotrotz Namen. Namen, unter denen ich mir kleine blonde lockige Kinder vorstellen kann, die – völlig abwegig wäre es nicht, wenn man die Termine betrachtet – möglicherweise am gleichen Tag Geburtstag hätten wie ihr Papa. Ihr Papa, der Mann, mit dem ich mir besser Kinder vorstellen kann als mit jedem anderen Mann auf der Welt.

Zwei Wochen haben wir jetzt definitiv mit Clemens und Clementinchen. Zwei Wochen guter Hoffnung, zwei Wochen ein bisschen schwanger. Dann wird’s ernst. Ich mag gar nicht dran denken.